Das Findelbaby vom CCH bewegt Hamburg

Marie schrie im Koffer um ihr Leben

Die Polizei fahndet nach der Mutter und ermittelt wegen des Verdachts der Aussetzung. Beamte der Mordkommission stellen Videoaufnahmen sicher

St. Pauli. Zwei Tage nachdem die kleine Marie in einem Koffer am Congress Center Hamburg (CCH) ausgesetzt worden ist, sucht die Polizei noch immer nach der Mutter. Beamte der Mordkommission haben Videoaufnahmen aus Überwachungskameras des CCH sowie des nahe gelegenen Bahnhofs Dammtor sichergestellt. Gut möglich, dass die gesuchte Person darauf zu sehen ist. Die Bänder werden derzeit von Beamten gesichtet.

Wie berichtet, hat ein Passant am Dienstag gegen 17 Uhr den Rollkoffer der Marke Omica vor dem Lieferanteneingang des CCH an der Tiergartenstraße gefunden. Diese Straße verläuft parallel zu den Gleisen der S-Bahnlinie 21 zum Bahnhof Dammtor. Die Nebenstraße ist wenig frequentiert und immer noch vereist. Fast ausschließlich Lieferverkehr für das CCH und das Hotel Radisson Blu kommt hier entlang.

Der Passant benachrichtigte darauf den Pförtner Habib Naji, der etwa 30 Meter entfernt in seiner Loge saß. Weil er diese nicht verlassen durfte, schickte er einen Kollegen, der den Koffer in das Hinterzimmer der Pförtnerloge brachte. "Dass im CCH herrenlose Koffer aufgefunden werden, kommt eigentlich jeden Tag vor", sagt Messe-Sprecher Karsten Broockmann.

Wie sich nun herausstellte, haben die beiden CCH-Mitarbeiter den Reißverschluss des Koffers kurz geöffnet, um zu sehen, was sich darin befand. Da sie aber nur Babykleidung entdeckten und die erst einen Tag alte Marie nicht schrie, schlossen sie ihn wieder.

Und selbst als sie wimmerte, hielt Habib Naji die Geräusche für einen Klingelton oder Fernsehlärm. Erst um 19.20 Uhr öffnete der 60-Jährige mit einem Kollegen den Koffer. Marie hatte im wahrsten Sinne um ihr Leben geschrien. Hätten die beiden Männer den Säugling nicht gehört, er wäre vermutlich kurz darauf gestorben.

Am Mittwochmorgen meldete sich der Passant, der den Koffer vor dem CCH-Lieferanteneingang gefunden hatte, bei der Polizei. Ihm ist es zu verdanken, dass die kleine Marie schließlich doch gefunden wurde. Mit dem Ablegen des Koffers stehe er laut Polizei in keinem Zusammenhang.

Vielmehr spitzen sich die Ermittlungen nun auf die Suche nach der Mutter zu. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Mutter nach der Geburt eine ärztliche Nachsorge benötigt", sagt Polizeisprecher Holger Vehren. Allein deshalb appelliert die Polizei an die Frau, sich zu melden. Sie ruft zudem Zeugen auf, sie zu informieren, wenn ihnen ehemals schwangere Frauen aufgefallen sind, die jetzt keine Neugeborenen haben. Möglicherweise hat jemand gesehen, wie der Koffer am Dienstag vor 17 Uhr am CCH abgelegt worden war. Hinweise nimmt das LKA unter der Telefonnummer 428 65 67 89 entgegen.

Noch in der Nacht zu Mittwoch setzten die Fahnder einen sogenannten Schweißhund am Tatort ein. Sie ließen ihn an dem Koffer riechen - und tatsächlich nahm er eine Spur auf. Sie führte zum Bahnhof Dammtor. Dort schlug der Hund an. Ob die Spur auf dem Bahnsteig für S-Bahnen oder Fernzüge gefunden wurde, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht bekannt geben.

Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Aussetzung. In schweren Fällen droht eine Gefängnisstrafe von ein bis zehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft kündigte gestern an, dass sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Aussetzung einleiten werde. "Wir prüfen durchaus auch, ob ein Anfangsverdacht wegen eines versuchten Tötungsdeliktes vorliegt", sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. So müsse herausgefunden werden, ob der Tod des Neugeborenen wegen der Kälte und der Enge des Koffers billigend in Kauf genommen worden sei.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter - so sie denn ermittelt wird - eine harte Gefängnisstrafe erhält, ist allerdings gering. In anderen Fällen urteilten Richter milde, weil sich diese Mütter meistens in psychischen Ausnahmesituationen befanden.