Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, Aachen

Die Verheißung an Abraham

Buchmalerei, Kleinasien, 6. Jh., Wiener Genesis

Die Verheißung an Abraham lehrt zu verstehen, was es heißt, unter Gottes Verheißung zu leben, zu glauben und den Weg Gottes zu gehen.

Wenn wir die biblische Geschichte Abrahams erinnern, sehen wir: Abraham lebt in einem fremden Land. Jahrzehnte der Wanderschaft sind dahingegangen, seit ihn die Stimme zum ersten Mal rief: "Zieh weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen" (Gen 12, 1 f.). Er ist an die Grenze des Lebens gekommen, und Gottes Verheißung hat sich nicht erfüllt. Doch es gibt einen Ausweg: In einer Nacht in Hebron, da Abraham in seinem Zelte liegt und ihn die Frage quält, welchen Sinn sein einsames Leben habe - da ist die Stimme wieder da: "Fürchte dich nicht, Abraham, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr groß sein. Abraham antwortete: Herr, mein Gott, was willst du mir schon geben? Ich gehe doch kinderlos dahin und Erbe meines Hauses ist Elieser aus Damaskus. Und Abraham sagte: Du hast mir ja keine Nachkommen gegeben; also wird mein Haussklave mich beerben. Da erging das Wort des Herrn an ihn: Nicht er wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein. Er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abraham glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an" (Gen 15, 1-6).

Abraham empfängt das wegweisende Wort Gottes. Das aber empfängt man nicht wie Wechselgeld in die bloße Hand. Gottes verheißendes Wort empfängt Abraham mit verhüllten Händen, in stummer Ehrfurcht. Er blickt auf in die glühende und gleißende Sternenpracht. Er sieht den Arm und die Hand Gottes, die ihm den Weg weisen. So steht Abraham da, der alte Wanderer und Hirte, lauschend und staunend. Und die Verheißung erfüllt sich, von Generation zu Generation, physisch und geistlich, für alle, die von Abraham abstammen.

Diese Hand aus dem Himmel weist den Weg der Berufung, für uns alle. Unter dem Segen der Hand Gottes gehen wir unseren Weg der Berufung und Verheißung - jeder Mensch kann ihn gehen, wo immer Gottes Ruf ihn trifft. Ich bin dankbar für die Berufung und für den Weg, den er mich gehen ließ und lässt - in der Kraft seines Segens. Denn er ist "der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14, 6).