Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Bamberg

Der Bamberger Reiter

Unbekannter Künstler, Steinskulptur, um 1227

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", schreibt Goethe in "Das Göttliche". "Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!", heißt es im Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Diese und andere, ähnliche Worte kommen mir in den Sinn, wenn ich im Kaiserdom zu Bamberg den Bamberger Reiter sehe. Es kommt mir vor, als blickte er mich an. Was er mir wohl sagen würde, könnte er reden? Täglich besuchen Hunderte Gottesdienstbesucher den Dom und schauen ihn an und er sie. Was sie wohl empfinden und denken?

Der Bamberger Reiter wird als bedeutende Schöpfung des Hochmittelalters gewürdigt. Die lebensgroße Skulptur ist die erste Monumentalfigur eines Reitenden nördlich der Alpen. Sie zeigt Einflüsse des Figurenschmucks französischer Kathedralen. Der Reiter steht mit dem Rücken zum sogenannten Fürstenportal, so als sei er gerade erst durch diese prächtige Pforte in den Dom geritten. Gedacht ist wohl an den Tag des Jüngsten Gerichts, wenn - wie am Fürstenportal dargestellt - die Posaunen der Engel erschallen und die Heiligen aus ihren Gräbern erstehen werden. Der Bamberger Reiter wäre dann derjenige, der denen, die den Dom betreten, voranreitet, sie an das Gericht Gottes am Ende ihres Lebens und dieser Weltzeit erinnert.

Kunst hat sicher verschiedene Aufgaben, aber auch und ganz besonders das Schöne, Wahre und Gute darzustellen, zur Geltung zu bringen und dazu zu erziehen. Im Bamberger Reiter sind sie in besonders schöner und würdiger Weise erfüllt. Gerade in unserer Zeit will uns vieles "runterziehen", das Hässliche, Frivole, das Unschamhafte breitet sich aus. Im Bamberger Reiter ist uns ein edler, ritterlicher Mensch geschenkt, der "hochzieht", an dem man sich aufbauen kann.