Heute: Region Lüneburg / Lauenburg

Ganz ohne Schnickschnack

| Lesedauer: 4 Minuten
Regina Gasper

Geesthacht vereint genüsslich seine Gegensätze: Stadt und Dorf, Idylle und Industrie.

Lüneburg, Geesthacht, Lauenburg, Schwarzenbek.

Geesthacht kennt doch jeder. Aber kaum einer hat's gesehen. Wie das? "Die Hamburger fahren hier meist nur durch, auf der B 5 oder auf dem Elberadweg", bedauert Gisela Pfaff von der Tourist-Information. "Die gucken gar nicht richtig, wie schön das hier liegt." Gisela Pfaff kannte früher Geesthacht selbst nur vom Durchfahren - aber sie hat aufgeholt. Schließlich wohnt sie jetzt seit 30 Jahren hier und legt Touristen die Schönheit des Ortes ans Herz. Schönheit? Gut, die Tourist-Information ist im Krügerschen Haus beheimatet, einem niederdeutschen Schmuckstück aus dem 17. Jahrhundert. Ansonsten aber muss man willens sein, nach den Perlen auch ein bisschen zu suchen.

Der erste Eindruck ist dazu angetan, den Ortsfremden zu verwirren. Wie ein Tausendfüßler breitet sich die Stadt zwischen Besenhorst, Krümmel und Tesperhude aus - die B 5 führt mittendurch - und bezeugt damit ihre Entstehung: Hier wurde im Laufe der Geschichte zusammengelegt, was bloß in der Nähe lag. Zweimal brannte der Ort, in den Jahren 1887 und dann wieder 1928. Das hat Spuren hinterlassen, genauer gesagt: vernichtet.

Ein gewachsener Ortskern fehlt, und so muss die Fußgängerzone in der Bergedorfer Straße als Zentrum herhalten. "Hier gibt es alles", sagt eine Passantin. Die riesige Käsetheke beim Frischemarkt Fuhlendorf, neue Bücher bei Anja Haslach von der Stadtbuchhandlung, Zigarren bei Fries und Mode und Neuigkeiten bei Frau Wempe vom gleichnamigen Bekleidungsgeschäft. "Ein nettes kleines Stadtgefühl", findet Anne Hartlich von der Tourist-Info.

Holm Lilie dagegen ist nicht zufrieden. Aber genau das hat ihn bekannt gemacht. Denn Herr Lilie mischt sich ein. Immer schon. "Geesthacht ist ein gewisses Kuriosum", sagt der Glasermeister. "Wir sind vom Dorf zur Stadt geworden, ohne Prägung und ohne Obrigkeit - während andere Orte herzoglich oder königlich oder von ihrem Landesherrscher geprägt waren." An Geesthacht gefallen ihm die Kirche St. Salvatoris, das Krügersche Haus, der alte Friedhof, der unter Denkmalschutz steht. Der Rest: "verstümmelt", durch die großen Brände, durch den Krieg. Und dann vor allem durch das, "was wir angerichtet haben, durch die Renovierungswut nach dem Krieg", klagt Holm Lilie. "Die 70er haben mehr kaputt gemacht als der Krieg." Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin in einem Jugendstilhaus, das dem Modernisierungswahn getrotzt hat. Das Wohnzimmer ist gefüllt mit einem Sammelsurium von eigenen Glasarbeiten und herrlichen Illustrationen.

Geesthacht ist nicht arm, im Gegenteil. Das verdankt die Stadt der Industrie und den großen Betrieben, die sich im weitläufigen Ort anfinden: GKSS Forschungszentrum, Norddeutsche Teppichfabrik, Leuchtturm Albenverlag und Depesche Vertrieb. Ein Toom-Baumarkt, das große Plaza-Einkaufszentrum. Und reichlich Einzelhandel mit Stammkunden. Auch Herrenfriseur Frank Steffen hat keine Laufkundschaft. Wer kommt und seinen trockenen Humor mag, der will's immer wieder. Gerade hat der Salon Hundertjähriges gefeiert, Steffen ist die dritte Generation und lässt sich von Trends nicht aus der Fassung bringen. Bei ihm gibt es Waschen und Schneiden, keine Farbe, keinen Schnickschnack - und erst recht keine Termine. "Ich will vorher gar nicht wissen, wer kommt." In Geesthacht, sagt Steffen, lebe es sich ganz entspannt.

"Ja, der lustige Herr Steffen", sagt Anja Haslach. Man kennt sich in der Stadt, und das genießt sie sehr. Haslach war Journalistin in Hamburg, bevor sie mit ihrem Mann Axel die kleine, feine Buchhandlung im Zentrum übernahm. Besonders gefragt seien Sachliteratur und Krimis, die in der Region spielen. Haslach empfiehlt gerne Boris Meyns Lauenburg-Krimi "Der falsche Tod".

Spannung muss sein. Acht Meter über dem Boden hängen wackelige Drahtseile und Schwebebalken, die die 100 Plattformen eines Hochseilgartens miteinander verbinden. Mitten in einem Waldgebiet am Elbuferweg hat der Holländer Björn van Daelen seinen Abenteuerparcours gebaut. Van Daelen, den es von den Niederlanden über das Rote Meer schließlich nach Geesthacht verschlagen hat, freut sich. Es läuft super.

Vielleicht hängt auch das mit der Mentalität der Geesthachter zusammen, die sich an Gefahren gewöhnt haben. Früher gab's Dynamitfabriken, heute ein Kernkraftwerk.

Letzte Folge

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Lebenswert