21.02.13

Südafrika

Fall Pistorius: Polizei muss Chefermittler ersetzen

Der Polizeiermittler muss sich wegen siebenfachen versuchten Mordes verantworten. Ob Pistorius auf Kaution frei kommt, ist weiter unklar.

Foto: REUTERS/ZGBZGH
"Blade Runner" Oscar Pistorius awaits the start of court proceedings in the Pretoria Magistrates court
Die Ermittlungsbehörden im Mordfall von Oscar Pistorius sind gegen eine Freilassung des Beschuldigten auf Kaution

Pretoria. Rückschlag für die Ankläger des unter Mordverdacht stehenden Paralympics-Stars Oscar Pistorius: Der leitende Polizeiermittler Hilton Botha wird von seinen Aufgaben entbunden. Südafrikas Polizeichefin Riah Phiyega begründete am Donnerstag in Pretoria die Entscheidung mit Mordversuch-Ermittlungen gegen Botha selbst. Zuständig für den Fall seien zudem künftig nicht mehr die Behörden der Provinz Gauteng, sondern angesichts der Bedeutung des Verfahrens nationale Behörden, sagte Phiyega.

Gegen Botha wird wegen siebenfachen versuchten Mordes ermittelt. 2009 hatten Botha und andere Polizisten auf einen Kleinbus mit sieben Insassen schossen, um ihn an der Weiterfahrt zu hindern. Es ging um die Suche nach Verdächtigen in einem Mordfall. Der Fall wurde zunächst niedergeschlagen, vor kurzem aber wieder aufgenommen.

Staatsanwaltschaft und Verteidigung lieferten sich am Donnerstag erneut eine erbitterte Wortschlacht über eine mögliche Freilassung des Athleten gegen Kaution. Pistorius-Anwalt Barry Roux prangerte vor dem Magistratsgericht in Pretoria angebliche Falschinformationen des Staatsanwalts und krasse Fehler der Ermittlungsbeamten am Tatort an. Da es keine Beweise für den Mordwurf der Staatsanwaltschaft gebe, müsse Pistorius bis zum Prozessbeginn gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt werden, sagte der Anwalt.

Der beinamputierte Profisportler wird von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, am Donnerstag vergangener Woche seine Freundin Reeva Steenkamp (29) "vorsätzlich" ermordet zu haben. Der 26-Jährige sagt, er habe in der Nacht seine Freundin aus Versehen erschossen, weil er glaubte, im Badezimmer befinde sich ein Einbrecher. Magistratsrichter Desmond Nair will nun am Freitag, dem vierten Tag der außergewöhnlich langen Kautions-Anhörung, seine Entscheidung treffen.

Staatsanwalt Gerrie Nel argumentierte am Donnerstag, dass Pistorius selbst dann wegen Mordes angeklagt werden müsse, wenn er durch die verschlossene Badezimmertür wirklich nur einen Einbrecher habe erschießen wollen. "Selbst nach seiner Version gab es ja keine wirkliche Bedrohungssituation." Pistorius sei offensichtlich darauf aus gewesen, sich zu bewaffnen, zu schießen und zu töten. "Was bleibt, ist der geplante Mord eines Eindringlings." Pistorius zeige keine Bereitschaft, die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen.

Botha hatte am Donnerstagmorgen überrascht auf die Wiederaufnahme seines Falles reagiert: "Ich kann mir nur vorstellen, dass es etwas mit meiner Arbeit im Fall Oscar Pistorius zu tun hat", sagte Botha dem Fernsehsender eNCA. Er wehrte sich gegen südafrikanische Medienberichte, denen zufolge er bei den Schüssen betrunken gewesen sein soll.

Botha hatte am Mittwoch bei der Gerichtsanhörung eine zentrale Rolle gespielt. Er hatte sich – wie der Staatsanwalt – entschieden gegen Pistorius' Freilassung auf Kaution gewandt. Es bestehe Fluchtgefahr.

In einem Kreuzverhör des Pistorius-Anwalts musste Botha zugeben, dass am Tatort keine Belege dafür gefunden worden seien, die den Darstellungen des Athleten widersprächen. Zudem bestätigte er verschiedene Pannen bei den Ermittlungen, so etwa das Übersehen einer Pistolenkugel oder fehlende Ergebnisse der ballistischen Untersuchungen.

Oscar Pistorius sei noch in einem "Schockzustand", sagte sein Onkel, Arnold Pistorius, in einem Fernsehinterview am Mittwochabend. Oscar sei tieftraurig, dass er selbst es war, der seine Liebe umgebracht habe. Er werde sicher lange brauchen, um damit fertig zu werden. "Oscar wird das überleben. Es wird hart werden, weiter zu machen, aber er ist einer, der überlebt."

Pistorius droht im Fall einer Verurteilung wegen "vorsätzlichen Mordes" eine lebenslange Haftstrafe, mindestens aber 15 Jahre Gefängnis. In Südafrika gibt es Einrichtungen, die speziell für behinderte Gefangene ausgerüstet sind.

Der US-Sportartikelhersteller Nike lässt seine Zusammenarbeit mit Pistorius ruhen. "Nike hat seinen Vertrag mit Oscar Pistorius ausgesetzt", teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. "Wir glauben, dass man Oscar Pistorius ein ordentliches Gerichtsverfahren ermöglichen sollte und wir werden die Lage weiter sehr genau beobachten". Auch andere Wirtschaftspartner Pistorius verzichten zurzeit auf eine Werbung mit dem Paralympics-Star.

(dpa)
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