18.01.13

Interview mit Oprah Winfrey

Armstrong: "Es war nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen"

Der Ex-Radstar gibt im US-Fernsehen jahrelanges Doping zu, nimmt aber den Weltverband UCI in Schutz. Korruption hätte es nicht gegeben.

Von Andreas Zellmer und Manuel Schwarz
Foto: AFP

Die Katze ist aus dem Sack: Lance Armstrong hat sich bei US-Talkerin Oprah Winfrey Fragen zu seiner Dopingkarriere gestellt und diese größtenteils mit "Ja" beantwortet

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Austin/Berlin. Oprah Winfrey und Lance Armstrong kamen in ihrem mit Spannung erwarteten TV-Interview ohne Umschweife gleich zur Sache. Kein seichtes Abtasten, das Thema Doping spielte sofort die Hauptrolle – und Armstrong gestand umfassend. Nach über 13-jährigem Leugnen riss der Texaner die Mauer des Schweigens und Leugnens ein und gab jahrelanges Doping unter anderem mit Epo, Eigenblut, Kortison und Wachstumshormonen zu. Bei allen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005 hätte er unerlaubte Mittel genommen. Den Weltverband UCI nahm er aber gegen Korruptionsvorwürfe in Schutz.

Armstrong stritt ab, dass ein positiver Epo-Test während der Tour de Suisse 2001 vom Dachverband verschleiert worden sei. Teamkollegen hatten zuvor ausgesagt, Armstrong habe im Gegenzug der UCI 125.000 Dollar gespendet. "Die Geschichte ist nicht wahr", betonte Armstrong. "Es gab keine positive Probe, keine Bestechung des Labors, kein geheimes Meeting mit dem UCI-Chef", sagte er. "Manche Dinge waren vielleicht dubios, aber das hier nicht."

Bei der Ausstrahlung des ersten Teils des Gesprächs am Donnerstag (Ortszeit) gab der mit Jeans und Sakko ganz in blau gekleidete Ex-Radprofi Doping von Mitte der 90er Jahre bis 2005 zu. In seinen Comeback-Jahren 2009, als er noch einmal Dritter bei der Tour geworden war, und 2010 (23. in Paris) sei er aber "clean" gefahren, sagte der Texaner weiter. Die Doping-Kontrollen zu dieser Zeit seien effektiver gewesen.

Jahrelang hatte der Hartgesottene auf Doping-Verdächtigungen mit Prozessen geantwortet – am Donnerstag wirkte er ganz brav und gefasst. Er entschuldigte sich sogar bei seiner ehemaligen Physiotherapeutin Emma O'Reilly, die er verklagt und übel beschimpft hatte. Die Irin gehörte zu den 26 Zeugen, die in der Anklage der US-Anti-Doping-Agentur Usada gegen Armstrong ausgesagt hatten.

Usada-Chef spricht von "kleinem Schritt"

Usada-Chef Travis Tygart nannte die Beichte einen "kleinen Schritt in die richtige Richtung". Armstrong habe "endlich zugegeben, dass seine Radsport-Karriere aus einer kraftvollen Kombination aus Doping und Betrug" bestanden hatte. Erledigt sei die Affäre für den Ex-Profi aber noch nicht. Wenn es Armstrong ernst damit sei, "seine Fehler zu korrigieren, muss er unter Eid ein vollständiges Geständnis seiner Doping-Aktivitäten" ablegen.

"Ich sehe in den Mienen der Menschen den Zorn über den Verrat, den ich an ihnen begangen habe. Ich werde den Rest des Lebens mit dem Versuch zubringen, Vertrauen zurückzugewinnen und mich bei den Leuten zu entschuldigen", sagte der tief gefallene Radsport-Held, der lebenslang gesperrt wurde und alle seine Tour-Siege verlor. Am Donnerstag hatte ihm das Internationale Olympische Komitee (IOC) auch die Bronzemedaille vom Zeitfahren 2000 in Sydney aberkannt.

Dieser "unbändige Wunsch zu siegen um jeden Preis wurde zur Macke, zur Charakterschwäche – ich war ein arroganter Sack", analysierte sich Armstrong selber. Er habe sich nicht als Betrüger gesehen. Dopen sei für ihn so selbstverständlich gewesen wie "Reifen aufpumpen".

Sein Geständnis komme "zu spät", erkannte er. "Ich sehe die Lage als eine große Lüge. Die Wahrheit lautet anders, als alles was ich gesagt habe", erklärte der scheinbar geläuterte Ex-Champion, der in einem Hotel in seinem Heimatort Austin/Texas am vergangenen Montag interviewt worden war. Es hätte in seinem Leben zwei Ausnahmesituationen gegeben: Seine Krebserkrankung 1996 und seine Lage als demaskierter Betrüger und Doper jetzt.

Armstrong geht davon aus, dass es ohne Doping gar nicht möglich sei, die Tour siebenmal zu gewinnen. Allerdings wollte der Texaner nicht behaupten, dass zu der damaligen Zeit alle Fahrer gedopt gewesen seien. "Ich kannte ja nicht jeden, kann das also nicht so sagen", meinte er.

Zudem stritt er ab, jemanden unter Druck gesetzt zu haben zu dopen, wie ihm zuletzt von mehreren ehemaligen Teamkollegen vorgeworfen wurde. Der einstige Dominator habe die "Doping-Kultur des Radsports nicht erfunden, aber auch nicht versucht, sie zu beenden. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür", sagte er weiter.

Armstrongs Doping-Beichte

Ex-Radprofi Lance Armstrong gesteht in einem am 18. Januar ausgestrahlten TV-Interview umfassend Doping bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005. Die wichtigsten Aussagen des Gesprächs ...

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür. Das tut mir leid."

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

"Bei meinen Tour-Siegen wusste ich, dass ich gewinnen werde. Das war beängstigend."

"Diese Geschichte ist nicht wahr, es gab dort keinen positiven Test. Ich bin kein Fan der UCI, aber das ist nicht passiert." (Lance Armstrong zur Frage nach einer Geldspende an den Radsport-Weltverband UCI, deren Zweck die Verschleierung einer vermeintlichen positiven Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein soll)

"Ich war ein Typ, der alles unter Kontrolle haben musste. Das ist unentschuldbar."

"Ich hatte den unbändigen Willen, zu siegen. Diese Arroganz, ich kann sie nicht leugnen."

"Ich sehe die Wut und die Enttäuschung der Leute, die mich unterstützt und mir geglaubt haben. Sie haben das Recht, sich betrogen zu fühlen. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Ich habe keinen Kredit, aber ich liebe den Radsport, ich weiß, das klingt für viele Leute respektlos. Wenn man mich einlädt, bin ich dazu bereit." (Lance Armstrong auf die Frage zu seiner Kooperationsbereitschaft im Anti-Doping-Kampf)

"Das letzte Mal, als ich die Grenze zum Doping überschritten habe, war 2005. Bei meinem Comeback war ich sauber."

Reaktionen zur Armstrong-Beichte

Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."

Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."

Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass Usada, Wada und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."

Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."

Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."

Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."

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