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Mit der DDR ist kein Staat mehr zu machen

Foto: dpa / dpa/DPA

Helmut Kohl wird am 19. Januar 1989 in Dresden von einer begeisterten Menge umjubelt.

Hamburg. Am Morgen dieses nebligen 19. Dezembers 1989 landet eine bundesdeutsche Regierungsmaschine auf dem Flughafen Dresden-Klotzsche. Tausende Dresdner warten hier in der Kälte auf Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Sie haben schwarz-rot-goldene Fahnen bei sich, auf denen das Staatswappen der DDR fehlt. DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, der Kohl auf dem Rollfeld begrüßt, registriert ärgerlich, dass ihn kaum jemand beachtet. Modrow will nach dem Rücktritt von Egon Krenz vor mehr als vier Wochen eine neue Ära in der DDR einleiten, er sähe sich gern als Hoffnungsträger. Aber ganz offensichtlich setzen die DDR-Bürger ihre Hoffnung nicht auf ihn, sondern auf Kohl.

Schon auf dem Weg zur bereitstehenden Wagenkolonne begreift Helmut Kohl, dass er eigentlich mit Modrow nicht mehr viel besprechen muss. Dessen Regime ist am Ende und auch das 10-Punkte-Programm, das er selbst erst vor wenigen Wochen verkündet hat, ist eigentlich schon wieder überholt. Kohl dreht sich zu seinem Kanzleramtsminister Rudolf Seiters um und raunt ihm zu: "Die Sache ist gelaufen." Man nimmt im Wagen Platz, tauscht ein paar Höflichkeiten aus, aber das Gespräch kommt auf der Fahrt über die holprigen Straßen in die Dresdner Innenstadt nicht recht in Gang. Fasziniert betrachtet der Kanzler Zehntausende DDR-Bürger, die am Straßenrand stehen, freundlich winken und ihn auf Plakaten nicht nur begrüßen, sondern ihm regelrecht huldigen. Auch vor dem noblen Interhotel Bellevue am Neustädter Elbufer, wo die Verhandlungen stattfinden, steht eine riesige Menschenmenge, die Kohl zujubelt.

In seinen Erinnerungen schildert der Kanzler, der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer habe ihm vorgeschlagen, vor der Ruine der Frauenkirche zu sprechen. Sollte Kohl also, während er mit Modrow sprach, in Gedanken die Rede konzipiert haben, die er wenige Stunden später vor der Frauenkirche halten würde?

Wohl kaum. In Wahrheit war Kohls berühmte Dresdner Rede zu diesem Zeitpunkt längst fertig. Nach Modrows Erinnerung war Kohls Auftritt bereits am 5. Dezember vereinbart worden, Anlass sollte eine Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer der Zerstörung Dresdens beim alliierten Bombenangriff vom 13. Februar 1945 sein. Schon am 17. Dezember informierten nicht nur Dresdner, sondern auch überregionale Zeitungen über den geplanten Auftritt des Kanzlers, der mehr als 1500 Journalisten aus aller Welt in die sächsische Metropole gelockt hatte.

Es ist schon dunkel, als Kohl über die Augustusbrücke über die Elbe fährt, hinüber zum Neumarkt, wo bereits eine kaum mehr zu überblickende Menschenmenge auf ihn wartet. Tausende schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen, dazwischen sind auch einige weiß-grüne Fahnen zu erkennen, Ausdruck eines wiedererwachten sächsischen Selbstbewusstseins.

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, meine lieben jungen Freunde, liebe Landsleute! Zunächst darf ich mich bei Ihnen allen sehr herzlich bedanken für dieses freundliche und freundschaftliche Willkommen", sagt Kohl, der in seiner gesamten Politikerkarriere keinen solchen Jubel erlebt hat. Mit großem rhetorischen Geschick gelingt es ihm, den Erwartungen der Menschen auf eine baldige gesamtdeutsche Perspektive gerecht zu werden, zugleich aber zur Geduld aufzurufen. Mit seinem schlichten Pathos trifft er den Nerv der Ostdeutschen, von denen sich die allermeisten nach einer schnellen Wiedervereinigung sehnen. "Ich grüße hier von Dresden aus alle unsere Landsleute in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland. Ich wünsche Ihnen und uns allen ein friedvolles Weihnachtsfest, ein glückliches Jahr 1990. Gott segne unser deutsches Vaterland!", sagt Kohl am Ende seiner Rede, die von Fernsehsendern in aller Welt übertragen wird.

Als er am späten Abend mit seiner Luftwaffenmaschine in Dresden-Klotzsche abhebt, ist ihm klar, dass die Wiedervereinigung viel schneller erreicht sein wird, als selbst Optimisten angenommen haben. Und angesichts von so viel Kohl-Begeisterung beginnt Hans Modrow zu begreifen, dass er schon verloren hat, dass mit den Ostdeutschen kein DDR-Staat mehr zu machen sein wird.