Schluss mit der Frühverrentung

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Gegen den Fachkräftemangel: Experten plädieren für bessere Fortbildung älterer Beschäftigter, kritisieren aber die Ignoranz vieler Firmen

Der ist doch schon 50! Warum soll ich da noch viel in Weiterbildung investieren?" So etwas laut zu sagen traut sich kaum ein Unternehmer - so mancher denkt es aber immer noch. Die Alternative hieß bislang oft Frühverrentung. Doch die ist angesichts des Fachkräftemangels bei gleichzeitig schwindendem Nachwuchs kein Zukunftsmodell mehr. Obendrein hat die Frühverrentung auch das Image älterer Arbeitnehmer verdorben. Die wollen nicht mehr, können nicht mehr, sind sowieso bald weg - das sind geläufige Vorurteile.

Dass Studien das längst widerlegt haben, geht an vielen vorbei. Die Uni Bayreuth zum Beispiel hat gerade erst eine Untersuchung veröffentlicht, die belegt, dass ältere Mitarbeiter weder weniger motiviert sind noch weniger einsatzbereit als jüngere Kollegen.

Manche Unternehmen schwören sogar auf reifere Mitarbeiter. Wie etwa die Hamburgerin Helga Hopp. Sie betreibt ein Kosmetik- und Modestudio auf der Uhlenhorst. Gerade hat sie eine neue Mitarbeiterin eingestellt: Sie ist 53. "Ich habe sogar festgestellt, dass ältere Kolleginnen leistungsstärker sind als die jungen", sagt Hopp. Das mache ihre langjährige Erfahrung mit den Produkten, im Verkauf und in der Behandlung. Außerdem zeigten sie mehr Firmentreue.

Jüngeren Mitarbeitern fehlt es an Erfahrung im Umgang mit Kunden

Vorurteile gegen Kollegen fortgeschrittenen Alters hat man auch bei der Hamburger Info AG nicht. Ein gutes Drittel der 500 Mitarbeiter des IT-Dienstleisters ist jenseits der 45, der älteste Kollege 62. Axel Fischer, Gruppenleiter im Bereich SAP, gehört selbst zu den "Oldies". Er ist 50 und seit zwölf Jahren bei der Info AG. Fischer erlebt täglich den Unterschied zwischen älteren und jüngeren Kollegen: "Die jungen Kollegen sind einfach ungeübter im Umgang mit den Kunden und trotz allen theoretischen Wissens fehlt es noch an Erfahrung im Umgang mit Problemen."

Die Info AG ist seit Anfang 2010 eine von vier Firmen, die vom Branchenverband Bitkom in einem Modellprojekt der Initiative IT 50plus unterstützt wird. "Aus den Erfahrungen werden wir Leitfäden für andere Betriebe entwickeln", erklärt Projektmanager Martin Schmidt. Die Initiative IT 50plus wird von Bitkom und IG Metall getragen und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Europäischen Sozialfonds gefördert.

Das Problem des Fachkräftemangels in der Branche IT und Telekommunikation sei besonders akut, sagt Schmidt. "Gerade im Bereich IT sind die Absolventenzahlen der Studenten und Auszubildenden im Sinken begriffen, deshalb gilt es neben der Ausbildungsförderung auch die erfahrenen Fachkräfte in den Blick zu nehmen."

Die bisherige Praxis - Ältere in die Selbstständigkeit oder Frühverrentung gehen zu lassen - hält er nicht mehr für den richtigen Weg. "Die Leute sind doch motiviert, gesund, sie sind ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette und lernen nicht schlechter als Jüngere." Allein - es fehle noch an der Sensibilität in den Unternehmen.

Das Thema "Demografischer Wandel" wird im Tagesgeschäft hintangestellt

Das sieht auch Demografieberater Axel Herbst so. "Unternehmen kümmern sich wenig darum wie sie demografisch aufgestellt sind", ist seine Erfahrung. "Ich sehe nicht, dass sie den demografischen Wandel ernst nehmen." Teils sei das Bewusstsein zwar da, Maßnahmen würden aber im drängenden Tagesgeschäft hintangestellt. Herbst versucht, Firmen dafür zu gewinnen, über die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter nachzudenken. Ein Punkt seiner Kritik: "Firmen investieren zu wenig in die Weiterbildung der älteren Kollegen."

Oder sie investieren falsch, denn viele Maßnahmen kommen bei der Zielgruppe nicht an. Nur ein Drittel der Älteren ist laut einer Studie der Managementberatung Accenture mit den Weiterbildungsangeboten seiner Firma zufrieden. 63 Prozent bemängeln, dass ihre Bedürfnisse zu wenig berücksichtigt werden.

"Altersgerechte Weiterbildung ist eine Frage der Didaktik", sagt Demografieberater Herbst. "Wenn jemand länger nicht gelernt hat, fällt es ihm schwer, sich darauf einzulassen." Viele hätten auch schlechte Erfahrungen beim Lernen gemacht. "Es darf keinesfalls eine negative Schulsituation entstehen."

Abgesehen von IT-Trainings und mitunter auch Seminaren in interkultureller Kompetenz hält es Dr. Silvia Stiller für am besten, wenn Alt und Jung gemeinsam lernen. Stiller ist Leiterin des Bereichs "Hamburg und regionale Entwicklungen" am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). "Studien sagen: Wo ältere und jüngere Kollegen zusammenarbeiten, zeigen die Teams gute Erfolge", erklärt sie. "Das könnte sich auch in gemeinsamer Weiterbildung auswirken."

Im Gegensatz zu Demografieberater Herbst hat Silvia Stiller den Eindruck, dass sich im Bewusstsein der Unternehmen in den letzten zehn Jahren doch viel geändert hat - auch wenn die Tendenz, Ältere früh in Rente zu schicken, noch nicht völlig überwunden sei. "Es ist erkennbar, dass Unternehmen inzwischen mehr dafür tun, ihre älteren Mitarbeiter zu halten", betont sie. Zurzeit sei das gut im Bereich der Ingenieure zu beobachten.

Bei mittelständischen Firmen habe es nie Jugendwahn gegeben

Volker Tschirch, Hauptgeschäftsführer des norddeutschen Unternehmensverbands AGA, spricht für 3000 überwiegend mittelständische Firmen aus Handel und Dienstleistung. "Anders als in der Industrie gab es bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen nie diesen Jugendwahn." Man schätze die Mitarbeiter jenseits der 50. "Wir brauchen deren Know-how, zum Beispiel im Vertrieb", sagt Tschirch. "Die Frühverrentung war eine Sünde." Er plädiert für die Rente mit 67. Und wer bis 70 arbeiten möchte, solle auch dazu die Möglichkeit bekommen. "Wer heute 60 ist, der ist doch noch jung!"