15.11.12

Trübe Aussichten

Die Deutsche Wirtschaft wächst schwächer

Das BIP sinkt im dritten Quartal auf 0,2 Prozent, Firmen halten sich mit Investitionen zurück. Deutschland steuert auf Stagnation zu.

Foto: dpa
Bauarbeiter
Die schwache Konjunktur in Europa hat das deutsche Wirtschaftswachstum gebremst

Berlin. Die schwächelnde Konjunktur in der Eurozone und die sinkende Investitionsfreude der Unternehmen bremst jetzt auch den deutschen Konjunkturmotor.

So stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal wie erwartet nur um 0,2 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit.

Im Frühjahr hatte die Wirtschaft noch um 0,3 Prozent zugelegt, am Jahresbeginn sogar um 0,5 Prozent. Für Impulse sorgten diesmal anziehende Exporte und Konsumausgaben. Experten erwarten im Schlussquartal wegen der Schuldenkrise bestenfalls eine Stagnation. "Das war vorerst die letzte gute Zahl aus Deutschland", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Am Jahresende schrumpft die deutschen Wirtschaft vermutlich etwas."

Grund sei die Unsicherheit, die von der Schuldenkrise ausgehe. "Ich erwarte, dass die deutsche Wirtschaft erst Mitte nächsten Jahres zu ordentlichen Zuwachsraten zurückkehrt", sagte Krämer. "Das basiert allerdings auf der Annahme, dass die EZB das Risiko eines Zerfalls der Währungsunion mit den Notenpresse bannt – also durch den Kauf von Staatsanleihen frisches Geld in die Wirtschaft pumpt."

"Deutschland steuert auf eine Stagnation zu", sagte der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. "Die größte Sorge ist, dass die Unternehmen weniger investieren. Das ist gewöhnlich ein Vorbote für eine Rezession." Als reine Vorsichtsmaßnahme sollte die Bundesregierung jetzt die Regelungen für die Kurzarbeit ausdehnen. "Das hat uns in der Finanzkrise sehr geholfen."

Für positive Impulse sorgte nach Angaben der Statistiker die Auslandsnachfrage. "Nach vorläufigen Berechnungen stiegen die Exporte von Waren und Dienstleistungen etwas stärker als die Importe." Aus dem Inland kamen dagegen unterschiedliche Signale. Während private Haushalte und der Staat mehr konsumierten und auch die Bauausgaben zulegten, investierten die Unternehmen wegen der unsicheren Geschäftsaussichten erneut weniger in Maschinen, Fahrzeuge und Geräte.

Verglichen mit anderen Euro-Ländern steht Deutschland noch gut da. In Portugal brach das Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozent ein. Für die gesamte Euro-Zone wird ein Minus von 0,2 Prozent erwartet. Frankreich schaffte dagegen ein überraschendes Plus von 0,2 Prozent.

Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass die Schuldenkrise auch die deutschen Wirtschaft nach unten zieht. Im September brachen die Industrieaufträge mit 3,3 Prozent so kräftig ein wie seit einem Jahr nicht mehr, weil vor allem die Nachfrage aus der rezessionsgeplagten Euro-Zone stark nachlässt. Die Exporte fielen zum ersten Mal seit dem Krisenjahr 2009. Die Stimmung in der Wirtschaft ist deshalb so schlecht wie seit Februar 2010 nicht mehr, fand das Ifo-Institut bei seiner monatliche Umfrage unter 7000 Managern heraus. Die Bundesbank erwartet bestenfalls eine Stagnation im vierten Quartal.

Für das Gesamtjahr rechnen Regierung, führende Institute und Wirtschaftsweise mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. 2011 waren es noch 3,0 Prozent. Für 2013 wird ein Plus von rund einem Prozent erwartet.

Deutsche Wirtschaft: Daten und Fakten

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 17 Ländern der Währungsunion ging laut europäischem Statistikamt Eurostat im dritten Quartal um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück.

Auch im zweiten Quartal gab es bereits einen Rückgang. Zwei Quartale Minuswachstum in Folge ist die gängige Definition einer Rezession.

 In Deutschland legte die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal auf Jahressicht zwar leicht um 0,2 Prozent zu. Allerdings bedeutete das eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem ersten Halbjahr.

Im September musste die Automobilindustrie mit einem Minus bei den Erlösen von 7,4 Prozent die höchsten Einbußen unter den umsatzstarken Wirtschaftszweigen in Deutschland gegenüber August hinnehmen.

Der Maschinenbau konnte laut Statistischem Bundesamt dagegen ein Plus von 0,6 Prozent verbuchen.

Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums zeichnet sich für das Winterhalbjahr vorübergehend eine schwächere Entwicklung ab, nachdem die ersten drei Quartale noch von einer Aufwärtsentwicklung geprägt waren.

Im Jahresgutachten der fünf Weisen wird prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal stagnieren und im neuen Jahr wieder leicht wachsen wird.

Insgesamt soll sich das deutsche BIP in diesem und im kommenden Jahr jeweils real um 0,8 Prozent erhöhen. (dapd)

Das Bruttoinlandsprodukt und die Alternativen
Das Bruttoinlandsprodukt und die Alternativen
Keine andere Wirtschaftskennziffer findet so viel Aufmerksamkeit: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als wichtigster Gradmesser für die Leistung einer Volkswirtschaft.
Es umfasst den Wert aller erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen, die in einem bestimmten Zeitraum innerhalb der Landesgrenzen produziert werden.
Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Verteilung des Wohlstandes oder ökologische Nachhaltigkeit spielen dabei jedoch keine Rolle.
Forscher in aller Welt versuchen daher, einen alternativen Indikator für Wohlstand zu entwickeln, um zu einer Neudefinition von Lebensqualität zu kommen. (dpa)
Wie die Euro-Krisenländer wirtschaftlich dastehen

Die Krisenstaaten der Euro-Zone haben noch einen langen Weg vor sich, bis die Wirtschaft stabilisiert und die Staatsdefizit spürbar gesunken sind. Das ist das Fazit der Herbstprognose der EU-Kommission vom Mittwoch.

