Deutschland
Guido Westerwelle im Abendblatt-Interview
"Wir bauen jetzt eine Brandmauer für den Euro"
08.11.2011, 06:29
Uhr
08.11.2011, 06:29
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Lars Haider, Matthias Iken und Karsten Kammholz
Guido Westerwelle verteidigt im Interview die milliardenschwere Euro-Rettung und zeigt sich besorgt über den Nahost-Konflikt.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bei der Eröffnung der EU-Lateinamerika/Karibik-Stiftung im großen Festsaal des Hamburger Rathauses
Foto: dpa/DPA
Hamburg.
Vor der Eröffnung der EU-Lateinamerika-Stiftung besuchte Außenminister Guido
Westerwelle die Abendblatt-Redaktion. Im Interview machte er deutlich: Wer
Ja zu Europa sagt, muss auch mit Sanktionen leben.
Hamburger Abendblatt: Herr Minister, wie viele Jahre werden
vergehen, bis Europa kein Krisenkontinent mehr ist?
Guido Westerwelle: Die Schuldenkrise wird uns noch einige Jahre
beschäftigen. Umso wichtiger ist es, dass wir langfristig Europa strukturell
verändern. Schulden sind durch die Aufweichung des Stabilitätspakts in
einigen Ländern zu einer abhängig machenden Droge geworden. Eine echte
Stabilitätsunion muss das Schuldenmachen ablösen. Ich glaube, dass uns das
gelingen kann. Europa ist immer an seinen Krisen gewachsen.
Welche Rolle spielen Sie, welche spielt Deutschland im neuen Europa?
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FDP pocht auf Änderung der EU-Verträge +++
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Schäuble fordert mehr Europa nach der Krise +++
Westerwelle: Diese Bundesregierung hat im vergangenen Jahr das größte
Sparpaket in der Geschichte der Bundesrepublik auf den Weg gebracht. Die
Kritik daran war heftig, gerade auch gegen meine Partei. Dass wir heute so
gut dastehen und Deutschland der wichtigste europäische Stabilitätspfeiler
ist, hängt auch mit unserem Mut von damals zusammen. Deutschland stünde ohne
unser entschlossenes Handeln heute viel schlechter da.
Ohne Griechenland wäre manches noch leichter. War es ein Fehler, den
Griechen den Euro zu geben?
Westerwelle: Wir sollten uns mit dem Blick zurück nicht zu lange
aufhalten. Ich will, dass der Stabilitätspakt Biss bekommt. Es müssen
Sanktionen möglich sein, wenn ein Land dauerhaft gegen die vereinbarten
Stabilitätskriterien verstößt. Alle Länder, die Hilfe aus Europa in Anspruch
nehmen wollen, müssen dafür bereit sein, notfalls auch nationale
Hoheitsrechte abzugeben.
Ist Griechenland noch ein verlässlicher Partner der EU?
Westerwelle: Was Griechenland auf den Weg gebracht hat, ist mutig und
verdient unsere Unterstützung. Europa muss aber darauf bestehen, dass den
Worten auch Taten folgen.
Tut Griechenland der Gemeinschaft einen größeren Gefallen, wenn das Land im
Euro bleibt oder die Euro-Zone verlässt?
Westerwelle: Ich warne vor dieser Debatte.
Ihre Parteifreunde führen sie längst.
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Westerwelle: Der Austritt Griechenlands mag für manche wie ein
politisch leichter Ausweg scheinen. Das Risiko für unsere Wirtschaft und für
Europa wäre allerdings groß. Wir bauen jetzt eine Brandmauer, damit kein
europäischer Flächenbrand entsteht. Und wir brauchen mehr, nicht weniger
Europa. Mit neuer Kleinstaaterei wird Europa im Wettbewerb mit den neuen
Kraftzentren der Welt nicht mithalten können. Mich wundert, dass viele noch
in altem Denken verhaftet sind und meinen, der Westen halte nach wie vor
alleine den Taktstock der Welt in der Hand. Wir müssen den Wettbewerb und
die Partnerschaft mit diesen neuen Kraftzentren der Welt - China, Indien,
Brasilien und zahlreiche andere - ernst nehmen. Da wird Europa nur gemeinsam
stark genug sein.
Wie sehr schadet der bevorstehende Mitgliederentscheid zum dauerhaften
Rettungsschirm ESM den Liberalen?
Westerwelle: Der Mitgliederentscheid ist eine gute Chance, die Basis
und die Bürger an europäischen Entscheidungen zu beteiligen. Es täte auch
anderen Parteien gut, die Zukunft Europas intensiver mit der Basis und den
Bürgern zu diskutieren. Eines ist doch klar: Systemrelevanter als jede Bank
sind unsere Bürger.
Das heißt, auch die anderen Parteien sollten Mitgliederentscheide
durchführen?
Westerwelle: Ich frage mich, warum andere Parteien noch nicht auf die
Idee gekommen sind, bei einer solchen Schicksalsfrage ihre eigene Basis
einzubeziehen.
Das Risiko, dass die Basis gegen die Euro-Rettung stimmt, ist nicht
unerheblich.
Westerwelle: Konrad Adenauer hat gesagt: Das Wichtigste in der Politik
ist der Mut. Wenn man von dem überzeugt ist, was man tut, dann kann man auch
andere davon überzeugen.
Aber Sie haben Ihren Mitgliederentscheid ausgerechnet dem FDP-Euro-Rebellen
Frank Schäffler zu verdanken.
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Guido Westerwelle
Westerwelle: Demokratie wächst immer von unten. In der FDP herrscht
eine lebendige Demokratie. Wir verstehen uns als diskussionsfreudige Partei.
Machen dann auch Volksabstimmungen zum Euro Sinn?
Westerwelle: Wenn es eines Tages eine europäische Verfassung geben
wird, sollte das gesamte europäische Volk darüber abstimmen. Wir müssen in
Europa eine Diskussion darüber führen, wohin wir wollen. Ich kann mir gut
vorstellen, dass eines Tages der Präsident der Europäischen Union vom Volk
gewählt wird.
Die FDP steckt weiter in der Krise. Würde man die Liberalen in dieser Phase
vielleicht besser wahrnehmen, wenn der Außenminister noch Parteichef wäre?
Westerwelle: Ich habe die FDP zehn Jahre lang als Parteivorsitzender
geführt und eine lange Erfolgsstrecke mitgestalten dürfen. Nach Fukushima
haben wir drei Landtagswahlen verloren. Die Konsequenzen wurden gezogen. Die
neue Parteiführung hat meine volle Rückendeckung.
Herr Minister, welches Land macht Ihnen momentan mehr Sorgen: der Iran -
oder doch Israel?
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Westerwelle warnt vor Militärschlag gegen Iran +++
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Präsident Peres drängt: Stoppt den Iran +++
Westerwelle: Ich habe vor wenigen Tagen in Istanbul meinen iranischen
Amtskollegen Salehi noch einmal eindringlich aufgefordert, bei der Nutzung
der Atomkraft mit der internationalen Gemeinschaft transparent und
nachvollziehbar zusammenzuarbeiten. Der Iran hat das Recht, die Atomenergie
zivil zu nutzen. Aber er hat zugleich die Pflicht, eine militärische Nutzung
auszuschließen.
Israel denkt laut über einen Angriff auf den Iran nach. Haben Sie dafür
Verständnis?
Westerwelle: Ich warne davor, militärische Optionen in den Raum zu
stellen. Das sind jenseits aller gefährlichen Weiterungen für die Region
Debatten, die die iranische Führung eher stärken als schwächen.
Sehen das Ihre Amtskollegen im Westen auch so?