18.01.13

ThyssenKrupp

Aufsichtsrat verzichtet auf 700.000 Euro Vergütung

Mit dem Verzicht wolle das Kontrollgremium seine Betroffenheit und Solidarität mit den Aktionären zeigen. Konzernspitze deckt Cromme.

Von (dapd/dpa/abendblatt.de)
Foto: REUTERS
Gerhard Cromme (l.), Berthold Beitz (M.), Heinrich Hiesinger
Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (l.), Firmenpatriach Berthold Beitz (M.) und ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger auf der Hauptversammlung von ThyssenKrupp: Cromme erhält volle Rückdeckung von Beitz und Hiesinger

Bochum. Wegen der dramatischen Verluste des Dax-Unternehmens im vergangenen Jahr und einer Reihe von Skandalen und Affären war der Aufsichtsratschef Gerhard Cromme von ThyssenKrupp in den vergangenen Wochen in die Schusslinie der Kritik geraten.

Auf der Hauptversammlung des größten deutschen Stahlkonzerns in Bochum zieht der ThyssenKrupp-Aufsichtsrat Konsequenzen und verzichtet für das vergangene Geschäftsjahr auf die Hälfte seiner Vergütung, wie Chefaufseher Cromme am Freitag ankündigte. Das entspricht insgesamt rund 700.000 Euro. Cromme verliert rund 100.000 Euro.

Der Aufsichtsrat wolle mit dieser Geste seine Betroffenheit und Solidarität mit den Aktionären zum Ausdruck bringen, sagte Cromme. ThyssenKrupp hatte wegen gigantischer Fehlinvestitionen im Stahlbereich im Geschäftsjahr 2011/2012 einen Verlust von 4,7 Milliarden Euro ausweisen müssen.

Cromme verteidigte vor den Aktionären gleichzeitig das Kontrollgremium gegen Vorwürfe, seinen Überwachungspflichten nicht nachgekommen zu sein. Er verwies auf Gutachten unabhängiger Experten. Danach sei der Aufsichtsrat seinen Überwachungspflichten in allen Phasen des Projekts "auf hohem Niveau gerecht geworden".

Rückendeckung bekam Cromme von ThyssenKrupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger. Hiesinger sagte vor den Aktionären, es sei der Aufsichtsrat unter der Führung Crommes gewesen, der den derzeitigen Wandel bei dem Unternehmen eingeleitet habe.

Weil der Aufsichtsrat mit der Kultur bei ThyssenKrupp nicht zufrieden gewesen sei, habe man ihn von außen an die Konzernspitze geholt, sagte Hiesinger. Von Anfang an habe er für seinen Erneuerungskurs die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat erhalten, auch bei schwierigen Entscheidungen wie dem Verkauf der Edelstahlsparte oder des amerikanischen Stahlgeschäfts.

Der Konzernchef räumte ein, bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren sei ihm nicht annähernd bewusst gewesen, wie tiefgreifend der nötige Veränderungsprozess sein werde. "Unsere alte Führungskultur war an vielen Stellen von Seilschaften und blinder Loyalität gekennzeichnet. Fehlentwicklungen wurden lieber verschwiegen als korrigiert", sagte der Manager.

Der eingeleitete Erneuerungsprozess sei schmerzhaft. Doch gebe es dazu keine Alternative. "Wer dabei nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen", sagte Hiesinger.

Mit Blick auf die wirtschaftliche Situation bei ThyssenKrupp betonte Hiesinger, der notwendige Konzernumbau werde mehrere Jahre dauern. Im gegenwärtigen Zustand sei der Konzern "bei weitem noch nicht zukunftsfähig". Die Profitabilität der fortgeführten Aktivitäten müsse weiter erhöht werden. Es gebe aber keine Überlegungen, sich auch vom europäischen Stahlgeschäft zu trennen.

Auch der Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrates von Thysse Krupp, Berthold Beitz, hat dem Chefkontrolleur Cromme erneut den Rücken gestärkt. Kurz vor Beginn der Hauptversammlungstellte er sich demonstrativ mit Cromme des Kameras. Der 99-jährige Firmenpatriarch war überraschend auf der mit Spannung erwarteten Aktionärsversammlung erschienen. Beitz hatte unlängst betont, dass Cromme Vorsitzender Aufsichtsrates bleiben soll. Die Krupp-Stiftung ist mit rund 25 Prozent größter Einzelaktionär von ThyssenKrupp.

