Weihbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Münster

Verklärung Christi

Raffael, Öl auf Holz, 1518-1520

Zu den Kunstwerken, die mich seit meinen frühen römischen Studienzeiten faszinieren, gehört die Verklärung Christi, die sich in der Pinakothek der Vatikanischen Museen befindet. Gemalt ist es zwischen 1518 und 1520, gegen Ende des Lebens von Raffael und in einer kirchlichen Umbruchzeit mit vielen Erschütterungen.

Deutlich ist die Zweiteilung des Bildes in einen lichteren oberen Bereich und einen Schattenbereich unten. Der Bezug zu den Evangelien ist sehr eindeutig. Die Verklärung Christi, die sich vor allem auf den oberen Bereich bezieht, knüpft an die Erzählung von Jesu Verklärung auf dem Berg an (Mk 9,1-13; Mt 17,1-13; Lk 9,28-36). Der untere Teil wird von der Heilung eines mondsüchtigen epileptischen Jungen durch Jesus beherrscht (vgl. Mk 9,14-29; Mt 17,14-20; Lk 9,37-43). Die beiden in den Evangelien verknüpften Ereignisse werden von Raffael zusammengefügt.

Er hatte den Auftrag, ein Altarbild im Hochformat zu schaffen und musste die beiden Szenen des Evangeliums in ein Verhältnis der Über- und Unterordnung bringen. Gerade dies führt zu ungewöhnlichen Deutungen beider Geschichten. Dieses Arrangement des Künstlers ist ganz und gar singulär. War die Verklärung Christi immer wieder thematisiert und in das Schaffen der Künstler einbezogen worden, so ist die, angesichts des menschlichen Leids rat- und hilflose Gemeinschaft der neuen Apostel im unteren Teil des Bildes bisher nie Thema der Kunst gewesen. Der Auftraggeber des Bildes, Kardinal Giulio de' Medici, hatte für seine Bischofskirche in Narbonne zwei Gemälde in Auftrag gegeben: eine Auferweckung des Lazarus, gemalt von einem anderen Künstler, und die Verklärung Christi durch Raffael. Die kompositorische Verknüpfung der beiden Szenen des Evangeliums durch Raffael könnte dieses Bild im Verhältnis zum Konkurrenten attraktiver gemacht haben.

Ein derartig komplexes und vielschichtiges Bild lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Es ruft vielmehr zur ruhigen Betrachtung und zu einer umfassenden Vision des Christentums auf. Selbst wenn Christus hier nicht als Handelnder auftritt, erkennen wir durch die Kompositionsbotschaft des Raffael deutlich: Er ist der Retter. Darum ist alles Licht stärker als die Dunkelheit. Alle Menschen stehen hilflos vor der Not der Welt, wenn Christus nicht heilt und rettet.