Ausgesetztes Findelkind

Der Fall Marie: Das Phantom ist identifiziert

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Mann, der im Zusammenhang mit dem ausgesetzten Baby Marie gesucht wurde, ist ein 20-Jähriger aus Hamburg. Angaben werden geprüft.

Dammtor. Hinweis Nummer 102 führte die Polizei zum richtigen Verdächtigen: Der Mann mit dem Koffer, der wegen des Verdachts, das Baby Marie am CCH ausgesetzt zu haben , ist nach dem Hinweis einer Frau, die ihn zu erkennen glaubte, identifiziert. Es handelt sich um einen 20-Jährigen aus Hamburg. Am Freitag wurde er im Polizeipräsidium vernommen. Er bestätigte, der Mann auf dem Bild zu sein. Mit dem am 4. Januar in bitterer Kälte abgelegten Findelkind will er allerdings nichts zu tun haben. Beamte des LKA prüfen die Aussagen des jungen Mannes derzeit.

Warum es so lange dauerte, ihn zu finden, bleibt rätselhaft. Obwohl das Foto in allen Zeitungen und immer wieder in diversen TV-Sendungen zu sehen gewesen war, schien sich niemand sich an dieses Gesicht zu erinnern. Selbst eine Ausstrahlung der Video-Sequenz in der Fahndungssendung "Aktenzeichen xy" erbrachte kaum mehr als ein spärliches Dutzend Anrufe. Fast schien es, als existiere der Mann mit dem Koffer gar nicht - und wenn doch, dann zumindest nicht in Hamburg. Ein Phantom?

Der 20-Jährige, der im Polizeipräsidium an der Hindenburgstraße zu seinen Personalien, zu seinem Aufenthaltsort am 4. Januar und zu seinen Lebensumständen befragt wurde, ist alles andere als das. Er wurde am 5. Mai 1990 in Hamburg geboren, hat hier seinen Lebensmittelpunkt. Wo, das will die Polizei aus Rücksicht auf die noch laufenden Ermittlungen nicht mitteilen. Ob er der Mann ist, der auch die kleine, in Tücher gewickelte und sorgsam bekleidete, 2200 Gramm leichte und 45 Zentimeter große Neugeborene in einem "Omica"-Rollkoffer vor einem Lieferanteneingang des CCH abgelegt hat, ist derzeit noch ungewiss. Pförtner Habib Naji hatte das Mädchen schreien gehört und aus dem engen Koffer befreit. Gerade noch rechtzeitig. Das Mädchen war unterkühlt, konnte kaum Luft bekommen. Wenige Tage danach hatte die Polizei die Bilder der Überwachungskameras vom nahen Dammtor-Bahnhof veröffentlicht. Der Mann auf den Aufnahmen, die am Tag des Auffindens der kleinen Marie entstanden, trug einen Koffer der gleichen, seltenen Marke "Omica" - wenn auch einen deutlich größeren als jenen, in dem Marie abgelegt worden war. Doch "Omica"-Koffer werden oft im kompletten Set verkauft.

Die Theorie der Ermittler war kühn: Vermutlich habe der junge Mann in der schwarzen Kleidung das Baby in einen kleineren Koffer gesteckt und diesen dann wiederum im großen Koffer transportiert, womöglich, damit nicht auffalle, dass er auf dem Hinweg mit Koffer, auf dem Rückweg ohne Koffer unterwegs ist. Gestützt wurde die Theorie durch den Umstand, dass der große Koffer, den der 20-Jährige trägt, offensichtlich nicht ganz geschlossen ist. Hat er, so mutmaßten die Ermittler, den Koffer bewusst offen gelassen, damit das Baby im Inneren wenigstens ein kleines bisschen Luft bekommt? Spekulation gewiss, aber andere Ermittlungsansätze gab es nicht.

Die Polizei ist nun zwar sicher, dass der am Freitag vernommene 20-Jährige der Mann auf den Lichtbildern ist. Unsicher ist, "ob seine Person konkret mit der Ablegetat zusammenhängt", wie Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers sagt. "Da laufen Ermittlungen." Es gebe einen Anfangsverdacht der Aussetzung und des versuchten Totschlags, aber keinen dringenden Tatverdacht. Die Beweislage reiche nicht für einen Haftbefehl. Der 20-Jährige ist nach Informationen des Abendblatts nicht polizeilich vorbelastet, auch wenn er als Jugendlicher schon mal wegen Diebstahls und Sachbeschädigung aufgefallen war.

Der Verdächtige hat eine Speichelprobe abgegeben und eine erkennungsdienstliche Behandlung akzeptiert. Seine DNA soll mit Spuren vom Koffer, in dem Marie lag, abgeglichen werden. Er hat, so Polizeisprecher Holger Vehren, den Beamten mitgeteilt, wo er am 4. Januar mit dem großen Koffer hingefahren ist und woher er kam. "Diese Angaben werden jetzt auf ihre Plausibilität überprüft", so Vehren. "Erst dann wissen wir, ob wir einen konkreten Tatverdacht vorliegen haben." Gründe für eine vorübergehende Inhaftierung sah der zuständige Richter am Freitag nicht. Zu wenig konkret sind die Hinweise darauf, dass der Mann auf dem Bild Marie ablegte, dass er vielleicht ihr Vater ist.

Marie lebt inzwischen bei einer Adoptivpflegefamilie. Derzeit hat das Jugendamt die Vormundschaft. Schon im Krankenhaus hatte Marie sich prächtig entwickelt.