16.01.13

Doping-Skandal

Armstrong-Beben bringt den Radsport an den Abgrund

Das vermeintliche Geständnis könnte nun für das Olympia-Aus der Radprofis sorgen. Die Dopingjäger greifen den Weltverband an.

Von Manuel Schwarz und Andreas Zellmer
Foto: Reuters
Handout photo of Lance Armstrong speaking with Oprah Winfrey in Austin
Der gefallene Radprofi Lance Armstrong hat bei Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey eine Dopingbeichte abgelegt

Berlin. Trotz Rücktritt, Sperre, Demontage und offenbar auch seiner ersten Dopingbeichte hat Lance Armstrong den Radsport im Griff. Mit seiner Aussage könnte der Amerikaner das ganze System zum Einsturz bringen. Einer ganzen Sportart droht das Olympia-Aus. Nach Ansicht von IOC-Veteran Richard Pound könnte die Ringe-Organisation den Radsport aus dem Programm werfen, sollte Armstrong dem Weltverband UCI jahrelange Doping-Mitwisserschaft und -Vertuschung nachweisen können.

Berichten zufolge erwägt der lebenslang gesperrte und anscheinend geständige Ex-Star, gegen UCI-Funktionäre auszusagen. Nach heftiger Kritik von Anti-Doping-Behörden steht der Verband mit dem umstrittenen Präsidenten Pat McQuaid mit dem Rücken zur Wand.

Am Mittwoch wurde die UCI von der von ihr selbst ins Leben gerufenen Kommission zur Aufarbeitung der Ära Armstrong düpiert. Der Weltverband solle sich nicht länger gegen Vorschläge internationaler Anti-Doping-Agenturen sträuben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und die amerikanische Agentur Usada hatten angekündigt, unter den derzeitigen Umständen nicht mit der Kommission zusammenzuarbeiten.

Man habe "ernsthafte Bedenken" bezüglich des Auftrags der Kommission, sagte Wada-Chef John Fahey. Außerdem gebe es Zweifel an der Unabhängigkeit des dreiköpfigen Gremiums. Die Usada bemängelte vor allem, dass möglichen Kronzeugen weder Anonymität noch Schutz vor Vergeltung durch die UCI gewährt werde. Entsprechende Vorschläge hätte die Kommission akzeptiert – aber die UCI stellte sich quer.

Usada-Chef Travis Tygart, der mit seinen Recherchen Armstrong zu Fall gebracht hatte, äußerte die "erhebliche Sorge, dass die UCI ihrer Unabhängigen Kommission die Augen verbindet und Handschellen anlegt, um ein gewünschtes Untersuchungsergebnis sicherzustellen".

Die Luft wird dünner für UCI-Boss McQuaid und dessen Vorgänger Hein Verbruggen. Der Niederländer, der Intimus von Armstrong war, dem Weltverband bis 2005 vorstand und immer noch im Hintergrund die Fäden zieht, stellt sich taub und stumm. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", sagte das Ehrenmitglied der Internationalen Olympischen Komitees der Radsportzeitung "De Muur".

Armstrong, der bei der TV-Aufzeichnung von Oprah Winfrey am Montag angeblich Doping gestanden hat – die Sendung wird am Donnerstag und Freitag ausgestrahlt -, kämpft verbissen um seinen eigentlich bereits in Trümmern liegendem Ruf und nebenbei auch um viel Geld. Wie der TV-Sender CBS berichtete, habe er den US-Behörden die Rückzahlung von mehr als fünf Millionen Dollar und seine Kooperation als Zeuge angeboten haben. Das Justiz-Ministerium habe die Offerten aber als "unangemessen" ausgeschlagen.

Die Bundesbehörde prüft stattdessen, ob sie sich einem offenbar von Armstrongs Ex-Teamkollegen Floyd Landis initiierten Verfahren anschließt. Dieser hatte einem Medienbericht zufolge Ende 2010 eine Klage eingereicht, in der Armstrong der Missbrauch von Steuergeldern für Dopingzwecke vorgeworfen wurde. Die Postbehörde US Postal hatte das Team des Ex-Profis bis 2004 dem Vernehmen nach mit mehr als 30 Millionen Dollar gesponsert und will nun Teile davon zurück.

Der deutsche Doping-Jäger Werner Franke misst dem Interview Armstrongs bei Winfrey wenig Bedeutung zu. Viel wichtiger sei es, den langjährigen Dominator der Tour de France vor ein staatliches Gericht zu bringen. "Dort könnte er Dinge gefragt werden, die bis jetzt noch gar nicht bekannt sind. Und das wäre dann noch viel kribbeliger, als wir uns das alle vorstellen können. Bei der Wahrheitsfindung sind die amerikanischen Gerichte nicht zimperlich", sagte Franke der "Welt".

Die Doping-Akte Armstrong
  • Hauptvorwurf

    Die Usada wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende „mit Doping verseucht“ gewesen.

  • Beweise

    Die Usada stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus bietet die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten auf. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die Usada dabei nach eigenen Angaben verzichten.

  • Dopingproben

    Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500 Mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die Usada ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche Epo-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schließen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustandekam, beziffert ein Gutachter auf „kleiner als 1:1 000000“.

  • Zeugenaussagen

    Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die „Dopingverschwörung“ immer professioneller geworden.

  • Tests

    Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

  • Helfer

    Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als „Dottore Epo“. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.

  • Gruppenzwang

    Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, Epo zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zuhause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.

  • Einschüchterung

    Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in einem Restaurant körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen.

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