18.01.13

Doping-Beichte

Armstrongs Salami-Taktik sorgt für Wut und Unverständnis

"Minimalgeständnis", "PR-Show", "zu wenig und zu spät" - Die Fachwelt schüttelt den Kopf über Lance Armstrongs Interview bei Oprah Winfrey.

Foto: dpa
Armstrong-Interview bei Oprah Winfrey
Lance Armstrong beichtete seine Doping-Vergangenheit, zeigte jedoch wenig Reue

Hamburg. "Minimalgeständnis", "PR-Show", "zu wenig und zu spät": Die Sportwelt hat mit großer Enttäuschung, Unverständnis und Wut auf die Doping-Beichte von Lance Armstrong reagiert. Dem Kopfschütteln über die Salami-Taktik des gefallenen Radstars folgte schnell die Forderung nach einer Runderneuerung des Radsports - doch die wird es so schnell nicht geben.

"Man kann das Interview nur so zusammenfassen, dass es zu wenig, zu spät ist. Wenn Armstrong Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, muss er unter Eid vor den relevanten Anti-Doping-Organisationen aussagen. Was wir hier gehört haben, reicht bei Weitem nicht aus", sagte IOC-Vize Thomas Bach und war mit John Fahey, dem Präsidenten der Welt-Anti-Doping-Behörde Wada, einer Meinung. "Das war eine PR-Show. Aus meiner Sicht gab es nichts Neues", sagte der Australier. Armstrong hatte in einem Interview mit der US-Talk-Queen Oprah Winfrey zugegeben, alle seine sieben Tour-Siege unter Dopingeinfluss errungen zu haben, Hintermänner aber nicht genannt.

Bach sieht deswegen auch keinerlei weitere Handhabe: "Es gibt keine Ansätze für neue Maßnahmen gegen Lance Armstrong oder den Radsport generell." Entsprechend sprach auch Travis Tygart, der als Chef der US-Anti-Doping-Behörde Usada Armstrong das Handwerk legte, nur von einem "kleinen Schritt in die richtige Richtung" und verlangte ebenfalls ein Geständnis unter Eid. Die US-Presse ging den gestürzten Volkshelden härter an: "Nach all den Jahren des Betrugs, der Lüge und Millionen Dollar, die auf dem Schwindel beruhen, blickte Lance Armstrong Oprah Winfrey in die Augen und sagte einfach: 'Halb so wild'", schrieb "USA Today". Die italienische "La Repubblica" fügte hinzu: "Armstrong gesteht zwar, bereut aber nichts. Kaltblütig, berechnend, zynisch: Auch im sensationellsten Interview der letzten Jahre bleibt er bis zuletzt sich selber treu."

Sylvia Schenk nahm Armstrongs seichte Beichte zum Anlass, harte Reformen einzufordern. "Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen." Das Vorstandsmitglied von Transparency International nannte eine rigorose Kontrolle der Ärzte im Radsport als ein mögliches Mittel. "Die internen Widerstandskräfte sind extrem", sagte Schenk, "der Druck von außen muss entsprechend groß sein".

Eine Ablösung der höchst umstrittenen Spitze des Radsport-Weltverbandes ist allerdings in weite Ferne gerückt, weil Armstrong Attacken gegen die UCI vermied. Deren Präsident Pat McQuaid sprach von einem "wichtigen Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen." Er nahm Armstrongs Hilfe dankend an und betonte wie der Amerikaner, dass es "keine geheime Absprache oder Verschwörung" zwischen Armstrong und der UCI gegeben habe. "Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will", sagte McQuaid: "Das begrüßen wir."

Zahlreiche Experten glauben dagegen nicht, dass Armstrong als Kronzeuge jemals taugen wird. "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts", sagte der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke: "Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Gemischte Gefühle rief Armstrongs Geständnis bei ehemaligen Weggefährten hervor. Rolf Aldag hielt ihm zugute, dass er "nicht rumgeeiert" habe. Das Entscheidende sei aber, "dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Er muss jetzt dranbleiben." Nach Meinung von Jens Voigt sei Armstrong "jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich". Greg LeMond, selbst dreimaliger Tour-de-France-Sieger, sei bei der Beichte seines Landsmannes dagegen "stinksauer" geworden: "Ich habe kein Bedürfnis nach Wiedergutmachung gesehen, die Gewissensbisse von jemandem, dem es ernsthaft leid tut." Noch härter ins Gericht ging Tennis-Star Novak Djokovic: "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen."

Armstrongs Doping-Beichte

Ex-Radprofi Lance Armstrong gesteht in einem am 18. Januar ausgestrahlten TV-Interview umfassend Doping bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005. Die wichtigsten Aussagen des Gesprächs ...

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür. Das tut mir leid."

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

"Bei meinen Tour-Siegen wusste ich, dass ich gewinnen werde. Das war beängstigend."

"Diese Geschichte ist nicht wahr, es gab dort keinen positiven Test. Ich bin kein Fan der UCI, aber das ist nicht passiert." (Lance Armstrong zur Frage nach einer Geldspende an den Radsport-Weltverband UCI, deren Zweck die Verschleierung einer vermeintlichen positiven Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein soll)

"Ich war ein Typ, der alles unter Kontrolle haben musste. Das ist unentschuldbar."

"Ich hatte den unbändigen Willen, zu siegen. Diese Arroganz, ich kann sie nicht leugnen."

"Ich sehe die Wut und die Enttäuschung der Leute, die mich unterstützt und mir geglaubt haben. Sie haben das Recht, sich betrogen zu fühlen. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Ich habe keinen Kredit, aber ich liebe den Radsport, ich weiß, das klingt für viele Leute respektlos. Wenn man mich einlädt, bin ich dazu bereit." (Lance Armstrong auf die Frage zu seiner Kooperationsbereitschaft im Anti-Doping-Kampf)

"Das letzte Mal, als ich die Grenze zum Doping überschritten habe, war 2005. Bei meinem Comeback war ich sauber."

Reaktionen zur Armstrong-Beichte

Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."

Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."

Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass Usada, Wada und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."

Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."

Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."

Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."

(sid/HA)
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