Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer

Kaiserdom zu Speyer

Romanische Kirche, 1061

Die Romanik hat Abbilder des himmlischen Jerusalem gebaut. Die neue Stadt Gottes, die dem Menschen vom Himmel her zukommt, hat der Seher Johannes in der Geheimen Offenbarung als eine ganz und gar nach Maß und Zahl geordnete Stadt beschrieben. Ein Engel mit einem goldenen Messstab vermisst die göttliche Stadt, in der es keine Unordnung und kein Chaos geben kann. So ist auch dem Speyrer Dom die gerade der mittelalterlichen Christenheit so wertvolle Idee des göttlichen "ordo" als Bau- und Wesensprinzip zu eigen.

Als einer der größten und bedeutendsten Bauten der Christenheit beeindruckt er die Besucher und zieht viele Menschen an, historisch, architektonisch und besonders spirituell. Mir ist er innerhalb kürzester Zeit ans Herz gewachsen. In diesem großen Haus Gottes wird man selbst wieder einmal ganz klein und bescheiden. Der Dom rückt die Proportionen zurecht und stellt Mensch und Gott an die rechte Stelle.

Über dem großen Hauptportal sind die Worte aus dem Johannesevangelium zu lesen: "Ut unum sint!" Die Grundsteinlegung des Domes, die man in das Jahr 1030 datiert, reicht noch vor das große Morgenländische Schisma von 1054 und weit vor die Reformation zurück. So wird er ein Zeichen der Einheit des Christentums im Glauben der Kirche. Durch das in den 1960er-Jahren neu gestaltete Bronzetor, das die ganze biblische Heilsgeschichte abbildet, tritt man ein in den Raum Gottes. Seit mehr als 1000 Jahren kommen Menschen hierher, um zu beten, ihre Kinder taufen zu lassen, den Segen der Jungfrau und Gottesmutter Maria als der "Patrona Spirensis" zu erflehen und um Gott nahe zu sein. Hat der Dom auch viele Dimensionen, so ist er doch zuerst Gottes eigenes Haus, Haus des Gebetes und des Gottesdienstes. Im Bereich der Kaisergräber weht dem Besucher der Atem europäischer Geschichte entgegen. Da hängt die Nachbildung der Grabkrone von Kaiser Konrad II., dem Gründer und eigentlichen Stifter des Domes. Und besonders das Grab Kaiser Heinrichs IV. ruft die wechselvolle Geschichte der Kirche und unserer deutschen Nation in Erinnerung.

Im Chorbogen vor der Apsis hängt ein großes Kreuz: das Zeichen des eigentlichen Königs dieses Domes, dessen Reich unvergänglich und ohne Grenzen ist. Das Kreuz ist auch die Bauform des Domes, wenn man aus der Vogelperspektive auf ihn blickt. Wo sich die Kreuzarme schneiden, steht der Altar. Er ist zwar nicht die exakte architektonische, aber die geistliche Mitte des Bauwerks, das zur Ehre des Herrn der Zeiten erbaut wurde, der größer ist als alles Menschenwerk und auch als seine Schöpfung.