15.11.12

Europäische Zentralbank

Konjunkturpessimismus im Euroraum steigt

Die Wirtschaft wird sich nach einer EZB-Umfrage noch schwächer entwickeln als bisher angenommen. Inflationssorgen sind unbegründet

Foto: REUTERS
Jörg Asmussen
Das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen hält Inflationssorgen für unbegründet

Frankfurt/Main. Die Wirtschaft im Euroraum wird sich nach Einschätzung von Experten noch schwächer entwickeln als bisher angenommen. Zugleich dürfte die Teuerung höher ausfallen. Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) unter 56 Finanzexperten hervor.

Demnach wird die Wirtschaft im Euroraum im laufenden Jahr um 0,5 Prozent schrumpfen. Bislang hatten die Experten ein Minus von 0,3 Punkten erwartet. Auch auf das kommende Jahr blicken die Experten pessimistischer als bislang: 2013 rechnen sie nur mit einem leichten Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent nach bislang 0,6 Prozent. Längerfristig wird das Wachstum aber unverändert auf 1,8 Prozent veranschlagt.

Die Inflation im Währungsraum wird nach der Prognose 2012 bei 2,5 Prozent liegen. Das sind 0,2 Prozentpunkte mehr als bisher. 2013 dürfte sich die Teuerung auf 1,9 (bisher 1,7) Prozent ermäßigen. In der langen Frist sehen die Experten eine Rate von 2,0 Prozent.

Auch die EZB selbst erwartet, dass die Teuerung noch eine Weile über ihrer Zielmarke von knapp zwei Prozent liegen wird. Es sei aber zu erwarten, dass sie im Laufe des kommenden Jahres unter diese Marke sinkt.

Inflationssorgen sind unbegründet

Das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen unterstrich am Donnerstag, dass er keine Gefahren für die Preisstabilität in Deutschland und der Eurozone sieht. Inflationssorgen würden derzeit im Zusammenhang mit dem Anleihenkaufprogramm der EZB sowie mit Blick auf den sehr niedrigen Leitzins geäußert, sagte Asmussen laut Redetext beim Versicherungstag in Berlin: "Ich versichere Ihnen: Diese Sorgen sind unbegründet." Von Inflation oder Geldentwertung könne keine Rede sein.

Alle Euroländer müssen ihre Hausaufgaben machen

Die Euroländer dürfen sich nach Worten von Asmussen nicht auf den Hilfen der EZB zur Bewältigung der Schuldenkrise ausruhen. Eine kurzfristige Abschwächung des Refinanzierungsdrucks dürfe nicht zum Erlahmen der Reformanstrengungen führen, mahnte Asmussen. Dabei seien nicht nur die Länder am Rande der Währungszone gefordert, betonte der deutsche Geldpolitiker: "Der springende Punkt ist, dass alle Länder des Euroraums, auch Deutschland und Frankreich, ihre Hausaufgaben machen müssen."

Das von der EZB ins Auge gefasste Anleihenankaufprogramm ziele nicht nur darauf ab, eine Normalisierung in den Ländern zu erreichen, die unter hohen Zinsen leiden. Vielmehr würden die Maßnahmen dazu beitragen, Kapitalströme umzulenken – mit positiven Effekten für Sparer, Pensionsfonds und Versicherungen.

Nachlässige Haushaltsführung in einem Land dürfe künftig nicht mehr andere Mitgliedstaaten in Mitleidenschaft ziehen, mahnte Asmussen. Damit die notwendigen Reformen umgesetzt werden, müssten Anreize gesetzt werden. "Eine Überlegung wäre, dass Anleihen, die zu einer Staatsverschuldung über dem Schwellenwert von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) führen, nur nachrangig bedient werden." Das würde nach Ansicht Asmussens die Schuldenaufnahme verteuern und somit ein marktbasiertes Anreizsystem für mehr Haushaltsdisziplin schaffen.

Die EZB befragt alle drei Monate Experten aus Finanzinstituten und Forschungseinrichtungen. Die jüngste Befragung wurde vom 16. bis 22. Oktober durchgeführt.

Das Bruttoinlandsprodukt und die Alternativen
Das Bruttoinlandsprodukt und die Alternativen
Keine andere Wirtschaftskennziffer findet so viel Aufmerksamkeit: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als wichtigster Gradmesser für die Leistung einer Volkswirtschaft.
Es umfasst den Wert aller erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen, die in einem bestimmten Zeitraum innerhalb der Landesgrenzen produziert werden.
Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Verteilung des Wohlstandes oder ökologische Nachhaltigkeit spielen dabei jedoch keine Rolle.
Forscher in aller Welt versuchen daher, einen alternativen Indikator für Wohlstand zu entwickeln, um zu einer Neudefinition von Lebensqualität zu kommen. (dpa)
Deutsche Wirtschaft: Daten und Fakten

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 17 Ländern der Währungsunion ging laut europäischem Statistikamt Eurostat im dritten Quartal um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück.

Auch im zweiten Quartal gab es bereits einen Rückgang. Zwei Quartale Minuswachstum in Folge ist die gängige Definition einer Rezession.

 In Deutschland legte die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal auf Jahressicht zwar leicht um 0,2 Prozent zu. Allerdings bedeutete das eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem ersten Halbjahr.

Im September musste die Automobilindustrie mit einem Minus bei den Erlösen von 7,4 Prozent die höchsten Einbußen unter den umsatzstarken Wirtschaftszweigen in Deutschland gegenüber August hinnehmen.

