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Sturm auf die Stasi-Zentrale beendet das Spitzelsystem

Hamburg. Schon am 17. November 1989 hatte die DDR das Ministerium für Staatsicherheit offiziell in Amt für Nationale Sicherheit umbenannt, aber für die DDR-Bürger war es noch immer "die Stasi", die am meisten verhasste Institution der ostdeutschen Diktatur. Dabei war schon im Revolutionsherbst aus dem Blick geraten, dass sich die Stasi selbst als "Schild und Schwert der Partei" verstand, dass der Geheimdienst also nicht im eigenen Interesse handelte, sondern sein einziges Ziel darin bestand, die Macht der SED abzusichern. Geschickt hatten die einstigen Auftraggeber die Wut des Volkes auf die Stasi gelenkt, um selbst aus der Schusslinie zu geraten und sich für die neuen Zeiten häuten zu können.

Und die Geheimdienstler bemühten sich schon seit Mitte Oktober 1989, ihre Spuren zu verwischen. Als sich Anfang Dezember herumsprach, dass Stasi-Mitarbeiter in allen Bezirks- und Kreisverwaltungen tonnenweise belastende Akten in die Reißwölfe warfen, wuchs die Empörung in der Öffentlichkeit. Am 4. Dezember besetzten in Erfurt und Leipzig und später auch in zahlreichen anderen Städten Bürgerkomitees die Stasi-Zentralen und beschlagnahmten die Akten.

Aber in der Stasi-Zentrale in der Ost-Berliner Normannenstraße konnten Anfang Januar 1990 noch Tausende Geheimdienstler ungestört schalten und walten. In der Öffentlichkeit und bei den Verhandlungen am "Zentralen Runden Tisch" behaupteten Ministerpräsident Hans Modrow und andere SED-PDS-Funktionäre, ein "Verfassungsschutz" sei dringend notwendig, weil nur ein solcher Geheimdienst die angebliche Gefahr des Neofaschismus abwehren könnte. Aber in der Bevölkerung erregten diese durchsichtigen Rettungsversuche immer größere Empörung. Am 8. Januar 1990 rief das Neue Forum zu einer Demonstration auf, die eine Woche später direkt vor der Stasi-Zentrale an der Berliner Normannenstraße stattfinden sollte. Am Nachmittag standen etwa 100 000 wütende Menschen vor Erich Mielkes einstiger Zwingburg und schrien in Sprechchören "Tor auf!". Als die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley um Ruhe bat, wurde sie ausgepfiffen. Wenig später geschah etwas Merkwürdiges: Von innen öffneten sich mehrere Tore und wenige Minuten später drangen Zehntausende auf das weitläufige Areal vor. Sie stürmten mehrere Gebäude, Fensterscheiben zersplitterten, Türen wurden aufgebrochen, aber statt belastender Akten fanden die Demonstran-ten nur Belangloses. Offenbar hatten die Stais-Mitarbeiter die Menge gezielt in den Versorgungstrakt des riesigen Gebäudekomplexes geleitet, um in den wirklich sensiblen Bereichen weiterhin ungestört Spuren verwischen zu können.

Schon bald kamen Gerüchte auf, dass unter den Demonstranten Stasi-Mitarbeiter als Provokateure aktiv gewesen waren, um die Menge in die gewünschte Richtung zu lenken. Auch hätten sich Mitarbeiter ausländischer Geheimdienste beteiligt. Beides lässt sich nicht beweisen, aber unwahrscheinlich ist es nicht.