16.01.13

Interview mit Armstrong

Winfrey: "Wir waren beide ziemlich erschöpft"

US-Talkerin Oprah Winfrey hat mit Ex-Radprofi Lance Armstrong einen Fragenkatalog zur Dopingkarriere des Texaners abgehandelt.

Von Jens Hungermann
Foto: Reuters
Handout photo of Lance Armstrong speaking with Oprah Winfrey in Austin
Der gefallene Radprofi Lance Armstrong hat bei Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey eine Dopingbeichte abgelegt

Austin/Hamburg. Vielleicht ist es ja bloß ein weiterer geschickter Marketingschachzug des Berufsradfahrers a. D. Lance Armstrong. Interesse zu wecken, das versteht der tief gefallene Sünder allemal. So umfangreich soll sein am Montag aufgezeichnetes Interview für die "Oprah Winfrey Show" in den USA ausgefallen sein, dass die Talkmasterin angekündigt hat, das 150-Minuten-Gespräch werde außerplanmäßig in zwei Teilen gesendet: am Donnerstag (Ortszeit) und Freitag.

"Bedächtig" habe Armstrong gesprochen und "ernst", sagte Winfrey. Und am Ende des Frage-Antwort-Spiels, nach zweieinhalb Stunden Einblick in seine Vergangenheit als Doper, "waren wir beide ziemlich erschöpft", verriet Winfrey ("Ich hatte 112 Fragen") am Dienstagmorgen dem Sender CBS.

So viel Tamtam war selten, wenn ein Sportheld sich der Kultmoderatorin offenbart. Zugleich war aber auch die Fallhöhe nie so hoch wie in der Causa Armstrong, dem seine vermeintlich märchenhafte Karriere nun auf die Füße fällt. Niemand mochte bis zuletzt ernsthaft glauben, der Texaner sei wirklich ohne unlautere Hilfsmittel und -methoden zum Seriensieger geworden, wie er es mehr als zehn Jahre lang stets vehement beteuert hatte.

Nun sind die ersten Details aus der Beichte bei Oprah Winfrey durchgesickert oder besser: lanciert worden - trotz Verschwiegenheitsverpflichtungen. So ist zu hören, Armstrong werde in dem Interview zugeben, schon Mitte der 90er-Jahre vor seiner Krebserkrankung mit dem Dopen begonnen zu haben. Die Zeitung "USA Today" berichtet unter Berufung auf eine anonyme Quelle, der Sportstar und seine Anwälte sprächen mit der US-Antidopingagentur Usada über "eine vollständige Vernehmung" über mehrere Tage.

Mit der Veröffentlichung ihres insgesamt rund 1000 Seiten starken Untersuchungsberichts hatte erst die unbeirrbare Usada Armstrong Mitte Oktober zu Fall gebracht, nachdem zuvor Ende August ein Zivilgericht den Fall ad acta gelegt hatte. In der Folge waren dem 2009 endgültig zurückgetretenen Radprofi alle sieben Siege bei der Tour de France aberkannt worden, er ist lebenslang gesperrt.

+++ Info: 13 Jahre Kampf gegen Dopingvorwürfe +++

Durch das zu erwartende öffentliche (Teil-)Geständnis drohen Armstrong seine Dopingverstrickungen aber juristisch einzuholen. An mehreren Fronten lauern Klagewillige oder Kläger, die vom millionenschweren Texaner Geld zurückzufordern gedenken. Unter ihnen ist die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions, die nach einem Schiedsverfahren 2005 rund zwölf Millionen US-Dollar (etwa 9,3 Millionen Euro) Bonuszahlungen leisten musste, obwohl schon damals dringender Dopingverdacht bestand. Oder die "Sunday Times", die Armstrong auf Schadenersatz wegen Verleumdung verklagte, nachdem die Zeitung über dessen Dopingaktivitäten berichtet hatte (es geht jetzt um 1,5 Millionen Dollar). Und natürlich Floyd Landis.

Landis, 37, hatte mit seinen Dopinganschuldigungen gegen Armstrong und andere frühere Teamkollegen 2010 einen nachhaltigen Riss in die Mauer des Schweigens geschlagen. Bis zu diesem Donnerstag muss das US-Justizministerium entscheiden, ob der Staat dem Informanten als Kläger gegen Armstrong beispringt. Armstrong, so die Argumentation, soll im damaligen Team US Postal als Miteigentümer der Betreibergesellschaft die staatliche Post um 30 Millionen Dollar betrogen haben, indem er und die Teammanager missbräuchlich Sponsorengeld zu Dopingzwecken abzweigten. Kommt es nicht vorher zu einer außergerichtlichen Einigung zwischen Armstrong und - dem finanziell im Übrigen angeblich arg klammen - Landis, dürfte Klage erhoben werden. Schon soll Armstrong offeriert haben, einen Teil der Sponsorenmillionen freiwillig zurückzuzahlen.

+++ Kommentar: Armstrongs letzter Dienst +++

Was also ist Hintergrund der Strategie, via "Oprah Winfrey Show" das Schweigen zu beenden? "Er scheint darauf zu pokern, dass die Öffentlichkeit ihm am Ende vergeben wird und dass er seine Reputation und seine Verdienstmöglichkeiten wiederherstellen kann", mutmaßt der New Yorker Fachanwalt Brian Socolow in "USA Today".

