Mauerfall

„Die Mauer muss weg" – Chronik des Jahres 1989

Die letzten Fluchtversuche, die letzten Schüsse und der kuriose Weg zur Grenzöffnung. Und zur Einheit im Jahr darauf.

Berlin/Hamburg. Das Jubiläum wird in ganz Deutschland gefeiert. Doch wer weiß noch genau, in welcher Reihenfolge in diesem verrückten Jahr 1989 was passierte und wer die entscheidenden Personen waren? Auf abendblatt.de ist die Chronik mit vielen Details dokumentiert.

1. Januar 1989: Eine neue DDR-Reiseverordnung erweitert die Reisemöglichkeiten in den Westen. Oppositionelle und Kirchen kritisieren sie als unzureichend und zu bürokratisch.

5. Februar: Zwei junge Männer, Chris Gueffroy und Christian Gaudian versuchen aus Ostberlin zu fliehen und werden von Grenzern beschossen. Gueffroy stirbt, Gaudian wird verletzt. Die Todesschüsse – die letzten an der Berliner Mauer – führen zu internationalen Protesten.

8. März: Bei einem Fluchtversuch mit einem selbst gebastelten Heißluftballon nach Westberlin stürzt ein 32-Jähriger ab und stirbt.

13. März: Hunderte Ausreisewillige demonstrieren während der Leipziger Frühjahrsmesse im Anschluss an ein Friedensgebet in der Nikolaikirche mit Rufen: „Wir wollen raus! Wir wollen raus!“

1. April: Eine neue DDR-Reiseverordnung wird wiederum als ungenügend kritisiert.

8. April: Der letzte bekannte Schusswaffengebrauch an der Mauer beendet am Grenzübergang Chausseestraße den Fluchtversuch zweier Jugendlicher.

28. April: Auf einer „zentralen Dienstbesprechung“ gibt Stasi-Minister Erich Mielke die Aufhebung des Schießbefehls bekannt.

2. Mai: Ungarn kündigt den Abbau des Eisernen Vorhangs zu Österreich an. Im Juni schneiden die Außenminister beider Länder ein Loch in den Stacheldraht. Im August nutzen Hunderte DDR-Bürger ein „paneuropäisches Picknick“ zur Flucht, nach der offiziellen Grenzöffnung im September folgen Tausende.

7. Mai: Kommunalwahlen in der DDR. Nach offizieller Darstellung erhalten die Kandidaten der Einheitslisten 98,8 Prozent der Stimmen. Bürgerrechtler decken jedoch Fälschungen auf. Von nun an wird in mehreren Städten am 7. jedes Monats öffentlich gegen die Wahlfälschung demonstriert.

19. Mai: DDR-Bürger fechten die Kommunalwahl an.

26. Mai: Mit einem Motordrachen holen zwei Männer ihren Bruder aus Ostberlin und landen vor dem Reichstagsgebäude im Westen.

3./4. Juni: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wird die Demokratiebewegung in China blutig niedergeschlagen. Dass die DDR-Führung das Vorgehen gegen die „Konterrevolution“ gutheißt, weckt bis zum Schluss Befürchtungen, dass auch in der DDR eine „chinesische Lösung“ drohen könnte.

12. bis 15. Juni: Gorbatschow wird bei einem Besuch in der Bundesrepublik bejubelt. Er sagt: „Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben.“

28. Juni: Honecker besucht die Sowjetunion und wird von Gorbatschow zu Reformen gedrängt.

7. Juli: Auf dem Warschauer-Pakt-Gipfel in Bukarest gibt die Sowjetunion offiziell die sogenannte Breschnew-Doktrin der eingeschränkten Souveränität der Ostblockstaaten auf. Honecker erleidet während des Treffens eine Gallenkolik und reist vorzeitig ab.

23. Juli: Staatssekretär Walter Priesnitz vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen appelliert an die DDR-Bürger, in ihrer Heimat zu bleiben, „damit die Wiedervereinigung der Deutschen nicht in der Bundesrepublik“ stattfinde.

