18.01.13

Radsport-Skandal

Doping-Kronzeuge Jaksche: "Armstrong zeigt keine Reue"

Der deutsche Ex-Radprofi glaubt, Armstrong habe für sein Geständnis viel Geld kassiert. Jaksches früherer Kollege Aldag hofft auf Prozess.

Foto: pa/Augenklick/Ro/Roth
Joerg Jaksche - Lance Armstrong
Jörg Jaksche (r.) auf einer Tour-Etappe neben dem Seriensieger Lance Armstrong. Reue habe dieser bei seinem Geständnis nicht gezeigt, sagt Jaksche nun

Berlin. Für den Ex-Radprofi und Doping-Kronzeugen Jörg Jaksche hat Lance Armstrong bei seiner TV-Dopingbeichte "keine Reue gezeigt". "Das war die Pflichtaufgabe, um sein Image aufzupolieren", sagte der ehemalige Armstrong-Konkurrent. Jaksche vermutet, dass für das mit tagelangem Ballyhoo angekündigte Gespräch mit der Talk-Queen Oprah Winfrey viel Geld geflossen sein muss. "Vielleicht hat er so viel bekommen, wie er im Prozess gegen sein ehemaliges US-Postal-Team angeboten hat", sagte Jaksche. Der Texaner hatte nach US-Medienberichten für die Einstellung des Verfahrens fünf Millionen Dollar geboten.

Der dopinggeständige Ex-Profi Rolf Aldag setzt große Hoffnungen "auf den dritten Teil" der Armstrong-Ausführungen. "Das war der erste Teil, morgen kommt der zweite und hoffentlich bald der dritte, nicht öffentliche, vor der Polizei, der Justiz, der Usada oder Wada", sagte der jetzt im Management der Tony-Martin-Mannschaft Omega Pharma Quickstep arbeitende Aldag nach dem ersten Part des zweigeteilten Interviews. "Das Allerschwierigste ist das Zugeben – ich weiß, wovon ich rede", meinte Aldag, der 2007 eine Fernsehbeichte abgelegt und Doping gestanden hatte.

Nach über 13-jährigem Leugnen hatte Armstrong jahrelanges Doping unter anderem mit Epo, Eigenblut, Kortison und Wachstumshormonen gestanden. Bei der Ausstrahlung des TV-Interviews mit US-Talkerin Oprah Winfrey gab der 41 Jahre alte Ex-Radprofi zu, bei all seinen sieben Tour-de-France-Erfolgen zwischen 1999 und 2005 gedopt gewesen zu sein. In seinen Comeback-Jahren 2009 und 2010 hätte er aber nicht zu verbotenen Mittel gegriffen, sagte der Texaner weiter.

Sein Geständnis komme "zu spät", sagte er weiter. "Ich sehe die Lage als eine große Lüge. Die Wahrheit lautet anders, als alles was ich gesagt habe", erklärte der ruhig wirkende Ex-Champion, der in einem Hotel in seinem Heimatort Austin/Texas befragt wurde. Mitte der 90er Jahre hätte er begonnen, zu dopen. Es sei für ihn so selbstverständlich geworden wie "Reifen aufpumpen".

Armstrong geht davon aus, dass es ohne Doping gar nicht möglich sei, die Tour siebenmal zu gewinnen. Allerdings wollte er nicht behaupten, dass zu der damaligen Zeit alle Fahrer gedopt gewesen seien. "Ich kannte ja nicht jeden, kann das also nicht so sagen", meinte er. Zudem stritt er ab, jemanden unter Druck gesetzt zu haben zu dopen, wie ihm von ehemaligen Teamkollegen vorgeworfen wird.

Armstrongs Doping-Beichte

Ex-Radprofi Lance Armstrong gesteht in einem am 18. Januar ausgestrahlten TV-Interview umfassend Doping bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005. Die wichtigsten Aussagen des Gesprächs ...

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür. Das tut mir leid."

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

"Bei meinen Tour-Siegen wusste ich, dass ich gewinnen werde. Das war beängstigend."

"Diese Geschichte ist nicht wahr, es gab dort keinen positiven Test. Ich bin kein Fan der UCI, aber das ist nicht passiert." (Lance Armstrong zur Frage nach einer Geldspende an den Radsport-Weltverband UCI, deren Zweck die Verschleierung einer vermeintlichen positiven Dopingprobe bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein soll)

"Ich war ein Typ, der alles unter Kontrolle haben musste. Das ist unentschuldbar."

"Ich hatte den unbändigen Willen, zu siegen. Diese Arroganz, ich kann sie nicht leugnen."

"Ich sehe die Wut und die Enttäuschung der Leute, die mich unterstützt und mir geglaubt haben. Sie haben das Recht, sich betrogen zu fühlen. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Ich habe keinen Kredit, aber ich liebe den Radsport, ich weiß, das klingt für viele Leute respektlos. Wenn man mich einlädt, bin ich dazu bereit." (Lance Armstrong auf die Frage zu seiner Kooperationsbereitschaft im Anti-Doping-Kampf)

"Das letzte Mal, als ich die Grenze zum Doping überschritten habe, war 2005. Bei meinem Comeback war ich sauber."

Reaktionen zur Armstrong-Beichte

Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."

Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."

Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass Usada, Wada und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."

Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."

Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."

Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."

(dpa/HA)
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