03.08.12

Neue Euro-Rettungshilfen

Draghi gibt die Euro-Antwort mit viel Pathos

EZB-Präsident Mario Draghi verteidigt mit kräftigen Worten die Währung. Geld legt er aber noch nicht auf den Tisch. Die Erwartungen sind hoch.

Foto: REUTERS
Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gab sich als entschlossener Verteidiger der Gemeinschaftswährung und der Preisstabilität
Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gab sich als entschlossener Verteidiger der Gemeinschaftswährung und der Preisstabilität

Frankfurt. Er muss wissen, dass die halbe Finanzwelt in diesem Moment an seinen Lippen hängt. Nie waren die Erwartungen an ihn so hoch wie vor diesem Auftritt. Doch Mario Draghi gibt sich entspannt, lächelt breit und scherzt: "Es tut mir leid, dass ich Ihren Urlaub unterbrechen muss." Dann wird der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ernst, greift nach der vorbereiteten Rede, die es bei jeder seiner monatlichen Pressekonferenzen gibt und die er für gewöhnlich äußerst nüchtern herunterleiert. Doch da zeigt sich, dass es eben doch kein Tag ist wie jeder andere. Dass Politiker, Banker und Investoren Draghis Worte noch im Kopf haben, die EZB werde alles tun, um den Euro zu erhalten. Und dass sie nun wissen wollen, was er konkret damit meint.

Draghi gibt die Antwort diesmal mit viel Pathos. Die hohen Zinsen auf Staatsanleihen einiger Krisenländer seien inakzeptabel, schmettert er in den Saal, dann beugt er sich noch näher an das Mikrofon heran und ruft: "Der Euro ist unumkehrbar." Es sind entschlossene Sätze, die ein Signal an Finanzmarktakteure aussenden sollen, die auf einen Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung spekulieren. Und die vielleicht auch deshalb so geharnischt ausfallen, weil Draghi an diesem Tag nicht viel mehr als Rhetorik zu bieten hat, um die Märkte zu beeindrucken. Denn das, worauf viele gehofft haben, liefert er nicht: Die EZB legt keine großen Geldbündel auf den Tisch. Zumindest noch nicht.

Die EZB könne weder die Fiskalpolitik noch die notwendigen Reformen in den Krisenstaaten ersetzen, das betont Draghi mehrfach und entschieden. Deshalb will die Zentralbank auch nicht sofort damit beginnen, Anleihen von Spanien oder Italien aufzukaufen, wie es vor allem die Regierung in Madrid lautstark eingefordert hatte. "Der erste Schritt muss ein Hilfsantrag dieser Regierungen beim Rettungsfonds EFSF sein", betonte Draghi. Und diese Hilfen des Fonds müssten mit Reformauflagen verbunden sein. Dies sei eine "notwendige Bedingung" für eine Intervention der EZB. Und selbst für diesen Fall wollte Draghi nichts versprechen, schließlich sei die Notenbank unabhängig und zu nichts verpflichtet.

Genau eine Woche zuvor hatte Draghi den Satz formuliert, der seither die europäische Politik und die Finanzmärkte in Daueraufregung hielt. "Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten", sagte Draghi, und das ausgerechnet auf einer Investorenkonferenz in London, wo viele Investoren und Ökonomen an der Zukunft der Gemeinschaftswährung zweifeln. "Und glauben Sie mir, das wird reichen", ergänzte er. Für die Finanzprofis war das Signal klar: Draghi plant den ganz großen Wurf. Und zwar mithilfe des umstrittensten Instruments im Werkzeugkasten der EZB: einem Aufkauf von Staatsanleihen der Krisenländer, und zwar möglichst in großem Stil. Draghi selbst gab den Spekulationen zusätzliche Nahrung: Sollten hohe Risikoaufschläge für Staatsanleihen die "Funktion der geldpolitischen Transmissionskanäle stören, fällt das in unser Mandat". Mit dieser Begründung hatte die Zentralbank schon in den Jahren 2010 und 2011 Staatsanleihen gekauft, ihr Bestand beläuft sich derzeit auf 211 Milliarden Euro. Seit Anfang des Jahres ruhte das umstrittene Programm mit dem Kürzel SMP allerdings.