8. August: Die von DDR-Bürgern besetzte Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin schließt vorübergehend. Am 14. und 22. August machen auch die Botschaften in Budapest und Prag dicht.

22. August: Ein DDR-Bürger wird bei einem Fluchtversuch nach Österreich von einem ungarischen Grenzposten erschossen.

4. September: Bei der Montagsdemonstration nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche mit rund 1.200 Menschen skandieren Ausreisewillige: „Wir wollen raus!“

18. September: Bei der Leipziger Demonstration lauten die Sprechchöre jetzt trotzig: „Wir bleiben hier!“

24. September: In der bundesdeutschen Botschaft in Prag sammeln sich DDR-Flüchtlinge.

29. September: Das Politbüro beschließt auf sowjetischen Druck hin die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge über DDR-Territorium.

30. September: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters verkünden in Prag die Ausreiseerlaubnis für die rund 5500 Botschaftsbesetzer. In Sonderzügen werden sie in den nächsten Tagen über DDR-Gebiet in die Bundesrepublik gebracht.

2. Oktober: Montagsdemonstration in Leipzig mit 20 000 Teilnehmern, es gibt Verletzte und Festnahmen. Die Losungen lauten unter anderem: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Wir bleiben hier“ und „Gorbi, Gorbi“. Erstmals wird nach Erinnerung eines Teilnehmers auch – an die Volkspolizei gerichtet – die Parole „Wir sind das Volk“ gerufen.

4. Oktober: Noch einmal dürfen 7000 DDR-Bürger, die erneut die Prager Botschaft besetzt haben, ausreisen. Am Dresdener Hauptbahnhof kommt es zu einer Straßenschlacht zwischen Ordnungskräften und etwa 10 000 Demonstranten, die auf die Züge aufspringen wollen.

6./7. Oktober: Staatsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR. Gorbatschow wird mit „Gorbi, hilf uns!“-Rufen begrüßt. Seine – von seinem Sprecher Gennadi Gerassimow in dieser Formulierung wiedergegebene – Mahnung „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ wird zum geflügelten Wort. Bei Demonstrationen kommt es zu schweren Übergriffen der Polizei und Massenfestnahmen.

9. Oktober: „Tag der Entscheidung“ in Leipzig: 70 000 Menschen demonstrieren friedlich für Reformen. Die Staatsmacht greift nicht ein. Auch in anderen Städten gehen Tausende auf die Straße.

16. Oktober: Mehr als 100 000 Menschen demonstrieren in Leipzig; erstmals berichten DDR-Medien darüber. Die Demonstrationen weiten sich in den folgenden Tagen überall in der DDR aus.

18. Oktober: Honecker gibt vor dem SED-Zentralkomitee seinen Rücktritt bekannt. Nachfolger wird Egon Krenz.

24. Oktober: Das Politbüro beschließt, dass „kurzfristig“ ein Gesetzentwurf zu „Reisen von Bürgern der DDR in das Ausland“ vorgelegt werden soll.

3. November: Das Politbüro stimmt der direkten Ausreise von 6000 Botschaftsflüchtlingen in Prag in die Bundesrepublik zu.

4. November: Bei der größten Massendemonstration der DDR-Geschichte auf dem Berliner Alexanderplatz fordern Hunderttausende Reformen.

6. November: Die SED-Führung veröffentlicht den angekündigten Reisegesetz-Entwurf, der nur noch Empörung hervorruft. Auf der Leipziger Montagsdemonstration heißt es: „Wir brauchen keine Gesetze, die Mauer muss weg.“

7. November: Der DDR-Ministerrat tritt zurück.

8. November: Auch das SED-Politbüro tritt zurück.

9. November: Auf einer Pressekonferenz gibt Politbüromitglied Günter Schabowski die neue Reiseregelung bekannt, wonach die Ausreise ins westliche Ausland ohne besondere Gründe möglich ist. Auf Nachfrage, ab wann dies gelten solle, antwortet er: „Ab sofort, unverzüglich.“ Um 19.05 Uhr berichtet AP in einer Eilmeldung: „DDR öffnet Grenze.“

Die Nachricht verbreitet sich über die Medien wie ein Lauffeuer, ein Ansturm auf die Grenzübergänge setzt ein. Vergeblich versucht die Staatsmacht zu erklären, dass vor der Ausreise noch förmlich ein Antrag gestellt werden muss. Schließlich kapitulieren die Grenzer und öffnen die Tore. Ungehindert strömen die Menschen in Scharen nach Westen und feiern auf den Straßen.

