23.01.13

Einsatz gegen Islamisten

Mali zwischen Scharia und Krieg – Vertriebene suchen Frieden

Mehr als 350.000 Malier sind auf der Flucht. Aber Menschen sind sich einig: Gräueltaten der Rebellen haben mit Religion nichts zu tun.

Foto: dpa
Flüchtling Yacouba Souleyman in Mali
Yacouba Souleyman sitzt in Bamako (Mali) in einem Büro. Er ist weit weg von Zuhause. 1300 Kilometer trennen ihn von seiner Heimatstadt Ansongo im Nordosten Malis. Erst gab es einen Militärcoup im Süden, dann fielen islamische Terroristen in seine Heimatregion ein. Seit zehn Monaten flieht der 26-Jährige von einem Ort zum anderen, immer auf der Suche nach Frieden und Sicherheit

Bamako. Yacouba Souleyman ist weit weg von Zuhause. 1300 Kilometer trennen ihn von seiner Heimatstadt Ansongo im Nordosten Malis. Erst gab es einen Militärcoup im Süden, dann fielen islamische Terroristen in seine Heimatregion ein. Seit zehn Monaten flieht der

26-Jährige von einem Ort zum anderen, immer auf der Suche nach Frieden und Sicherheit. Derzeit arbeitet er als Angestellter an einem College in der Hauptstadt Bamako. "Es war unmöglich, im Norden zu bleiben", sagt er.

Denn seit brutale Islamisten im März 2012 die Kontrolle in der Region übernommen haben, ist nichts mehr, wie es einmal war. "Diese Kriminellen haben schwere Verbrechen begangen. Sie haben kleine Mädchen vergewaltigt", erzählt Souleyman. Dann ruft er wütend: "Dieses Verhalten ist nicht muslimisch!"

Der junge Mann ist einer von Hunderttausenden Binnenvertriebenen, die nach dem Vorrücken der Extremisten ihre Heimatstädte verlassen haben. Viele weitere sind in Nachbarländer wie Mauretanien, Burkina Faso und Niger geflüchtet, oft kommen sie zu Fuß in den staubigen Camps an. Seit Malier und Franzosen vor knapp zwei Wochen gemeinsam eine Militäroffensive gegen die Rebellen gestartet haben, hat der Flüchtlingsstrom noch weiter zugenommen. Schätzungen zufolge sind seither weitere 10 000 Menschen auf der Flucht, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen.

Internationale Hilfsorganisationen machen sich zunehmend Sorgen, dass die Intervention vor allem verheerende humanitäre Folgen haben könnte. Weitere Menschen könnten vertrieben und Hilfsgüter blockiert werden, warnt Ilaria Allegrozi, die für die britische Organisation Oxfam in Bamako tätig ist.

Noch schlimmer ist es aber für diejenigen, die im Norden bleiben müssen, weil sie weder Geld noch Transportmöglichkeiten haben. Zudem sind vermutlich zahlreiche Zivilisten bei den Luftangriffen und Zusammenstößen zwischen Militär und Islamisten verletzt worden – eine genaue Zahl gibt es bisher nicht. "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) forderte bereits vor Tagen, medizinische Versorgung für Verwundete zu gewährleisten. "Wir rufen alle Konfliktparteien dazu auf, sowohl die zivile Bevölkerung als auch humanitäre Organisationen zu respektieren", erklärte der örtliche MSF-Direktor Malik Allaouna.

Dennoch: Die Unterstützung für die Militärmission aus Paris ist riesig. Die Malier lebten bis vor zehn Monaten in einer afrikanischen Vorzeigedemokratie und folgten einem eher moderaten Islam. Die meisten finden es unerträglich, sich jetzt von religiösen Fanatikern vorschreiben zu lassen, was sie anziehen und welche Musik sie hören dürfen – einmal ganz zu schweigen von den gruseligen Bestrafungen inklusive Amputationen und Auspeitschungen.

Auch Souleyman wurde Zeuge, wie derzeit in Nord-Mali eine strenge Auslegung der Scharia durchgesetzt wird: Als er im Sommer seine Mutter in dem Ort Karou – 190 Kilometer südlich der strategisch wichtigen Stadt Gao – besuchte, durften Männer ihre Hosen nicht länger als bis zu den Knöcheln tragen – das geht auf die Sitten zuzeiten des Propheten Mohammed zurück; Frauen mussten sich verhüllen. Wer gegen die Regeln verstieß, wurde verprügelt.

Wie viele seiner Landsleute wehrt sich Souleyman denn auch gegen das Wort "Islamisten" als Beschreibung für die Extremisten. Mit Glauben und muslimischer Religion habe das alles wenig zu tun, meint er. Der Einsatz der Franzosen sei deshalb richtig: "Wir sind sehr dankbar und hoffen, dass sie ihre Mission erfüllen werden."