Der Deutsche Jörg Jaksche, 36, sagte dem Abendblatt: "Armstrong denkt pragmatisch. Hätte er seine bisherige Schiene beibehalten, hätte er nur noch weiter verloren. Das hat er wohl eingesehen. Buhmann der Nation statt Celebrity? Das wollte er nicht." Jaksche selbst hatte seine Vergangenheit als Doper Ende Juni 2007 offenbart.

Jetzt sagt er: "Sollte Armstrong in dem Interview sagen, er habe niemanden gezwungen zu dopen, gebe ich ihm recht. Was er getan hat, haben andere auch getan, darunter ich. Er war der Konsequenteste. Ich war einfach nicht so talentiert wie er oder Jan Ullrich. Der Betrogene ist derjenige, der sich nicht diesem System unterwerfen wollte. Ich hingegen fühle mich von Lance Armstrong überhaupt nicht betrogen."

Doch statt zu Kreuze zu kriechen, scheint ein Gegenangriff Armstrongs wahrscheinlicher. Die "New York Times" berichtet, der Krebsaktivist plane, gegen "mehrere mächtige Menschen im Radsport auszusagen, die über sein Doping wussten und ihn möglicherweise unterstützten". Das dürfte besonders Funktionäre des Weltverbandes UCI betreffen, der Armstrong jahrelang hofiert hatte.

Was und wie tief greifend Lance Armstrong auspackt, wird alle Welt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hören - in Deutschland auf dem über Sky empfangbaren Discovery Channel.

Stimmen zu Lance Armstrong

Jan Ullrich (Tour-de-France-Sieger von 1997): "Das ist alles für mich nichts Neues. Ich nehme es zur Kenntnis. Aber die Zeit von Lance und mir im Radsport liegt schon so lange zurück, dass das auf mein Leben keinen Einfluss hat."

Rolf Aldag (früherer Telekom-Profi): "Von Natur aus ist er ein sehr berechnender Mensch, der sich genau überlegt, was er macht. Ich glaube mit dem Wissen, was Lance Armstrong über Strukturen hat, ist in der Tat eine Mitarbeit vorstellbar. Man hört ihm zu. Wenn er sich dazu entscheidet, zu sagen, wo der Fisch stinkt, kann das sehr hilfreich sein."

Jörg Jaksche (früherer Radprofi und geständiger Doper): "Lance Armstrong ist ein knallharter Kalkulierer und Realist. Er hat sicher erkannt, dass er mit dem wenigen Positiven, dass es für ihn noch gibt, so das bessere Ende hat. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich zum Kopf einer neuen Bewegung macht und so positioniert, dass er den Radsport ändern will. Das EPO kam ihm ja nicht zugeflogen. Er müsste Ross und Reiter nennen und zum Beispiel auch sagen, ob das mit dem Schweigegeld an die UCI (Radsport-Weltverband, d. Red.) so stimmt. Dann aber, auch das ist klar, kann es die UCI in dieser Konstellation nicht mehr geben."

Tony Martin (Zeitfahrweltmeister): "Es wird wieder ein Urknall werden. Ich denke, dass der öffentliche Druck so groß geworden ist, dass er das Bedürfnis hat, reinen Tisch zu machen und mit den ganzen Schandtaten ans Licht zu kommen."

Bradley Wiggins (Tour-de-France-Sieger 2012 und Zeitfahr-Olympiasieger): "Das wird für eine Menge Leute ein großer Tag, und auf eine gewisse Art auch ein ziemlich trauriger Tag für den Sport."

Riccardo Ricco (früherer Radprofi): "Ich verteidige niemanden, aber ich möchte sehen, ob jemand, der gedopt hat, siebenmal in Folge die Tour de France gewinnen kann. Unmöglich. Armstrong, du bleibst ein Phänomen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Armstrong ist ein Mann voller Häme und Zynismus, aber er ist auch sehr hart gegen sich selbst. Er würde sich lächerlich machen und selbst konterkarieren, wenn er sich nun als Opfer des Systems Radsport darstellen oder lediglich erklären würde, er sei ja nicht der einzige Böse gewesen. Deshalb erwarte ich von Armstrong mehr als von Jan Ullrich. Ich bin sehr optimistisch, dass Armstrong wirklich auspackt."

Statement des Radsport-Weltverbandes UCI: "Falls diese Berichte wahr sind, würden wir Lance Armstrong entschieden zu einer Zeugenaussage vor der unabhängigen Untersuchungskommission drängen."

Oprah Winfrey (Talkshow-Gastgeberin): "Ich würde sagen, er hat nicht so ausgepackt, wie ich es erwartet habe. Das war überraschend für mich."

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Multimedia

Lance Armstrong gibt im Dopingkampf auf

Die Doping-Akte Armstrong
  • Hauptvorwurf

    Die Usada wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende „mit Doping verseucht“ gewesen.

  • Beweise

    Die Usada stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus bietet die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten auf. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die Usada dabei nach eigenen Angaben verzichten.

  • Dopingproben

    Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500 Mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die Usada ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche Epo-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schließen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustandekam, beziffert ein Gutachter auf „kleiner als 1:1 000000“.

  • Zeugenaussagen

    Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die „Dopingverschwörung“ immer professioneller geworden.

  • Tests

    Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

  • Helfer

    Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als „Dottore Epo“. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.

  • Gruppenzwang

    Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, Epo zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zuhause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.

  • Einschüchterung

    Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in einem Restaurant körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen.

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