Es folgt ein Überblick über die Vorhersagen für Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Irland und Zypern:

Spanien: Erst 2014 wird das Land nach Prognose der EU-Kommission die Rezession beenden. Grund dafür ist vor allem die schwächelnde Binnenwirtschaft, die unter hoher Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen und der Immobilienkrise leidet.

Übernächstes Jahr soll es ein Wachstum von 0,8 Prozent geben. In diesem und im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung dagegen um jeweils 1,4 Prozent schrumpfen, was die Arbeitslosenquote auf den Rekordwert von 26,6 Prozent treibt.

Spanien wird auch wegen der schwachen Wirtschaft noch mindestens zwei Jahre lang mit einem hohen Haushaltsdefizit kämpfen.

Das Defizit der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone wird 2014 bei 6,4 Prozent erwartet. Das wäre mehr als 2013 mit 6,0 Prozent, aber weniger als in diesem Jahr mit 8,0 Prozent.

Italien: Besser als Spanien, aber nicht unbedingt gut steht Italien da. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion dürfte im kommenden Jahr nur noch um 0,5 Prozent schrumpfen, nach einem Minus von 2,3 Prozent in diesem Jahr.

2014 soll das Land zu Wachstum zurückkehren. Es dürfte aber mit 0,8 Prozent bescheiden ausfallen. Die EU-Kommission ist damit pessimistischer als die Regierung in Rom, die ein Plus von 1,1 Prozent erwartet.

Italien wird der Prognose zufolge das Defizitziel kontinuierlich einhalten: Das Minus erreicht demnach in den kommenden beiden Jahren jeweils 2,1 Prozent des BIP nach 2,9 Prozent in diesem Jahr. Erlaubt sind nach den EU-Verträgen maximal drei Prozent.

Portugal: Trotz besserer Wettbewerbsfähigkeit durch sinkende Löhne wird es auch in Portugal noch bis 2014 dauern, bis die Wirtschaft ihre Schrumpfkur beendet.

Dann soll das Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozent wachsen, nachdem es 2013 um 1,0 und in diesem Jahr sogar um 3,0 Prozent nach unten gehen soll.

Bis 2014 werde sich das Staatsdefizit auf 2,5 Prozent halbieren und damit wieder kompatibel mit den EU-Verträgen sein. Der Schuldenberg dürfte bis dahin aber auf 123,5 Prozent der Wirtschaftsleistungen wachsen.

Griechenland: Auch Griechenland wird erst 2014 wieder ein Wachstum zugetraut, das mit 0,6 Prozent zudem sehr gering ausfallen soll. Im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistungen dagegen das fünfte Jahr in Folge einbrechen, und zwar um 4,2 Prozent.

Die Arbeitslosenquote dürfte 2013 auf den Rekordwert von 24,0 Prozent steigen und danach etwas sinken. Das Staatsdefizit wird in den kommenden beiden Jahren kontinuierlich kleiner, bleibt aber mit erwarteten 4,6 Prozent sehr groß.

Der Schuldenberg wächst dagegen unaufhörlich: 2014 soll er fast das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachen.

Irland: Von allen Krisenstaaten macht Irland die größten Fortschritte, vor allem, weil Waren und Dienstleistungen weltweit wieder gefragt sind. Der 2011 begonnene Wachstumskurs soll bis 2014 anhalten.

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte dann um 2,2 Prozent zulegen, die Arbeitslosenquote bis dahin auf 14,2 Prozent fallen. Nicht ganz so gut steht es um die Staatsfinanzen.

Zwar soll das Defizit kontinuierlich zurückgehen, aber selbst 2014 mit 5,0 Prozent noch klar über der Grenze von drei Prozent verharren. Der Schuldenberg immerhin dürfte dann aber erstmals wieder schrumpfen – auf 119,2 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Zypern: Als einziges Euro-Land soll die Mittelmeerinsel in den beiden kommenden Jahren in der Rezession verharren. In diesem Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt um 2,3 Prozent fallen, im kommenden um 1,7 und 2014 um 0,7 Prozent.

Das Staatsdefizit dürfte sich kontinuierlich erhöhen und 2014 mit sechs Prozent doppelt so hoch ausfallen wie erlaubt.

Der Schuldenberg wird nach diesen Prognosen die Marke von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung übertreffen. Auch die Arbeitslosenquote wird wegen der Wirtschaftsmisere bis 2014 auf 13,9 Prozent steigen. (rtr)

rtr
Die deutsche Volkswirtschaft in der Welt
  • Deutschland

    Deutschlands Volkswirtschaft ist die größte in Europa, weltweit kommt das Land auf Platz vier.

  • Weltbank

    2011 erwirtschafteten die Deutschen nach Angaben der Weltbank 3,57 Billionen US-Dollar, das Statistische Bundesamt sprach von 2,59 Billionen Euro.

  • China

    2006 stand Deutschland weltweit noch an dritter Stelle, dann zog China dank seines rasanten Wachstums vorbei.

  • Schwellenländer

    Auch andere Schwellenländer wie Indien und Brasilien holen auf.

  • OECD

    In Zukunft dürfte Deutschland deshalb laut OECD in der wirtschaftlichen Weltrangliste zurückfallen. (dpa)

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