Wie ein altes junges Mädchen

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Carolin George

Lüneburg: Die Stadt hat zahlreiche historische Gebäude und viele Studenten. Sie ist eine Hansestadt mit langer Geschichte und der größten Kneipendichte Deutschlands.

Diese Stadt hat eine Farbe, und das ist Rot. Rot ist der Backstein der Häuser, und rot sind die Pfannen der Dächer. Ton in Ton zeigt sich Lüneburg von oben, und wer auf ebener Erde durch die Straßen Lüneburgs läuft, sieht: Diese Stadt hat ein Gesicht, und das ist jung.

Jung sind viele Familien, und jung sind die vielen Studenten. Wenn auf 72 057 Einwohner fast 10 000 Studierende kommen, dann schlägt sich das auch bei anderen Zahlen nieder: Lüneburg hat 350 Gaststätten und ist damit die Stadt mit der höchsten Kneipendichte Deutschlands.

Im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört, wirkt die Innenstadt Lüneburgs heute wie ein riesiges Freilichtmuseum. Die meisten Häuser in der City stammen aus einer Zeit, in der von der Existenz Amerikas noch niemand etwas ahnte. Lüneburg ist alt - und befindet sich permanent in Renaissance. Die Stadt wird ständig neu geboren: vor 1000 Jahren als Salzstadt, im Mittelalter als Hansestadt. Damals unterschieden sich Lüneburg und Hamburg von der Einwohnerzahl her noch nicht so sehr.

Nach armen und schlechten Zeiten im 18. und 19. Jahrhundert erfand sich Lüneburg als Beamten-, Verwaltungs- und Garnisonsstadt neu. Gerichte und Regierungen ließen sich in der Stadt nieder, Beamte und Soldaten prägten die alte Dame Lüneburg.

Von vier Kasernen ist heute aber nur noch eine einzige übrig geblieben. Und eine andere macht den Wandel der Stadt für jeden sichtbar: Die ehemaligen Soldatenheime einige Kilometer südlich des Stadtzentrums beherbergen heute Seminarräume und Studentenwohnheime.

Aus Kaserne wurde Campus. Aus der alten Dame ein junges Mädchen.

Fast 10 000 Studierende lernen an der Universität, die 2006 mit dem jüngsten Präsidenten Deutschlands (Sascha Spoun, damals 38) Schlagzeilen machte, dann in diesem Jahr mit einem neuen Namen (Leuphana Universität) sowie dem neuen Studienmodell Lüneburg-Bachelor.

Lüneburg ist alt, sein Gesicht ist jung. Die Studenten beleben nicht nur den Campus, sondern die ganze Stadt. Sie gründen Kulturnetzwerke, besuchen das jüngst zum besten Kino Deutschlands gekürte Lichtspielhaus, feiern in der ehemaligen Soldaten-Sporthalle, veranstalten jedes Jahr ein Musikfestival und laden in einer eigenen Stadtkneipe regelmäßig zu Diskussionen ein. Was jahrelang nicht gelingen mochte, bahnt sich jetzt seinen Weg: das Zusammenwachsen von Campus und Stadt, von Bürgern und Studenten.

Ablegen will Lüneburg seine Historie jedoch nicht: Nicht allein als "Universitätsstadt" und "Hauptstadt der Heide" will der Ort in Zukunft Touristen zwischen die Backsteine locken, sondern auch als "Hansestadt".

Dass man sich als einzige Kommune Niedersachsens offiziell so nennen darf, hat vor wenigen Wochen die Landesregierung erlaubt. Ein Beispiel mehr, wie Lüneburg Altes und Junges verschmelzen lässt.

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