"Ich wollte mein Baby so schnell wie möglich loswerden"

Foto: Juergen Joost

Am Ende entschied sich diese Mutter für ein Leben mit Kind

Eimsbüttel. Dieses schmerzhafte Bauchgefühl, dass sie schwanger sein könnte, kam mitten in der Nacht - das Baby nur Minuten später. Sie habe sich sofort von dem kleinen Jungen abgenabelt, ihn in ein Handtuch gewickelt und dann erst einmal den blutigen Badezimmerboden geschrubbt. "Ich habe funktioniert, aber in meinem Kopf herrschte Chaos", sagt Rebecca Schneider (Nachname geändert) über die Nacht des 17. November 2009. Die Nacht, in der Damian geboren wurde. Das Kind, das die 27-Jährige nie haben wollte.

Sie habe einen klaren Karriereplan im Kopf gehabt, sagt die junge Frau, die damals im hessischen Darmstadt lebte, Architektur studierte, für die Diplom-Prüfung paukte und nebenbei jobbte. "Wie werde ich dieses Kind los? Die Frage ging mir nicht aus dem Kopf", sagt Rebecca Schneider. Die Schwangerschaft dagegen hatte sie neun Monate lang aus dem Kopf bekommen. Geahnt habe sie selbst davon nichts, ein paar Freundinnen schon eher. "Du hast ein bisschen zugelegt, bist du vielleicht schwanger?", habe eine Kommilitonin mal zaghaft gefragt. Da habe sie nur heftig mit dem Kopf geschüttelt. Ihre Monatsblutung, sagt sie, sei schließlich nicht ausgeblieben.

Noch in der kalten Novembernacht, die Temperaturen waren auf minus zehn Grad gefallen, überlegte sie fieberhaft, wo sie das Neugeborene hinbringen könnte. "Aussetzen wollte ich ihn nicht", sagt die Frau mit der dunklen Kurzhaarfrisur. "Es sollte ihm doch gut gehen." Sie habe im Internet recherchiert, von einer Babyklappe in Hanau bei Frankfurt gelesen. "Aber das war mir zu weit, wie sollte ich das Baby dahin bringen?", sagt sie. Rebecca Schneider stieß auf den Eintrag des Hamburger Projekts Findelbaby, wählte zwei Tage später die bundesweit kostenlose Notrufnummer 0800 456 0 789.

Zwei Mitarbeiterinnen setzten sich umgehend ins Auto, fuhren zu Rebecca Schneider nach Darmstadt. "Ich habe mich verstanden gefühlt", sagt die junge Frau, die selbst in Verhältnissen aufgewachsen war, die man als "gutbürgerlich" umschreiben könnte. Sie willigte ein, mit ihrem Sohn nach Satrupholm bei Flensburg mitzukommen, wo das Projekt Findelbaby Mütter und Neugeborene betreut - auch medizinisch.

Der kleine Damian wurde in einer Pflegefamilie untergebracht - zunächst für acht Wochen. "Diese Zeit geben wir den Müttern, um sich vielleicht doch für ihr Kind zu entscheiden", sagt Findelbaby-Projektleiterin Leila Moysich. Mit Erfolg. Rebecca Schneider lebt heute mit Damian in einer kleinen Wohnung in Schleswig-Holstein, arbeitet von zu Hause aus für ein Architekturbüro. Wenn sie von Fällen wie dem "Koffer-Baby" hört, dann hat sie Verständnis für die Verzweiflung der Mutter. "Aber ich kann nur für mich sprechen und sagen: Heute ist mein Sohn mein größtes Glück."