Warum ist ABNEHMEN so schwer?

Gesprächstherapie - Es reicht nicht, auf Sahnetorten-Exzesse zu verzichten und die Regeln für gesundes Essen zu kennen. Wer Pfunde verlieren will, muss davon überzeugt sein, dass sich sein Leben dadurch deutlich verbessert.

Ivo hatte sich fest vorgenommen, heute mit dem Abnehmen zu beginnen. Den Cappuccino am Morgen ersetzte er durch ungesüßten Kräutertee . Mittags knabberte er an einem Rohkostteller. Er schaffte es sogar, den ganzen Nachmittag auf seine geliebten Erdnüsse zu verzichten. Aber dann kam der Abend. Stammtischtreff. Eine Stunde lang nippte Ivo brav am Mineralwasser. Bis er es nicht mehr aushielt - und ein Pils bestellte. Als Lina auch noch eine Riesenportion Taco-Chips spendierte, musste er einfach mitfuttern . . . Schon wieder war ein guter Vorsatz gebrochen. Dabei ist die Theorie doch so einfach: Gesünder essen, mehr Sport treiben. Woran liegt es, dass Abnehmen so schwer ist? Dorit Luttert ist Expertin für diese Frage. Sie ist Ernährungstherapeutin in der Abteilung für Naturheilverfahren, Physikalische und Rehabilitative Medizin am Hamburger Klinikum Nord (Ochsenzoll). Und sie weiß: "Gute Ratschläge allein machen nicht dünn." Darum gehört zum Konzept in Ochsenzoll nicht nur Ernährungslehre und Bewegung, sondern auch Gesprächstherapie. Dabei können die Patienten klären, warum es ihnen bisher nie gelungen ist abzunehmen, obwohl sie eigentlich einsehen, dass es sinnvoll wäre - und Möglichkeiten finden, in Zukunft erfolgreicher ihr Gewicht zu reduzieren. Das klingt simpel - ist aber für viele eine hoch emotionale Tortur. Bei manchem Patienten fließen Tränen, wenn er zum ersten Mal über seine Probleme spricht. Pfunde zu verlieren ist schwer. Luttert warnt: "Der Aufwand ist hoch, weil die Therapie Genuss und Gewohnheiten wegnimmt." Ob ein Patient sich zum Abnehmen entschließt, ist für ihn eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Werden die Abstriche, die er machen muss, durch die positiven Effekte des Abnehmens wieder aufgewogen? Nicht jeder ist bereit, ohne den Rotwein am Abend oder das Kaffeekränzchen mit Freunden zu leben. Im Gespräch mit der Ernährungstherapeutin kann jeder herausfinden, auf was er künftig verzichten will, und welche geliebte Gewohnheit er unbedingt beibehalten möchte. In den Gesprächen müssen die Patienten sich zudem klar machen, weshalb sie überhaupt zu viel essen. Und ob sie wirklich ihr Essverhalten ändern wollen. Denn: "Nur wenn sich das Leben durch die Gewichtsabnahme deutlich verbessert, will der Patient abnehmen. Und nur wenn er wirklich will, schafft er es auch", sagt die Ökotrophologin. Ein Trick hilft, um dabei zu bleiben: Jeder Patient überlegt sich, mit welchem Gewicht er sich wohl gefühlt hat. So kann er sich ein Ziel setzen. Ein Foto, das ihn mit seinem Wohlfühlgewicht von einst zeigt, dient als positive Motivationshilfe an der Kühlschranktür. Zusätzlich zur Gesprächstherapie liefert Dorit Luttert das Handwerkszeug zum Abnehmen: Informationen über die richtige Ernährung. Wer Übergewicht hat, isst zu fett, zu süß, zu viele tierische Eiweiße oder trinkt zu viel Alkohol. Die Regeln der gesunden Ernährung gelten für jedermann. Mehr als die Hälfte der täglichen Lebensmittel sollte aus Gemüse, Getreide, Kartoffeln und Obst bestehen. Mit tierischen Eiweißen (enthalten in Fleisch, Wurst, Eiern) und Fett (Butter, Margarine, Öl) sollte man dagegen sparsam sein. "Bei der Beratung erfährt jeder, wo er Fett weglassen kann, oder bei welchem Kalorienverbrauch er abnimmt", erklärt Luttert. Der nächste Schritt ist der schwerste: Wer Übergewicht hat, muss seine Ernährung umstellen - und zwar auf Dauer. Denn eine kurze Diät, die in wenigen Wochen schlank macht, hat langfristig keinen Erfolg. Luttert kennt die Folgen: "So setzt nur der Jo-Jo-Effekt ein. Man nimmt danach wieder zu, und hangelt sich so von Diät zu Diät." Wer also schlank bleiben will, muss sich darauf einstellen, in Zukunft täglich fünf kleinere Mahlzeiten zu sich zu nehmen und auf Sahnetorten-Exzesse zu verzichten. Wer täglich in einer Kantine isst und sich dennoch vernünftig ernähren will, der muss sich von zu Hause genug gesunde Snacks mitbringen. Und Anfälle von Heißhunger vermeiden, lautet die Devise. Das funktioniert nur mit sorgfältiger Planung.

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Nicht jeder ist bereit, ohne den Rotwein am Abend und das Kaffee-Kränzchen mit Freunden zu leben.

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Bei der Therapie erfahren die Patienten auch, wie wichtig es ist, Fett zu verbrennen. "Bewegen ist wichtig!" mahnt Luttert. Darum gehören Gymnastik, Bewegungsbäder und Training am Ergometer zum Programm. Geeignet sind Sportarten wie Walking, Schwimmen oder Radfahren. Hochleistungen sind nicht gefragt - auf die Regelmäßigkeit kommt es an! Viele Menschen essen, wenn sie unter Druck stehen. Ihnen empfiehlt Dorit Luttert einen Kurs, in dem sie lernen, mit Stress umzugehen. Techniken wie Tiefenentspannung unterstützen beim Abnehmen, weil sie dabei helfen, den eigenen Körper intensiver wahrzunehmen. Wer sich selbst spürt, kann leichter Abnehmen Pfunde zu lassen, lohnt sich auch für Menschen, die nur leichtes Übergewicht haben - ihre Kniegelenke werden es ihnen danken. Denn wer seinen Körper ständig schwer an sich selbst tragen lässt, nutzt ihn schneller ab. Luttert: "Jedes Kilo zu viel erhöht die Wahrscheinlichkeit für spätere Knie- oder Hüftprobleme. Und die Chance, ein Rückenleiden auszuheilen, ist für Normalgewichtige bedeutend höher. Ohne Bauch ist die Statik des Körpers einfach besser!" Wer abnehmen will, muss nicht auf alles verzichten, was schmeckt. Dorit Luttert: "Es gibt kein verbotenes Nahrungsmittel. Sondern nur eine verkehrte Menge und Häufigkeit