Findelbaby

Koffer-Mann ist nicht der Vater: Fall Marie immer mysteriöser

Foto: Marcelo Hernandez

Das Ergebnis der DNA-Analyse liegt vor. Der junge Mann ist nicht der Vater. Trotzdem könnte er das Baby ausgesetzt haben. Die Polizei rätselt.

Hamburg. Die Ermittlungen im Fall des ausgesetzten Findelbabys Marie sind einen wichtigen Schritt weiter - näher an die Eltern des Kindes haben sie die Polizei jedoch nicht geführt. Wie eine DNA-Analyse ergab, ist der in der vergangenen Woche vernommene 20-Jährige, nach dem wochenlang gefahndet worden war, nicht der Vater des kleinen Mädchens, sagte Polizeisprecher Holger Vehren. Der Mann war erst nach zwei Monaten Öffentlichkeitsfahndung von einer Zeugin erkannt worden. Die Polizei ermittelt natürlich trotzdem weiter: Wenn der junge Mann nicht der Vater ist, könnte er trotzdem im Auftrag eines Dritten gehandelt haben, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft sieht derweil einen Anfangsverdacht gegen den 20-Jährigen wegen Aussetzung und versuchten Totschlags. „Wir untersuchen jetzt das weibliche Umfeld des Verdächtigen“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Wer Maries Mutter ist, sei noch völlig unklar. „Es gibt derzeit keine Hinweise.“

Im nächsten Schritt sollen weitere Spuren, darunter Faserspuren, abgeglichen werden. So soll etwa geklärt werden, ob der 20-Jährige den Koffer, in dem der Säugling lag, angefasst hat. Die Polizei hat die Wohnung des 20-Jährigen bereits durchsucht und den verdächtigen Koffer beschlagnahmt, in dem Marie möglicherweise transportiert wurde. Der junge Mann war der Polizei aufgefallen, weil er kurz vor der Tat von Überwachungskameras am Bahnhof Dammtor aufgenommen worden war und einen Koffer derselben Marke transportierte, in dem auch Marie von einem CCH-Pförtner gefunden worden war.

Findelbaby Marie lebt inzwischen bei einer Pflegefamilie. Derzeit hat das Jugendamt die Vormundschaft. Schon im Krankenhaus hatte Marie sich prächtig entwickelt.

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Findelkinder leiden ein Leben lang unter Ängsten und Unsicherheit

Scham und Schmerz darüber, ausgesetzt worden zu sein, begleiten Findelkinder ihr Leben lang. Die Unkenntnis ihrer Herkunft führt bei ihnen zu mangelndem Selbstwertgefühl und Verunsicherung. In Deutschland gibt es nur wenige spezialisierte Therapeuten und Beratungsstellen, die ihnen bei der Aufarbeitung ihrer komplexen Probleme zur Seite stehen können.

Waltraud Schäfer, 61, berät seit 1982 Findelkinder, Adoptierte, Adoptiveltern und Mütter, die ihr Kind weggegeben haben (www.adoption-im-dialog.de). "Findelkinder haben große Probleme, ihr Schicksal zu bewältigen", sagt sie. "Besonders, wenn sie so herzlos ausgesetzt wurden wie die kleine Marie."

Jemand, der angekleidet und zugedeckt, vielleicht sogar mit einem Kuscheltier in einem Krankenhaus abgegeben worden sei, könne zumindest von einer gewissen Sorgsamkeit der Mutter ausgehen und stelle seine eigene Wertigkeit nicht ganz so stark infrage wie Menschen, deren Mütter ihren Tod in Kauf genommen hätten. "Das Gefühl, ich bin abgegeben worden, war nicht gewollt, verursacht bei den Betroffenen lebenslanges Grübeln und Hadern", sagt die Expertin. "Das raubt ihnen Energie und macht sie ruhelos."

Findelkinder hätten auch große Schwierigkeiten, sich selbst anzunehmen. "Oft ist schon ein Blick in den Spiegel eine zu starke Konfrontation mit sich selbst, weil er Fragen nach Ähnlichkeiten mit den Eltern aufwirft", sagt Waltraud Schäfer.

In einer schwedischen Studie wiesen Wissenschaftler nach, dass Findelkinder stärker gefährdet sind, Suizid zu begehen, alkohol- oder drogenabhängig zu werden, wegen einer psychiatrischen Störung eingewiesen zu werden oder ein Verbrechen zu begehen. "Durch das traumatische Verlieren der ersten Bezugsperson leiden Findelkinder an Ängsten, die sie nicht zuordnen können", weiß Lenore Wittig von der Beratungsstelle "Freunde der Kinder" ( www.Freunde-der-Kinder.de ).

Besonders in der Pubertät verspürten sie Wut und Ohnmacht - und litten unter dem Unvermögen, sich von ihren Eltern abzugrenzen, weil sie sie nicht kennen. Zeitlebens hätten Findelkinder eine "erschütterbare Identität" und müssten von ihren Adoptiveltern besondere Zuverlässigkeit, ein sicheres Zuhause und verlässliche Strukturen erfahren. Die Schwierigkeiten, feste Beziehungen einzugehen, würden sie ein Leben lang begleiten - oft wiederhole sich sogar ihr Schicksal, indem sie ihre eigenen Kinder weggäben.

Auch wenn Findelkinder von ihren Pflegeltern Liebe und Zuwendung erfahren, sehnen sie sich immer danach, ihre leiblichen Eltern kennenzulernen. "Leider", bemerkt Psychologin Wittig, "vergrößern Babyklappen die Zahl derer, die ihre Wurzeln nie werden herausfinden können."