Findelbaby vom CCH

Jugendamt sucht Familie für die kleine Marie

Foto: Marcelo Hernandez

Die Ärzte sind mit Entwicklung des Findelbabys zufrieden. Im Alter von acht Wochen kann es adoptiert werden. Polizei fahndet nach der Mutter.

Hamburg. Während die Polizei nach der Mutter des Findelbabys vom Congress Center Hamburg (CCH) fahndet, hat bereits eine Reihe von Paaren im Bezirk Mitte Interesse an einer Adoption der kleinen Marie bekundet. Das Jugendamt hat gestern die Vormundschaft über den vier Tage alten Säugling übernommen, der am Dienstag in einem Koffer vor dem Lieferanteneingang des CCH an der Tiergartenstraße ausgesetzt worden war.

Mittlerweile kann die Kripo den Zeitraum, in dem der Rollkoffer mit dem Baby abgestellt worden ist, eingrenzen. Nach bisherigen Ermittlungen soll dies am Dienstag zwischen 15 und 17 Uhr passiert sein. So fand die Polizei heraus, dass der Koffer erst ab 15 Uhr unbemerkt abgelegt werden konnte. Bestimmte Zugänge, durch die CCH-Mitarbeiter dies hätten bemerken müssen, waren zu diesem Zeitpunkt offen. Wie berichtet, hatte ein Passant den verschlossenen Koffer um 17 Uhr gefunden und anschließend den Pförtner Habib Naji in seiner etwa 30 Meter entfernten Loge informiert.

Bislang sind bei der Polizei Zeugenhinweise nur sehr spärlich eingegangen. Eine heiße Spur zur Mutter ist allerdings nicht darunter. Die Fahnder gehen nach jetzigem Erkenntnisstand davon aus, dass sie es war, die das Kind in dem Koffer ausgesetzt hat. Diese Theorie sei näherliegend als etwa eine dritte unbekannte Person.

Die Polizei hat nicht nur an dem nahe gelegenen Bahnhof Dammtor und am CCH die Videobänder aus den Überwachungskameras sichergestellt, sondern auch aus den umliegenden Bahnhöfen. Gut möglich, dass die gesuchte Frau einen weiteren Fußweg zurückgelegt hat. Diese Videoaufzeichnungen werden derzeit akribisch danach ausgewertet, ob etwa weibliche Personen Bahnhöfe mit einem Koffer verlassen. Auch dabei hat sich noch keine heiße Spur aufgetan.

Deshalb veröffentlicht die Polizei nun Fotos der Kleidung, die Marie beim Auffinden trug. Außerdem lagen weitere Kleidungsstücke in dem Koffer, darunter Mütze, Schneeanzug, Body und ein Strampler. Diese wurden fast ausschließlich bei H&M gekauft. "Es ist schwierig zu ermitteln, wo genau die Kleidungsstücke gekauft worden sind, weil es diverse dieser Filialen gibt", sagt Polizeisprecher Holger Vehren.

Ebenso verhält es sich mit dem Koffer der Marke Omica, auf dem ein Delfin mit einer Krone zu sehen ist. Laut Polizei handelt es sich hierbei ebenfalls um ein Massenprodukt. Wer diese Kleidung oder den Koffer einer ehemals schwangeren Frau zuordnen kann, wird gebeten, sich bei der Polizei unter der Telefonnummer 428 65 67 89 zu melden.

Auf Aussetzung drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft. Dieses Strafmaß ist allerdings kaum zu erwarten. In vergleichbaren Fällen sprachen die Richter milde Urteile.

Nach Auskunft der Ärzte ist der Zustand der kleinen Marie gut. "Wir sind zufrieden", sagt Rainer Süßenguth, Sprecher des Altonaer Kinderkrankenhauses. Bereits in wenigen Tagen könne sie das Krankenhaus verlassen und in einer Adoptivfamilie aufgenommen werden. Das Familiengericht hat mittlerweile dem Jugendamt Mitte die Vormundschaft über Marie übertragen. "Das Jugendamt versucht nun, eine Adoptivpflegefamilie für sie zu finden", sagt Mittes Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD).

Marie könne frühestens im Alter von acht Wochen adoptiert werden. Das Familiengericht hat allerdings verfügt, dass die Adoptivfamilie das Kind für den Fall wieder abgeben muss, dass sich die Mutter meldet. Dann würde das Familiengericht prüfen, ob das Kindeswohl bei der Mutter gewährleistet sei, so Bezirkschef Schreiber. Wenn das nachgewiesen werde, bekäme die Mutter die Vormundschaft.

Habib Naji, der Mann, der die kleine Marie am Dienstagabend aus dem Koffer befreite, erhielt gestern eine Nachricht, über die er sich nach eigenem Bekunden sehr freute: "Am Freitag darf ich die Kleine in der Altonaer Kinderklinik besuchen", sagte Naji gestern. Schon gestern und am Mittwoch war er im Krankenhaus gewesen, doch das Findelbaby brauchte Ruhe - und die Vormundsfrage war zunächst noch nicht abschließend geklärt. Naji sagte dem Abendblatt: "Ich bin wirklich gespannt und freue mich, Marie wiederzusehen." Er fühle durchaus so etwas wie eine emotionale Bindung zu dem Baby. Seine Enkeltochter heißt ebenfalls Marie.

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