Transparenz
Social Media: Geteiltes Wissen nützt der Firma
Warum es Unternehmen hilft, Blogs und Mitarbeiter-Profile einzurichten, und wie die Personalabteilung an diesem Kulturwandel mitarbeiten muss.
"Dieses Jahr hat den Durchbruch gebracht", sagt Matthias Witt vom
Pharmaunternehmen AstraZeneca in Wedel. Auf seiner Visitenkarte steht
"Head of Digital". Er betreut die digitalen Projekte des Unternehmens,
also alles, was im Internet und in den sozialen Medien stattfindet. Auch
intern setzt AstraZeneca auf innovative Instrumente, die außer der
Kommunikation der Mitarbeiter auch die Organisation der Zusammenarbeit
oder das Wissensmanagement von Grund auf verändern.
Schon vor vier Jahren hatten einige Mitarbeiter in einem Pilotprojekt
begonnen, Yammer, eine Facebook-ähnliche Lösung für den internen
Unternehmenseinsatz, zu nutzen. Im Laufe der Zeit wurde das Tool in
immer mehr internationalen Projekten des Unternehmens zum bevorzugten
Medium der Zusammenarbeit. Seit 2012 sind es zwei Drittel der
Mitarbeiter, die öfter einmal auf E-Mail verzichten und stattdessen auf
die Portalsoftware setzen.
"Bei E-Mails kann ich einen riesigen Verteiler aufbauen und Mails hin
und her pushen", sagt Matthias Witt. "Das ist bei Yammer anders. Da kann
ich zum Beispiel Gruppen anlegen, sehe das Profil der Teilnehmer oder
habe auch schnell eine Abstimmung organisiert." Dieser Nutzen hat wohl
die meisten Mitarbeiter überzeugt. "Ein Tool muss so viele Benefits
bringen, dass die Leute es nutzen wollen, sonst ist es das falsche
Tool", sagt Digital-Experte Witt.
Einschlägige Software gibt es inzwischen ausreichend, wie Svenja
Teichmann von der Beratungsfirma Crowdmedia bestätigt: "Die
Verfügbarkeit von Technologie ist heute kein großes Thema mehr. Es gibt
Cloud-Lösungen, mit denen kann man direkt nach der Anmeldung produktiv
loslegen." (Cloud = Rechnerwolke; IT-Lösungen, die nicht mehr im eigenen
Haus, sondern auf externen, gemieteten Speichern angesiedelt sind) So
kommt der Einsatz von Social Software nun auch im Mittelstand an.
Grundsätzlich lassen sich die Unternehmenslösungen in Cloud-basierende
und hausinterne ("on-premisis") Software unterteilen. Zur ersten Gattung
gehört Yammer-Portal von Microsoft. Alternativen sind etwa Live Ray
oder Just Software aus Hamburg.
Zu den heute üblichen Funktionalitäten der Software gehören der Activity
Stream (eine Art Nachrichtenticker), persönliche Profile, Wikis, Blogs
oder auch das Dokumentenmanagement. Das kann man sich wie einen
Baukasten vorstellen, aus dem man sich je nach Bedarf bedient: So kann
es zum Beispiel sinnvoll sein, dass Mitarbeiter ihr Fachwissen selbst
organisiert in einem Firmen-Wiki dokumentieren. Wissen zu teilen, ist
schließlich eines der großen Prinzipien von Social Media. Oder im
Idealfall entsteht in einem unternehmensinternen Blog ein Dialog über
die Hierarchiegrenzen hinweg.
Die Einstiegshürden für Unternehmen sind relativ gering, sagt Martin
Heers, Experte für Enterprise-2.0-Themen ("Enterprise 2.0" =
Unternehmensführung, die auf Selbststeuerung der Mitarbeiter setzt und
soziale Medien zur Koordination nutzt). "In einigen Fällen gibt es die
Basisfunktionalität gratis. Bei fünf Euro pro Mitarbeiter und Monat
beginnen die professionellen Lösungen." Das ist aber der geringste Teil
der Kosten. Denn für die meisten Unternehmen bedeutet die Einführung von
Social Software einen mehr oder weniger radikalen Wandel in der
Firmenkultur. So verliert zum Beispiel Machtwissen dramatisch an
Bedeutung. In Diskussionen hat der mit dem meisten Wissen den Hut auf.
Fehler werden so schneller sichtbar und können offen diskutiert werden.
Für ein Start-up sind dieses Prinzipien selbstverständlich. Doch in
einem alteingesessen Traditionsbetrieb sieht das anders aus. "Dort ist
es für einen Mitarbeiter eben nicht selbstverständlich, dass er sein
Dokument mit allen anderen teilt", sagt Martin Heers. Bei der Einführung
von sozialer Software wünscht sich der Berater ein größeres Engagement
der Personaler. "In der Praxis ist es leider so, dass sie sich bei
diesem Thema sehr zurückhalten. Dabei ist Personal- und
Führungskräfte-Entwicklung doch ihr Thema."
Besonders das Mittelmanagement braucht Veränderung. "Sehr verbreitet ist
auf diesen Hierarchie-Ebenen ein eher kontrollierender Führungsstil",
sagt Heers. Das Rollenverständnis besteht oft darin, Informationen von
Mitarbeitern zu kanalisieren und nach oben weiterzuleiten. Der Einsatz
von Social Software macht sichtbar, dass das Fachwissen gar nicht beim
Manager liegt. Das macht Angst. Das Rezept dagegen: ein Wertewandel und
eine Änderung des Führungsstils in Richtung Delegieren, Moderieren und
Coachen. "Da darf ich nicht nur schulen. Da muss ich qualifizieren. Der
Bedeutungswandel in der Führungsaufgabe muss klar werden", sagt Heers.
Eine Zielgruppe, die beim Thema Social Software oft Vorurteile hegt,
sind ältere Arbeitnehmer. Renate Spiering hat als Coach oft mit diesem
Thema zu tun. Sie rät dazu, alle Altersgruppen gemeinsam zu
qualifizieren, empfiehlt aber für Ältere eine Vorbereitungsphase.
Letztlich könnten die Generationen voneinander lernen: "Die Jüngeren
machen sich im Hinblick auf Social Media oft zu wenig Gedanken. Die
Älteren machen sich zu viele Gedanken." Ihnen fehle der Blick für die
Chancen. In interessierter Offenheit aufeinander zuzugehen, empfiehlt
Spiering deshalb.
Als aufmerksamer, transparenter und hierarchiefreier beschreibt Matthias
Witt die Veränderung der Unternehmenskultur bei AstraZeneca: "Wir
stellen fest, dass Diskussionen um die Zukunft des Unternehmens, neue
Produkte oder Veränderungsprozesse viel offener geführt werden. Dank
Social Media können viel mehr Mitarbeiter mit ihrer Expertise dazu
beitragen."
















