19.01.13

ThyssenKrupp

"Blaues Auge" für Chefaufseher Cromme

Bis in den Abend hinein hatten die ThyssenKrupp-Aktionäre ihrer Wut mit Attacken vor allem auf Chefaufseher Cromme Luft gemacht.

Von Uta Knapp
Foto: REUTERS
Cromme, chairman of the supervisory board of German steelmaker ThyssenKrupp AG, reacts before the company's annual shareholders meeting in Bochum
Chefaufseher Gerhard Cromme der ThyssenKrupp AG

Bochum/Essen. "Blaues Auge" für ThyssenKrupp-Chefaufseher Gerhard Cromme: Nach einem Sturm der Aktionärskritik haben die Anteilseigner des tief in die roten Zahlen gestürzten Stahlriesens dem Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Hauptversammlung am späten Freitagabend in Bochum die Entlastung erteilt. Der 69-Jährige erhielt jedoch nur ein Ergebnis von 69,16 Prozent der Stimmen. Im Jahr zuvor hatte die Zustimmung noch bei fast 95 Prozent gelegen.

"Das war eine Watschen für Herrn Cromme", sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, am Sonnabend. Das schlechte Ergebnis für Cromme sei "angemessen" angesichts der aktuellen Situation des Konzerns, sagte der Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner.

Cromme konnte bei der Abstimmung jedoch auf die Unterstützung der mächtigen Krupp-Stiftung zählen, die mit 25,3 Prozent wichtigster Großaktionär ist. Der Chef der Krupp-Stiftung, der 99-jährige Berthold Beitz, hatte sich am Freitag mit einer demonstrativen Geste hinter den Aufsichtsratsvorsitzenden gestellt.

Ein noch schlechteres Ergebnis als Cromme erhielt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, dem die Entlastung mit nur 68,29 Prozent der Stimmen erteilt wurde. Steinbrück, der von der Krupp-Stiftung in den Aufsichtsrat entsendet worden war, war bereits Ende vergangenen Jahres aus dem Kontrollgremium wieder ausgeschieden. Das wegen Luxusreisen in die Kritik geratene IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler wurde mit 68,83 Prozent entlastet.

Konzernchef Heinrich Hiesinger musste sich mit einer Zustimmung von 70,76 Prozent zufriedengeben. Auf dem erst Anfang 2011 von Siemens zu ThyssenKrupp gewechselten Manager ruhen trotzdem die Hoffnungen vieler Aktionäre. Der Konzernchef, der erst nach den Fehlentscheidungen üben den Bau neuer Stahlwerke in Übersee zu ThyssenKrupp gewechselt war, hatte zuvor einen radikalen Umbau des Konzerns angekündigt.

"Das Ergebnis von Hiesinger passt nicht zu seiner Arbeit. Das sollte er nicht zu persönlich nehmen", sagte Tüngler. Auch die Kritischen Aktionäre setzten zumindest eine "kleine Hoffnung" auf Hiesinger, sagte Dufner.

Vor allem Chefkontrolleur Cromme war am Freitag bei der bis in den späten Abend andauenden Hauptversammlung von verärgerten Aktionäre wegen der Milliardenverluste und Affären bei dem Stahlriesen heftig attackiert worden. Zahlreiche Anteilseigner sprachen angesichts eines Fehlbetrages von rund fünf Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr von einem Desaster. Cromme gestand eine Mitverantwortung des Kontrollgremiums für das Debakel und andere Fehlentwicklungen ein.

Einige Aktionäre hatten zuvor gefordert, dem Kontrollgremium einen Denkzettel zu verpassen und die Entlastung zu verweigern. Andere verlangten Crommes Rücktritt. Die DSW werde nun prüfen, ob die von der Aktionärsvereinigung bei der Hauptversammlung ohne Erfolg beantragte Sonderprüfung gerichtlich durchgesetzt werden solle, sagte Tüngler. Denkbar sei aber auch, dass man sich mit dem Unternehmen auf eine freiwillige Sonderprüfung einigen könne, meinte er.