Der Maschinenbau konnte laut Statistischem Bundesamt dagegen ein Plus von 0,6 Prozent verbuchen.

Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums zeichnet sich für das Winterhalbjahr vorübergehend eine schwächere Entwicklung ab, nachdem die ersten drei Quartale noch von einer Aufwärtsentwicklung geprägt waren.

Im Jahresgutachten der fünf Weisen wird prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal stagnieren und im neuen Jahr wieder leicht wachsen wird.

Insgesamt soll sich das deutsche BIP in diesem und im kommenden Jahr jeweils real um 0,8 Prozent erhöhen. (dapd)

Wie die Euro-Krisenländer wirtschaftlich dastehen

Die Krisenstaaten der Euro-Zone haben noch einen langen Weg vor sich, bis die Wirtschaft stabilisiert und die Staatsdefizit spürbar gesunken sind. Das ist das Fazit der Herbstprognose der EU-Kommission vom Mittwoch.

Es folgt ein Überblick über die Vorhersagen für Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Irland und Zypern:

Spanien: Erst 2014 wird das Land nach Prognose der EU-Kommission die Rezession beenden. Grund dafür ist vor allem die schwächelnde Binnenwirtschaft, die unter hoher Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen und der Immobilienkrise leidet.

Übernächstes Jahr soll es ein Wachstum von 0,8 Prozent geben. In diesem und im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung dagegen um jeweils 1,4 Prozent schrumpfen, was die Arbeitslosenquote auf den Rekordwert von 26,6 Prozent treibt.

Spanien wird auch wegen der schwachen Wirtschaft noch mindestens zwei Jahre lang mit einem hohen Haushaltsdefizit kämpfen.

Das Defizit der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone wird 2014 bei 6,4 Prozent erwartet. Das wäre mehr als 2013 mit 6,0 Prozent, aber weniger als in diesem Jahr mit 8,0 Prozent.

Italien: Besser als Spanien, aber nicht unbedingt gut steht Italien da. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion dürfte im kommenden Jahr nur noch um 0,5 Prozent schrumpfen, nach einem Minus von 2,3 Prozent in diesem Jahr.

2014 soll das Land zu Wachstum zurückkehren. Es dürfte aber mit 0,8 Prozent bescheiden ausfallen. Die EU-Kommission ist damit pessimistischer als die Regierung in Rom, die ein Plus von 1,1 Prozent erwartet.

Italien wird der Prognose zufolge das Defizitziel kontinuierlich einhalten: Das Minus erreicht demnach in den kommenden beiden Jahren jeweils 2,1 Prozent des BIP nach 2,9 Prozent in diesem Jahr. Erlaubt sind nach den EU-Verträgen maximal drei Prozent.

Portugal: Trotz besserer Wettbewerbsfähigkeit durch sinkende Löhne wird es auch in Portugal noch bis 2014 dauern, bis die Wirtschaft ihre Schrumpfkur beendet.

Dann soll das Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozent wachsen, nachdem es 2013 um 1,0 und in diesem Jahr sogar um 3,0 Prozent nach unten gehen soll.

Bis 2014 werde sich das Staatsdefizit auf 2,5 Prozent halbieren und damit wieder kompatibel mit den EU-Verträgen sein. Der Schuldenberg dürfte bis dahin aber auf 123,5 Prozent der Wirtschaftsleistungen wachsen.

Griechenland: Auch Griechenland wird erst 2014 wieder ein Wachstum zugetraut, das mit 0,6 Prozent zudem sehr gering ausfallen soll. Im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistungen dagegen das fünfte Jahr in Folge einbrechen, und zwar um 4,2 Prozent.

Die Arbeitslosenquote dürfte 2013 auf den Rekordwert von 24,0 Prozent steigen und danach etwas sinken. Das Staatsdefizit wird in den kommenden beiden Jahren kontinuierlich kleiner, bleibt aber mit erwarteten 4,6 Prozent sehr groß.

Der Schuldenberg wächst dagegen unaufhörlich: 2014 soll er fast das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachen.

Irland: Von allen Krisenstaaten macht Irland die größten Fortschritte, vor allem, weil Waren und Dienstleistungen weltweit wieder gefragt sind. Der 2011 begonnene Wachstumskurs soll bis 2014 anhalten.

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte dann um 2,2 Prozent zulegen, die Arbeitslosenquote bis dahin auf 14,2 Prozent fallen. Nicht ganz so gut steht es um die Staatsfinanzen.

Zwar soll das Defizit kontinuierlich zurückgehen, aber selbst 2014 mit 5,0 Prozent noch klar über der Grenze von drei Prozent verharren. Der Schuldenberg immerhin dürfte dann aber erstmals wieder schrumpfen – auf 119,2 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Zypern: Als einziges Euro-Land soll die Mittelmeerinsel in den beiden kommenden Jahren in der Rezession verharren. In diesem Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt um 2,3 Prozent fallen, im kommenden um 1,7 und 2014 um 0,7 Prozent.

Das Staatsdefizit dürfte sich kontinuierlich erhöhen und 2014 mit sechs Prozent doppelt so hoch ausfallen wie erlaubt.

Der Schuldenberg wird nach diesen Prognosen die Marke von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung übertreffen. Auch die Arbeitslosenquote wird wegen der Wirtschaftsmisere bis 2014 auf 13,9 Prozent steigen. (rtr)

EZB: Die Europäische Zentralbank
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
dpa/rtr/ha
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