+++ Leitartikel: Euro am Wendepunkt +++

In Notenbankkreisen war allerdings schon zuvor gewarnt worden, die Märkte sollten keine zu großen Hoffnungen in einen sofortigen Neustart des SDP-Programms setzen. Zwar gehört dem Vernehmen nach nur eine Minderheit des 23-köpfigen EZB-Rats zu den Fundamentalkritikern, die wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann Anleihenkäufe grundsätzlich ablehnen. "Aber eines ist klar: Die EZB wird hier nicht vorangehen", betonten mehrere Notenbanker schon vor der Ratsitzung. Zunächst sei die Politik in der Pflicht - wenn sie eine Lösung anbiete, könne die Zentralbank mit ihren prinzipiell unbegrenzten Ressourcen dazu beitragen, dass dieser Weg Erfolg hat.

Dass diese Unterstützung der Notenbank tatsächlich käme, sofern die Regierungen denn ihrerseits Hilfsprogramme auf den Weg bringen, daran ließ Draghi denn auch wenig Zweifel. Und in diesem Fall würden die EZB-Maßnahmen auch das nötige Volumen haben, um ihr Ziel zu erreichen, versprach Draghi. Der Auftrag, entsprechende Maßnahmen auszuarbeiten, sei den entsprechenden EZB-Gremien einstimmig erteilt worden - mit einer Ausnahme: "Die Vorbehalte der Bundesbank sind ja bekannt", sagte Draghi, und auch danach kokettierte er noch mehrfach mit dem einen Abweichler im 23-köpfigen Zentralbankrat. Es war der nächste Hieb in der Fehde zwischen ihm und Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Als einziger Zentralbankchef hatte dieser sich nach Draghis Rede zur Rettung des Euro zu Wort gemeldet und über einen Sprecher auf die Gefahren von Anleihenkäufen hingewiesen. Nun stellte ihn Draghi seinen Kritiker als vollkommen isoliert dar. Allerdings dürfte der Frontverlauf im Rat in den kommenden Wochen stark davon abhängen, wie die Hilfsmaßnahmen konkret aussehen sollen. Eine reine Verstärkung politischer Hilfen mag mehrheitsfähig sein, aber gegen Anleihenkäufe ohne jede Bedingung hätten dem Vernehmen nach auch zahlreiche andere Ratsmitglieder große Bedenken. Gegner wie Weidmann argumentieren, dass damit der Reformdruck von den Krisenländern genommen und eine Gemeinschaftshaftung der Euro-Länder durch die Hintertür eingeführt werde. Der EU-Vertrag verbietet zudem Staatsfinanzierung mit der Notenpresse.

Fragen, ob nicht auch schon seine Pläne das Mandat der EZB überschreiten könnten, wischte Draghi mit einem Achselzucken beiseite: "Die Antwort ist Nein", sagte er unwirsch. Man werde die Entwicklung aber im Blick behalten, hängt er nach einer Pause noch an: "Die EZB bleibt der Wächter der Preisstabilität." Offenbar hält der Italiener es für nötig, das noch einmal zu betonen. Denn ansonsten hat er heute vor allem in einer anderen Rolle gesprochen: der des Euro-Retters.

EZB: Die Europäische Zentralbank
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
Was die EZB darf und was nicht
Was die EZB darf und was nicht
Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Eurostaaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern.
Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.
Vorrangiges Ziel:
Die "Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank" hält fest: Das "vorrangige Ziel" des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei "die Preisstabilität zu gewährleisten". Zudem sollen die Zentralbanken "die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union" unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist".
EZB-Rat:
Der EZB-Rat kann demnach "mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden", die er bei Beachtung dieser Vorgaben "für zweckmäßig hält". Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.
Staatsfinanzierungsausschluss:
Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die "Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" legt in Artikel 123 fest:
"Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken."
Unabhängigkeit:
Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): "Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.
Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen." (dpa)
Die drei Leitzinsen der EZB
Hauptrefinanzierungssatz: Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.
Spitzenrefinanzierungsfazilität: Teurer wird es für die Banken, wenn sie ganz kurzfristig Geld brauchen. Dafür bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.
Einlagefazilität: Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen.
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