Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Würzburg

Domecke

Gerhard Richter, Öl, 1987

Gerhard Richter ist auf der Suche nach Wahrheit, nach dem Erfassen von Wirklichkeit, im Bild Domecke ein Werk gelungen, das wie eine zufällige Momentaufnahme daherkommt, in Wirklichkeit aber den Durchbruch zum Sinn gotischer Kathedralarchitektur schafft.

Als ehemaliger Kölner Weihbischof ist mir die dargestellte Situation sehr vertraut. Richter wählt als Motiv eine verschattete Ecke des Kölner Domes, die auf den ersten Blick völlig ungeeignet zu sein scheint, Sinn und Größe der Kathedrale gerecht zu werden. Dem verwitternden Mauerwerk in der linken Bildhälfte entspricht der sich kraftvoll entfaltende Baum rechts. Während der im Licht gleißende Stützpfeiler zwischen den beiden Querhausfenstern das Bildmotiv zu trennen scheint, bindet der mit leichten Lichtreflexen aufgelockerte Rasenrastergrund das Bild wieder zusammen.

Die Irritation zwischen der fotografischen Genauigkeit des scheinbar gewohnten Anblicks und der künstlerischen freien Gestaltung gehört zum kreativen Schaffensprozess von Gerhard Richter.

Das sonst so beeindruckende Steingebirge des Kölner Domes, das sich über den Häusern in filigranes Strebewerk, Fialen und Kreuzblumen auflöst, entbehrt in diesem Werk seine Räumlichkeit und Monumentalität. Dabei führt das respektheischend realistisch gemalte Bild zu einer neuen sinnlich erfassbaren Stofflichkeit. Richter führt durch den wie von einem Blitzstrahl getroffenen Außenpfeiler eine weitere Erfahrungsebene des Lichtes ein, die für das Entstehen gotischer Kathedralarchitektur im Mittelalter bedeutungsvoll war.

Normalerweise erleben wir die Bedeutung des Lichtes im Inneren des Domes, wo Richter das große Fenster im südlichen Querhaus geschaffen hat. Hier nun wird an der Außenseite des Domes, der in seiner Verwitterung zahlreiche Blessuren durch Smog und sauren Regen davongetragen hat, das Aufscheinen eines überwirklich anmutenden Lichtes erlebbar. Die Anwesenheit des Himmels erschließt sich, ohne dargestellt zu werden.

Die Ausgewogenheit der Komposition, der malerischen Stilmittel und des Motivs eröffnet eine neue Möglichkeit, die Eindimensionalität menschlicher Wirklich- keitserfahrung aufzubrechen in ein Mysterium hinein, für das dieser Dom Zeuge und Anwalt ist. Deshalb gehört dieses Bild zu meinen Lieblingsbildern.