18.01.13

ThyssenKrupp Aktionär zu Cromme: "Sie sollten eigentlich zurücktreten"

Erich Reimann
HV ThyssenKrupp

Foto: dpa

HV ThyssenKrupp

Viele Aktionäre machen auf der Hauptversammlung ihrer Wut über das Milliardendebakel bei Deutschlands größten Stahlkonzern Luft.

Bochum. Für Oliver Krauß ist ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein rotes Tuch. "Sie sollten eigentlich zurücktreten", schimpft der Aktionär am Freitag auf der Hauptversammlung des größten deutschen Stahlproduzenten in Bochum. "Sie sind verantwortlich für die herrschende Firmenkultur der Korruption und Übervorteilung von Kunden." Doch Kritik perle ja an Cromme ab.

Krauß ist der erste, aber beileibe nicht der einzige Aktionär, der die Hauptversammlung nutzt, um seiner Wut über das Milliardendebakel, die Kartellskandale und Luxusreiseaffären beim Essener Konzern Luft zu machen. Und das Ziel der Angriffe ist fast immer Cromme, der den Konzern seit der Gründung zur Jahrtausendwende geprägt hat.

Dabei sind es nicht nur Kleinaktionäre, die von dem 69-jährigen Manager fordern, Verantwortung zu übernehmen. Auch und gerade große Investmentfonds fordern, das Aufräumen bei ThyssenKrupp dürfe nicht vor dem Aufsichtsrat halt machen.

Jens Meyer vom Deka Investmentfonds etwa sagt, ein von den Fehlern der Vergangenheit unbelasteter Aufsichtsrat sei bei den anstehenden Aufräumarbeiten die bessere Alternative für den Konzern. "Es wäre eine ehrbare Entscheidung zu sagen, ich trete zurück, ich mache den Weg frei", wandte sich der Fondsmanager an Cromme.

Hans-Christoph Hirth von der einflussreichen britischen Fondsgesellschaft Hermes drängte, Cromme und die anderen Aufsichtsratsmitglieder müssten Verantwortung für die Defizite in der Führungskultur des Unternehmens übernehmen. Er forderte eine geordnete Nachfolgeregelung an der Spitze des Aufsichtsrats.

Ingo Speich von Union Investment sagte zwar, Cromme solle vorläufig im Amt bleiben, weil er hart durchgegriffen habe. Doch riet auch er dem Aufsichtsratsvorsitzenden, vielleicht schon vor dem Ende der Amtszeit über eine Nachfolgeregelung nachzudenken.

Dabei hatte Cromme bereits zu Beginn des Aktionärstreffens versucht, der Empörung die Spitze zu nehmen, indem er ankündigte, der Aufsichtsrat werde wegen des Milliardendebakels auf die Hälfte seiner Vergütung verzichten. Das entspricht insgesamt rund 700.000 Euro. Cromme allein verliert rund 100.000 Euro. Der Aufsichtsrat wolle mit dieser Geste seine Betroffenheit und Solidarität mit den Aktionären zum Ausdruck bringen, sagte der 69-Jährige. Doch falls er dafür Beifall erwartet hatte, wurde er enttäuscht. Kaum eine Hand regte sich.

Rückendeckung bekam Cromme von ThyssenKrupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger. Er betonte vor den Aktionären, es sei der Aufsichtsrat unter der Führung Crommes gewesen, der den derzeitigen Wandel bei dem Unternehmen eingeleitet habe. Von Anfang an habe er für seinen Erneuerungskurs die volle Rückendeckung des Aufsichtsrats erhalten.

Doch stieß das Werben Hiesingers, der sich in den vergangenen Monaten immer mehr zum Hoffnungsträger für ThyssenKrupp entwickelt hat, bei vielen Aktionären auf taube Ohren. Starker Beifall zeigte, dass wohl eher Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz vielen Anwesenden aus dem Herzen sprach, als er sagte: "Es ist leichter, eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen, als einen Aufsichtsrat in Verantwortung zu nehmen."