Libyen Angriffe auf Tripolis und neue Rätsel um Gaddafis Sohn

Eine libysche Familie versucht sich in Normalität in Bengasi

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Eine libysche Familie versucht sich in Normalität in Bengasi

Geheimdienst-Informationen sollen belegen, dass Saif Gaddafi noch lebt. Obama lehnt Bodentruppen ab: Das sei der Job der Rebellen.

Tripolis/London. In der libyschen Hauptstadt Tripolis hat es in der Nacht zum Donnerstag nach Regierungsangaben erneut mehrere Explosionen gegeben, berichtete der US-Nachrichtensender CNN. Ein libyscher Regierungssprecher sagte, Nato-Flugzeuge hätten eine Schule getroffen. Ein Nato-Sprecher sagte nach CNN-Angaben, er könne dies nicht bestätigen. Stunden zuvor hatte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums erklärt, die USA hätten ihre Alliierten in den Operationen gegen das Regime des libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi mit Material versorgt. Darunter sei auch Munition gewesen, sagte Pentagon-Sprecher Dave Lapan.

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat libysche Berichte vom Tod eines Sohnes und dreier Enkelkinder von Machthaber Gaddafi angezweifelt. Nach libyschen Regierungsangaben kamen Saif al-Arab Gaddafi und die Enkelkinder Ende April bei einem Nato-Luftangriff auf den Wohnkomplex Gaddafis ums Leben. Basierend auf Geheimdienstinformationen habe sich der Gaddafi-Sohn zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in Libyen befunden und halte sich vielmehr in einem anderen Land auf, sagte Berlusconi in einer im italienischen Fernsehen ausgestrahlten Talkshow.

Die Koalitionsstreitkräfte seien von den libyschen Angaben nicht überzeugt, sagte Berlusconi dem staatlichen Sender RAI nach laut Bericht der Nachrichtenagentur Ansa. Es scheine so, als handele es sich bei den Berichten vom Tod des Gaddafi-Sohnes um Propaganda. "Sogar der Fall der drei Enkelkinder scheint haltlos", sagte der Ministerpräsident. Die Nato hat die Vorwürfe der libyschen Regierung, wonach bei einem Luftangriff des Militärbündnisses am 30. April der Sohn und die Enkelkinder Gaddafis getötet wurden, bislang weder bestätigt noch bestritten.

US-Präsident Barack Obama und der britische Premierminister David Cameron wollen den Druck auf das Gaddafi-Regime erhöhen. "Der Präsident und ich sind uns einig, dass wir mehr Druck machen sollten", sagte Cameron vor der Presse. Ein künftiges Libyen mit Gaddafi an der Spitze sei nicht vorstellbar. "Er muss gehen", sagte Cameron. Obama machte aber auch deutlich, dass die Möglichkeiten des "militärisch Erreichbaren" begrenzt seien und schloss den Einsatz von Bodentruppen in Libyen aus. Die Nato könne nur aus der Luft unterstützen, der Kampf am Boden sei der Job der libyschen Rebellen. Auf die Frage, ob Großbritannien – wie Frankreich – in Libyen Kampfhubschrauber einsetzen werde, sagte Cameron, es müssten alle Optionen geprüft werden.

Libyen beschwerte sich indes bei den Vereinten Nationen über die seit fast zehn Wochen andauernden Luftschläge der Nato. Ministerpräsident Al-Baghdadi al-Mahmudi habe in einem Telefongespräch mit Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon seine "größte Sorge" wegen der Angriffe ausgedrückt, wie die Vereinten Nationen mitteilten. Ban betonte gegenüber al-Mahmudi, dass Libyen einen sofortigen Waffenstillstand brauche. Nötig seien ernsthafte Verhandlungen für einen Übergang zu einer Regierung, die die wirkliche Unterstützung des Volkes habe.