Afghanistan

Hilfsorganisationen haben Angst vor Entführungen

Die Deutsche Welthungerhilfe fürchtet sogar, dass wie zuletzt Mitarbeiter entführt oder das Ziel von Angriffen werden könnten.

Hamburg. Für die Hilfsorganisationen in Afghanistan hat sich die Lage mit dem Luftangriff auf die beiden Tanklastwagen in Kundus weiter verschärft. Die Deutsche Welthungerhilfe fürchtet sogar, dass wie zuletzt Mitarbeiter von ausländischen Nichtregierungsorganisationen entführt oder das Ziel von Angriffen werden könnten. "Es gibt Warnungen vor Entführungen. Deshalb versuchen wir, so gut es geht, mit unserer Arbeit nicht besonders aufzufallen. Schon zur Präsidentschaftswahl haben wir die auffälligsten Aktivitäten etwas zurückgefahren", sagte Rudolf Strasser, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Afghanistan, dem Abendblatt.

Der Schweizer Strasser, der von Kabul aus die Arbeit der seit 2003 im Land tätigen Welthungerhilfe leitet, sagte weiter: "Was bei der afghanischen Bevölkerung ankommt, ist dies: Die Isaf hat unsere Landsleute getötet - ganz gleich, welcher Nationalität die eingesetzten Soldaten waren." Mit jeder militärischen Luft-Boden-Aktion verschlechtere sich das Klima zwischen der Zivilbevölkerung und den ausländischen Truppen sowie zivilen Aufbauhelfern. "Die Arbeit der deutschen Truppen und der Hilfsorganisationen wird in einen Topf geworfen", so Strasser. Dabei würden viele Informationen innerhalb der afghanischen Bevölkerung über Mund-zu-Mund-Propaganda weitergegeben. Das führe zur Verquickung von militärischen Aktionen und reiner Aufbauhilfe.

Das hat auch der Hamburger Herzchirurg Prof. Friedrich-Christian Rieß (Albertinen-Krankenhaus) festgestellt. "Die Stimmung ist umgeschlagen. Viele Afghanen glauben nicht mehr, dass die ausländischen Helfer nur in humanitärer Absicht gekommen sind. Ihnen wird unterstellt, sie seien verstrickt in die Angriffe der ausländischen Streitkräfte auf die Taliban", sagte Rieß dem Abendblatt.

Der Arzt war erst vor Kurzem in Kabul, um Kinder zurückzubringen, die in Hamburg mithilfe von Geldspenden am Herzen operiert wurden und nun sogar zur Schule gehen. Die Afghanen würden zunehmend auch nicht mehr zwischen amerikanischen und deutschen Soldaten unterscheiden: "Die deutschen Tornados liefern den Amerikanern die Informationen für die Angriffe gegen die Taliban, bei denen auch Zivilisten umkommen."

Rieß hat nach den Angriffen auf deutsche Soldaten sogar Verständnis für die "Dünnhäutigkeit" der Bundeswehr-Befehlshaber im Norden des Landes. "Viele deutsche Soldaten sind traumatisiert. Auf beiden Seiten, bei der Bundeswehr und der afghanischen Bevölkerung, hat sich die Situation verschlimmert." Dabei leidet die Bevölkerung unter fürchterlichsten medizinischen Verhältnissen. "Was ich gesehen habe, ist desolat", sagte Rieß. "Die Krankenhäuser sind Sterbehäuser. Deshalb müssen wir helfen und dringend dort mehr Leute ausbilden." Über die militärische Situation macht er sich keine Illusion: "Natürlich sind wir in Afghanistan im Krieg."