Vorstand und Aufsichtsrat des Dax-Konzerns müssen wegen der Milliardenverluste durch Fehlinvestitionen im Stahlgeschäft, wegen der Kartellskandale und der Luxusreisen-Affären mit scharfer Kritik der Aktionäre rechnen. Deutsche Aktionärsschützer und angloamerikanische Anlegerberater empfahlen, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Die Papiere von ThyssenKrupp gehörten am Freitag zu den Verlierern an der Frankfurter Börse und büßten bis zum Mittag 1,2 Prozent auf 18,18 Euro ein.

Kruppstiftung: Großaktionär mit Sonderrechten

Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Kruppstiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet.

Heute hält sie 25,3 Prozent am Dax-Konzern ThyssenKrupp und ist damit größter Einzelaktionär.

Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen.

Seit 2007 nutzt die Stiftung außerdem mit Billigung einer Hauptversammlungsmehrheit die gesetzliche Möglichkeit, drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat zu entsenden.

Einer von ihnen ist der jetzige Chefaufseher Gerhard Cromme.

Wenn die 10 Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren.

Das "Manager-Magazin" nannte die Konstruktion eine "Stahl-Festung". Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

Angesichts des hohen Aktienanteils, des zusätzlichen Entsenderechtes und der charismatischen Persönlichkeit von Berthold Beitz an der Stiftungsspitze verfügt die Kruppstiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern.

Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war. (dpa)

ThyssenKrupp: Deutschlands größter Stahlhersteller

Der Industriekonzern ThyssenKrupp ist der größte deutsche Stahlhersteller. Das Unternehmen entstand 1999 aus der Fusionen der beiden Traditionsunternehmen Thyssen und Krupp.

Neben Stahl gehören auch der Bau von großen Industrieanlagen, Marineschiffen, Aufzügen und Rolltreppen sowie Autoteilen zur Produktpalette.

Für das zurückliegenden Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) will das Unternehmen nach einem Verlust von fünf Milliarden Euro die Dividende streichen.

Hintergrund sind milliardenschwere Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Übersee. Bereits im Jahr zuvor hatte das Unternehmen wegen hoher Wertberichtigungen einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Umsatz des Konzerns war im vergangenen Geschäftsjahr um 4,2 Prozent auf 47,1 Milliarden Euro zurückgegangen.

Darin enthalten sind jedoch noch die zum Verkauf gestellten Stahlwerke in Übersee und die mittlerweile abgegebene Edelstahlsparte Inoxum.

Für das angelaufene Geschäftsjahr 2012/2013 rechnet der Konzern mit den fortgeführten Aktivitäten mit einem Umsatz auf dem Niveau des Vorjahres von rund 40 Milliarden Euro.

ThyssenKrupp beschäftigt weltweit über 150.000 Mitarbeiter. (dpa)

Industriegigant ThyssenKrupp
Mit einem Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro zählt ThyssenKrupp zu den deutschen Industriegiganten.
Von den weltweit rund 180.000 Mitarbeitern des Unternehmens ist mit knapp 70.000 nur noch eine Minderheit in Deutschland beschäftigt.
Seit einem Jahr steht der ehemalige Siemens-Manager Heinrich Hiesinger an der Spitze des Konzerns, zu dem sich 1999 die Stahlpioniere Thyssen und Krupp zusammengeschlossen hatten. Er will aus dem größten deutschen Stahlhersteller einen modernen Technologiekonzern formen.
Das Unternehmen gliedert sich gegenwärtig in die zwei Bereiche "Materials" (Stahl, Edelstahl) und "Technologies" (Anlagenbau, Aufzüge, Werften).
ThyssenKrupp hat über 250 000 Aktionäre.
Der Konzern ist zu rund 90 Prozent in der Hand von Anlegern mit größeren Aktienbeständen oder von institutionellen Anlegern.
Gut die Hälfte des Grundkapitals wird von Anlegern mit Sitz in Deutschland gehalten.
Größter Einzelaktionär ist die Essener Krupp-Stiftung mit einem Anteil von 25,33 Prozent.
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