Bischof Dr. Konrad Zdarsa, Görlitz

Berufung des Heiligen Matthäus

Caravaggio, Öl auf Leinwand, 1599

Wer mein Lieblingsgemälde kennenlernen will, muss schon mit mir nach Rom fahren. Ich ginge dann mit ihm zur Piazza Navona und führte ihn ganz in der Nähe des Vierströmebrunnens über eine Nebenstraße in die Kirche San Luigi dei Francesi. Dort, in einer Seitenkapelle, ganz vorn links, ist es angebracht: Die Berufung des Heiligen Matthäus als Zöllner Levi in den Kreis der Apostel, der engeren Freunde Jesu. Nur zwei der Kumpane nehmen die Eintretenden überhaupt wahr, die anderen richten ihr Interesse unbeirrt auf das Geld, das vor ihnen auf dem Tisch liegt. Nur Levi scheint sich als einziger direkt angesprochen zu fühlen, jedenfalls zeigt er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand fragend auf sich oder auf seinen Nachbarn, während seine Rechte immer noch damit beschäftigt ist, dem anderen die Münzen vorzuzählen. Natürlich ist es Jesus, der, von Petrus begleitet, eingetreten ist und niemand anderen meint als Levi, den künftigen Apostel und Evangelisten Matthäus.

Wer wach für das Geschehen ist, dem bleibt auch nicht verborgen, dass der ausgestreckte Arm des Herrn, mit dem er auf den Zöllner weist, ebenso gut der des Petrus sein könnte - für den gläubigen Betrachter eine zusätzliche Botschaft: Jesus Christus beruft über diese Szene auch heute noch Menschen zum Glauben. Der Maler Caravaggio hat das Szenario in die eigene Zeit übertragen. Wer aber genau hinsieht, entdeckt, dass Jesus schon wieder im Weitergehen begriffen ist.

Warum mir dieses Bild so gut gefällt? Nun, obwohl es im Stile einer längst vergangenen Kunstepoche gemalt ist, hat seine Botschaft hohe Aktualität:

Alles, was geschieht, kannst du als interessantes Amüsement zu deinem Zeitvertreib auffassen, du brauchst nichts wirklich an dich heranzulassen, dich schon gar nicht davon ergreifen zu lassen, und einfach weiter in den Tag hinein leben. Du kannst auch eisern nur an all dem festhalten, was du messen oder zählen kannst - das Geld ist heutzutage allerdings kein sicherer Kandidat mehr dafür. Du brauchst absolut nichts anderes für wahr, maßgebend und richtungsweisend zu halten.

Du kannst aber auch wach und aufmerksam durch diese deine Welt gehen und dich bei allem, was dir begegnet, fragen, warum es gerade dir begegnet, und darüber nachdenken, was es dich angeht und was du hier und heute damit zu tun hast. Mir fällt dabei ein Wort von Ernst Barlach ein, der einmal gesagt hat: "Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die er scheint und blitzt, ganz dünne, feine Spalten, so dünn, dass man sie nie wieder findet, wenn man nur einmal den Kopf wendet."