10. November: Kohl bricht einen Besuch in Polen ab und kommt zu einer Kundgebung nach Berlin. Die Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Westberlin wird geöffnet. Am Brandenburger Tor beginnen erste „Mauerspechte“ zu hämmern.

11. November: Weitere Übergänge in Berlin werden geöffnet, über eine Million Menschen strömen westwärts. Der Verkehr bricht zusammen. Lange Schlangen bilden sich vor den Banken, die 100 D-Mark Begrüßungsgeld auszahlen. Über die innerdeutsche Grenze rollen kilometerlange Trabi-Konvois, die Züge sind überfüllt.

12. November: Am Potsdamer Platz wird ein weiterer Übergang geöffnet. Eine Million DDR-Bürger besucht an diesem Sonntag Westberlin.

13. November: In der DDR-Volkskammer kündigen die Blockparteien der SED die Gefolgschaft auf und fordern freie Wahlen.

16. November: In Bonn debattiert der Bundestag über die Situation in der DDR und eine mögliche Wiedervereinigung. Kohl erklärt, die „Landsleute in der DDR“ müssten selbst entscheiden, welchen Weg sie in Zukunft gehen wollten.

17./18. November: Die Volkskammer wählt eine „demokratische Koalitionsregierung“ aus SED und Blockparteien unter Ministerpräsident Hans Modrow.

20. November: Wieder Montagsdemonstrationen in zahlreichen Städten. In Leipzig heißt eine Parole jetzt „Deutschland – einig Vaterland“.

22. November: Das SED-Politbüro erklärt sich zu einem „Runden Tisch“ nach polnischem Vorbild mit Blockparteien und Bürgerbewegung bereit.

28. November: Kohl legt im Bundestag einen Zehn-Punkte-Plan zur schrittweisen Überwindung der deutschen Teilung vor. Da geht er noch davon aus, dass ein Einigungsprozess fünf bis zehn Jahre dauern wird.

1. Dezember: Der Führungsanspruch der SED wird aus der DDR-Verfassung gestrichen.

2. Dezember: Die Deutschlandfrage steht im Mittelpunkt eines Gipfeltreffens von Bush und Gorbatschow auf Malta.

3. Dezember: SED-Zentralkomitee und Politbüro unter Krenz treten zurück.

6. Dezember: Krenz tritt auch als Staatsratsvorsitzender zurück.

7. Dezember: In Ostberlin konstituiert sich der zentrale Runde Tisch und spricht sich für Neuwahlen und eine neue Verfassung aus.

8. Dezember: Der DDR-Generalstaatsanwalt leitet gegen Honecker, Mielke und andere Verfahren wegen Amtsmissbrauchs ein.

8./9. Dezember: Gregor Gysi wird neuer SED-Vorsitzender.

11. Dezember: Bei Montagsdemonstrationen wird der Ruf nach Einheit lauter.

14. Dezember: Die Modrow-Regierung beschließt die Auflösung der in „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) umbenannten Stasi.

16. Dezember: Die SED benennt sich in SED-PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) um.

19. Dezember: Kohl trifft sich in Dresden mit Modrow und hält, von der Bevölkerung begeistert empfangen, eine Rede vor der Frauenkirche. Die Beifallskundgebungen werden als Signal für die unabwendbare Wiedervereinigung gewertet.

21. Dezember: Der Schießbefehl wird offiziell aufgehoben.

22. Dezember: Modrow und Kohl eröffnen am Brandenburger Tor einen neuen Grenzübergang.

24. Dezember: Vorgezogener Beginn des visafreien Verkehrs für Bundesbürger und Westberliner in die DDR und nach Ostberlin.

31. Dezember: Erste deutsch-deutsche Silvesterparty am Brandenburger Tor. (HA/AP)