Als wichtigste Ziele des tief in die Verlustzone gestürzten Konzerns hatte Hiesinger zuvor die Stabilisierung der Finanzen des hoch verschuldeten Unternehmens und den Ausbau des Technologiegeschäft benannt. Änderungen müsse es auch bei der Unternehmenskultur geben. "Ich gebe aber zu: Auch mir war bei meinem Amtsantritt nicht bewusst, wie tiefgreifend der nötige Veränderungsprozess sein würde", sagte Hiesinger.

Kruppstiftung: Großaktionär mit Sonderrechten

Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Kruppstiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet.

Heute hält sie 25,3 Prozent am Dax-Konzern ThyssenKrupp und ist damit größter Einzelaktionär.

Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen.

Seit 2007 nutzt die Stiftung außerdem mit Billigung einer Hauptversammlungsmehrheit die gesetzliche Möglichkeit, drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat zu entsenden.

Einer von ihnen ist der jetzige Chefaufseher Gerhard Cromme.

Wenn die 10 Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren.

Das "Manager-Magazin" nannte die Konstruktion eine "Stahl-Festung". Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

Angesichts des hohen Aktienanteils, des zusätzlichen Entsenderechtes und der charismatischen Persönlichkeit von Berthold Beitz an der Stiftungsspitze verfügt die Kruppstiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern.

Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war. (dpa)

ThyssenKrupp: Deutschlands größter Stahlhersteller

Der Industriekonzern ThyssenKrupp ist der größte deutsche Stahlhersteller. Das Unternehmen entstand 1999 aus der Fusionen der beiden Traditionsunternehmen Thyssen und Krupp.

Neben Stahl gehören auch der Bau von großen Industrieanlagen, Marineschiffen, Aufzügen und Rolltreppen sowie Autoteilen zur Produktpalette.

Für das zurückliegenden Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) will das Unternehmen nach einem Verlust von fünf Milliarden Euro die Dividende streichen.

Hintergrund sind milliardenschwere Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Übersee. Bereits im Jahr zuvor hatte das Unternehmen wegen hoher Wertberichtigungen einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Umsatz des Konzerns war im vergangenen Geschäftsjahr um 4,2 Prozent auf 47,1 Milliarden Euro zurückgegangen.

Darin enthalten sind jedoch noch die zum Verkauf gestellten Stahlwerke in Übersee und die mittlerweile abgegebene Edelstahlsparte Inoxum.

Für das angelaufene Geschäftsjahr 2012/2013 rechnet der Konzern mit den fortgeführten Aktivitäten mit einem Umsatz auf dem Niveau des Vorjahres von rund 40 Milliarden Euro.

ThyssenKrupp beschäftigt weltweit über 150.000 Mitarbeiter. (dpa)

Industriegigant ThyssenKrupp
Mit einem Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro zählt ThyssenKrupp zu den deutschen Industriegiganten.
Von den weltweit rund 180.000 Mitarbeitern des Unternehmens ist mit knapp 70.000 nur noch eine Minderheit in Deutschland beschäftigt.
Seit einem Jahr steht der ehemalige Siemens-Manager Heinrich Hiesinger an der Spitze des Konzerns, zu dem sich 1999 die Stahlpioniere Thyssen und Krupp zusammengeschlossen hatten. Er will aus dem größten deutschen Stahlhersteller einen modernen Technologiekonzern formen.
Das Unternehmen gliedert sich gegenwärtig in die zwei Bereiche "Materials" (Stahl, Edelstahl) und "Technologies" (Anlagenbau, Aufzüge, Werften).
ThyssenKrupp hat über 250 000 Aktionäre.
Der Konzern ist zu rund 90 Prozent in der Hand von Anlegern mit größeren Aktienbeständen oder von institutionellen Anlegern.
Gut die Hälfte des Grundkapitals wird von Anlegern mit Sitz in Deutschland gehalten.
Größter Einzelaktionär ist die Essener Krupp-Stiftung mit einem Anteil von 25,33 Prozent.
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