"Der Norden Malis gehört Al-Kaida"

An entlegenen Wüstenflecken, in tiefen Höhlen und Felsennestern in den Bergen Malis haben sich die islamistischen Kämpfer eingegraben und enorme Verteidigungsanlagen errichtet.

Der Norden des Landes, ein Gebiet größer als Frankreich und in etwa genau so groß wie Afghanistan, ist Al-Kaida-Land geworden. Gegenüber den vorrückenden Franzosen brüsten sich die Extremisten, dieser Kampf werde noch schwieriger werden als jener in Afghanistan.

Schon längst haben sie sich auf eine Schlacht vorbereitet. Mit Baggern und Bulldozern geflüchteter Straßenbautrupps legten sie ein ausgeklügeltes Netz aus Tunneln, Gräben, Schächten und Wällen an, wie Einheimische schildern. Kraftstoffdepots irgendwo im Nirgendwo sichern Nachschub für den Ernstfall, Generatoren und Solarzellen sorgen für Strom.

Auf Geländewagen wurden Augenzeugen zufolge Geschütze montiert. Ein Informant aus Kidal berichtet von zwei Stützpunkten 200 bis 300 Kilometer nördlich der Stadt, in Teghergharte in den Bergen und bei Boghassa.

 "Afghanistan hat Al-Kaida nie gehört", erklärt der frühere UN-Diplomat Robert Fowler, der von dem in Mali aktiven Ableger des Terrornetzwerks einmal entführt und 130 Tage gefangen gehalten worden war. "Aber der Norden Malis gehört ihnen."

Die ursprünglich aus Algerien stammende Gruppierung Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AKIM) treibt sich seit Jahren in Mali herum und nutzte vergangenes Jahr das politische Chaos, um aus dem Hintergrund zu treten und im Norden die Städte zu erobern.

Daneben sind zwei weitere radikalislamische Gruppen im Norden Malis aktiv: die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO), die ihre Hochburg in der Stadt Gao hat, und Ansar Dine aus Kidal.

 Experten sehen erhebliche Überschneidungen zwischen ihnen und werten alle drei als Ableger beziehungsweise Sympathisanten von Al-Kaida. Bei ihrem jüngsten Vorstoß nach Süden stützen sich die Islamisten auf die Erfahrungen von AKIM, die 2003 nach Mali kam und in der Wüste ein florierendes Entführungsgewerbe aufzog. Zugleich nahmen ihre Kämpfer Verbindung zu örtlichen Clans auf und knüpften die Beziehungen, die sie heute schützen. Etliche Kommandeure heirateten in einheimische Familien ein.

In Gao ist Moktar Belmoktar häufig in der Öffentlichkeit zu sehen, der einäugige Emir der Gruppierung, die 2008 Fowler verschleppte. Belmoktar ist gebürtiger Algerier und soll in den 1980er Jahren in einem Terrorcamp Osama bin Ladens in Afghanistan ausgebildet worden sein.

Seine rechte Hand ist Oumar Ould Hamaha, den Fowler als einen seiner Entführer identifizierte. Hamahas Familie stammt aus Kidal, seine Nichte ist mit Belmoktar verheiratet. Telefonisch an einem unbekannten Ort erreicht, möchte Hamaha zu den Verteidigungsanlagen nichts sagen, betont aber, seine Kämpfer seien vorbereitet: "Wir betrachten dieses Land als unser Land. Das ist islamisches Gebiet."

Vor allem ist es ein unüberschaubares, unwirtliches Gebiet. Das dürfte es jeder Interventionsstreitmacht schwer machen, gegen Kämpfer vorzugehen, die sich Fowler zufolge in der Wüste blind zurechtfinden. Zudem sei es während seiner Entführung dort so heiß gewesen, dass er manchmal kaum habe atmen können, erinnert sich der Kanadier.

Die US-Botschaft in Bamako berichtete in einer von Wikileaks veröffentlichten Depesche, dass selbst malische Soldaten im Norden nur frühmorgens arbeiten könnten und sich tagsüber in den Schatten zurückzögen.

Dagegen sah Fowler Al-Kaida-Kämpfer stundenlang in der brennenden Wüstensonne sitzen und Koranverse rezitieren. "Ich habe nie eine stärker auf etwas konzentrierte Gruppe junger Männer gesehen", berichtet er. "Keiner schleicht sich für eine Erholungspause fort. Die haben ihre Frauen und Kinder zurückgelassen. Sie glauben, dass sie auf dem Weg ins Paradies sind."

(dapd/abendblatt.de)
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Video Alle Videos

Streitkräfte der Armee und islamistische Milizen liefern sich in Bengasi heftige Feuergefechte. Auch Wohngebiete wurden schon von Raketen und Granaten getroffen. Seit Mai dauern die Kämpfe an. mehr »

Top Bildergalerien mehr

Halloween-Party in Hamburg läuft aus dem Ruder

Siegesserie der Freezers hält an

Mehr!

Theater am Hamburger Großmarkt feiert Richtfest

Handelskammer

"Cheese and bread" bei der Morgensprache

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr