Vatikanstadt

Kirchenvolk fragt sich: Wer wird der neue Papst?

Etliche Fragen: Wer folgt Benedikt auf den Heiligen Stuhl? Wie krank ist er? Wird er nach Deutschland zurückkehren? Steht ihm Rente zu?

Hamburg. Er macht weiter. Er bleibt Papst, sagt nichts ab. Nur noch ein paar Tage, aber in dieser verbleibenden Zeit in seinem Amt werde Benedikt XVI. seine Termine wahrnehmen. Das Kirchenoberhaupt will noch einmal Stärke demonstrieren - am Tag, nachdem er seine körperliche und geistige Schwäche für die Öffentlichkeit eingestehen musste. Alltagstermine stehen auf dem Programm - an Tagen, an denen die Welt der Katholiken durcheinandergewirbelt wurde durch den überraschenden Rücktritt des Papstes.

Bischöfe und ausländische Gäste empfängt Benedikt weiterhin im Vatikan. Bald schon feiert die Kirche das traditionelle Fest zum Aschermittwoch. Es soll der letzte große Auftritt des Papstes in der Öffentlichkeit sein. Das teilte Vatikansprecher Federico Lombardi mit. Es ist ein Signal der Normalität in turbulenten Stunden, in denen längst spekuliert wird: über den Gesundheitszustand des Papstes und vor allem über dessen Nachfolge als Kirchenoberhaupt der 1,2 Milliarden Katholiken in aller Welt.

Wer darf für die Nachfolge kandidieren?

Die Katholiken haben keinen Vize-Papst. Es gibt nun keinen offiziellen Stellvertreter, der als Nachfolger von Benedikt XVI. das Amt als Kirchenoberhaupt übernimmt. Theoretisch kann jeder männliche und unverheiratete Katholik zum Papst gewählt werden. De facto dürfte der Nachfolger von Benedikt XVI. jedoch aus dem Kreis jener Kardinäle kommen, die ab dem 15. März zum Konklave zusammentreten: voraussichtlich 117 Purpurträger, die das 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Doch spekuliert wird über eine Liste mit einem knappen Dutzend aussichtsreicher Kandidaten - der sogenannten "Papabiles".

Wer hat die besten Chancen auf das Amt?

Ganz oben stehen zwei Afrikaner, denn der Einfluss afrikanischer Diözesen ist groß, die Gemeinde der Katholiken wächst auf dem Kontinent, anders als in Europa. Kardinal Francis Arinze ist im Vatikan hoch geachtet. Schon Johannes Paul II. diente der Nigerianer als Berater, laut Kirchenexperten wegen seiner Welterfahrenheit und Glaubenstiefe. Allerdings ist Arinze bereits 80 Jahre alt. Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson, 64, aus Ghana gilt als volksnah und mediengewandt. Als Leiter des vatikanischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit ist er seit 2009 so etwas wie das soziale Gewissen der Kirche. Er sprich sechs Sprachen, auch Deutsch. Oder ist doch Zeit für einen Lateinamerikaner als Papst? Dagegen reklamieren italienische Kommentatoren, nach einem Polen und einem Deutschen sollte der nächste Papst wieder aus ihrem Land kommen. Häufig genannt: der 71-jährige Mailänder Erzbischof Angelo Scola.

Wie krank ist Benedikt XVI.?

Er zog sich zurück, weil er keine Kraft mehr habe. Weil er mit seinen 85 Jahren zu müde sei für dieses kräftezehrende Amt. Eine akute Krankheit aber habe der Papst nicht, hieß es aus dem Vatikan. Aber wie angeschlagen ist Benedikt XVI.? Er hat sich vor mehreren Monaten die Batterien seines Herzschrittmachers ersetzen lassen. Dies sei ein absolut normaler Routine-Eingriff gewesen, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi. Den Herzschrittmacher habe Joseph Ratzinger bereits seit langer Zeit gehabt. Sein krankes Herz habe nicht den Ausschlag für den Rückzug gegeben. Schon lange gab es Gerüchte über den Gesundheitszustand des Papstes. 1991 soll er einen Schlaganfall erlitten haben. 2009 brach er sich den Arm, 2011 erschien er erstmals auf einem rollenden Podest zur Messe. Oft dementierte der Vatikan die Vorfälle, wiegelte ab. Zum Schlaganfall hieß es, Ratzinger sei bloß gestürzt, habe sich am Kopf verletzt und nehme Medikamente.

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Bekommt der Papst eine Rente?

Nein. Denn jeder Papst arbeitet "für Gottes Lohn". So sieht es die Kurie vor. Ein monatliches Papst-Gehalt gibt es ebenfalls nicht. Was Benedikt nach seinem Rücktritt zum Leben braucht, wird ihm gestellt. Als absoluter Herrscher gehört dem Papst im Vatikan ohnehin alles. Selbst wenn es eine Rente gäbe, bräuchte Ratzinger diese nicht zum Leben, sagte Kirchenhistoriker Ralf Lützelschwab zu "Spiegel Online". Die Tantiemen seiner Bücher würden ohnehin genug Geld einbringen. Seinen päpstlichen Namen darf Joseph Ratzinger übrigens im Ruhestand behalten.

Wie lebt Benedikt XVI. im Kloster?

Noch sind die Handwerker bei der Arbeit im Klausurkloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten. Es soll Ratzingers Ruheresidenz werden. Das Kloster liegt auf einem Hügel an einer mittelalterlichen Befestigungsanlage, die im 9. Jahrhundert errichtet wurde, um den Petersdom vor Angriffen der Sarazenen zu schützen. Dort lebt Benedikt nun gemeinsam mit den Bewohnern des Klosters: sieben Frauen. Auf der zweiten und dritten Etage sind nach Angaben der italienischen "Vanity Fair" die zwölf Zimmer der Nonnen, im Erdgeschoss Gemeinschaftsräume wie der Speisesaal, die Küche und ein Büro. Auch Benedikts jahrelanger enger Vertrauter und Privatsekretär Georg Gänswein könnte sich mit seinem Chef ins Kloster zurückziehen. Oder wird er nun als Erzbischof in der Kurie entscheidende Positionen einnehmen? Schon seit Langem trauen ihm viele eine größere Karriere im Vatikan zu.

Was sind die Erwartungen an den Neuen?

Kondome zu verteilen, dies würde die Aids-Problematik nicht lösen, auch vergewaltigten Frauen verbot er die "Pille danach", er habe keine "ökumenischen Gastgeschenke" - all das sind Äußerungen Benedikts. Bei seinen Kritikern wächst nun die Hoffnung auf eine Modernisierung der Kirche. Laut Initiative "Kirche von unten" habe es Benedikt an Willen gefehlt, die Kirche zu leiten. Die katholische Laienbewegung "Wir sind Kirche" beklagte, dass der Papst anders als seine Vorgänger bei den globalen Themen Umwelt und soziale Gerechtigkeit kaum "als moralische Stimme wahrgenommen" worden sei. Die deutschen Bischöfe plädieren dagegen für einen Nachfolger, der sich an Benedikt XVI. und Johannes Paul II. orientiert. Für den Münsteraner katholischen Theologen Karl Gabriel ist ein Kurswechsel sehr unwahrscheinlich. Der Vatikan werde auch in Zukunft viel Wert auf Kontinuität legen. Der Tübinger Theologe Hans Küng sagte im SWR, die Italiener seien durch Benedikt XVI. "wieder zu einer großen Macht im Kardinalskollegium gemacht worden". Das spreche für Kontinuität.

Kommt Benedikt nach Deutschland? Zwischen 1970 und 1977 lebte Joseph Ratzinger in Pentling, einem Vorort von Regensburg, und lehrte an der Universität Theologie. Doch dass Benedikt noch einmal seine Heimat oder Deutschland überhaupt besuchen wird, gilt als unwahrscheinlich. Sein Bruder Georg Ratzinger sagte: "Eine Dienstreise kommt sowieso nicht mehr infrage, und auch einen privaten Besuch halte ich für höchst unwahrscheinlich." Der Papst-Bruder verwies darauf, dass in der neuen Wohnung im Vatikan auch ein Gästezimmer für ihn eingerichtet werde.