23.01.13

Siemens-Hauptversammlung

Löscher gibt Behörden Mitschuld an ICE-Desaster

Hoher Regulierungsaufwand habe zu Lieferverzögerung beitragen. Chefaufseher Cromme stärkt Löscher den Rücken und verteidigt Sparkurs.

Foto: pa/dpa
Peter Löscher (l.), Gerhard Cromme
Siemens-Chef Peter Löscher (l.) und Chefaufseher Gerhard Cromme stehen auch wegen der ICE-Lieferverzögerungen in der Kritik

München. Siemens-Chef Peter Löscher schiebt den Behörden und der Politik einen Teil der Schuld für die verspätet gelieferten ICE-Züge an die Deutsche Bahn zu.

"Wie die Bahn würden auch wir es sehr begrüßen, wenn Hersteller, Eisenbahnbundesamt und Politik in der Zulassungspraxis zu einfacheren, schnelleren und zeitgemäßen Zulassungsregeln kämen", sagte Löscher am Mittwoch auf der Siemens-Hauptversammlung.

Anders als bei Autos oder Flugzeugen müsse bei Zügen jedes Schienenfahrzeug einzeln abgenommen werden. In Russland habe Siemens die Zulassung ähnlicher Modelle vier Monate früher als geplant erhalten.

Löscher hatte Bahnchef Rüdiger Grube hoch und heilig versprochen, die neuen ICEs rechtzeitig zum Winter zu liefern. Nachdem der ohnehin bereits verschobene Termin platzte, zog sich der Spitzenmanager den Zorn von Verkehrsminister Peter Ramsauer zu. Der CSU-Politiker zeigte sich über das gebrochene Versprechen "stocksauer".

Der Siemens-Chef räumte ein, dass sein Konzern seinen "Teil der Verantwortung" habe, betonte jedoch, dass er den Kunden nicht habe hängen lassen, sondern 100 Service-Techniker für den Winter geschickt habe. Das ICE-Debakel kostete Siemens im vergangenen Quartal 116 Millionen Euro. Einen neuen Liefertermin nannte der Hersteller nicht.

Bereits bei dem verbummelten Anschluss von Windparks in der Nordsee hatte Löscher den Regulierungsbehörden eine Mitschuld zugewiesen. Seinerzeit hatte er bemängelt, dass die Beamten das Prozedere verzögerten, weil nicht klar gewesen sei, ob Umspannwerke auf hoher See abnahmetechnisch wie Schiffe oder Ölplattformen zu behandeln seien. Die Windparks gehen den aktuellen Planungen zufolge mit teilweise mehr als einem Jahr Verspätung ans Netz.

Löscher: Solider Start ins neue Jahr

Trotz eines Gewinnrückgangs im ersten Quartal sieht Löscher sein Unternehmen auf Kurs. "In einem unsicheren konjunkturellen Umfeld sind wir solide in das Geschäftsjahr 2013 gestartet", sagte der Vorstandsvorsitzende.

Im ersten Geschäftsquartal von Oktober bis Dezember 2012 verdiente das Dax-Unternehmen unter dem Strich 1,21 Milliarden Euro und damit zwölf Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In den Geschäften, die Siemens fortführen wird, fiel das Minus deutlich geringer aus. Den Umsatz steigerte Siemens um zwei Prozent auf 18,13 Milliarden Euro. Ein Drittel davon kam allein aus den Schwellenländern.

Die Jahresprognose bestätigte der Konzern. Siemens will demnach im fortgeführten Geschäft einen Gewinn von 4,5 bis 5,0 Milliarden Euro erzielen. Allerdings stehe der Konzern vor einigen Herausforderungen, sagte Löscher. Dazu gehörten auch die Probleme mit der Anbindung der Windparks in der Nordsee und die verzögerte Auslieferung der neuen ICE-Züge an die Deutsche Bahn.

Chefaufseher Cromme verteidigt Sparkurs

Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat seinem Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher den Rücken gestärkt und das milliardenschwere Sparprogramm des Konzerns verteidigt. Die Maßnahmen seien notwendig, auch wenn sie unpopulär seien.

"Wir lassen uns aber nicht vom Kurs abbringen, auch wenn manche Medien diesen hinterfragen und teilweise versuchen, Uneinigkeiten in Vorstand und Aufsichtsrat zu konstruieren, wo keine sind", sagte Cromme zu Beginn der Hauptversammlung des Elektroriesen. Löscher steht seit Monaten in der Kritik. Siemens will bis 2014 sechs Milliarden Euro einsparen und wird auch tausende Stellen streichen

Die Geschäftsfelder von Siemens

Siemens baut sich einmal mehr um. Mit einem Sparplan will Vorstandschef Peter Löscher innerhalb von zwei Jahren die Kosten seines Hauses um sechs Milliarden Euro drücken.

Neben Tausenden Arbeitsplätzen fallen dem Vorhaben auch ganze Geschäftsbereiche zum Opfer. Die operative Rendite soll so bis 2014 auf mehr als zwölf Prozent von zuletzt knapp zehn steigen. Die größten Baustellen des Konzerns:

Osram:

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds.

Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben.

Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung ist für den weiteren Jahresverlauf geplant.

Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Energietechnik:

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl im vergangenen Jahr den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen.

Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen:

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung:

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik:

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen.

Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wird ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware:

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut.

Im Frühjahr kommt für 680 Millionen Euro die belgische LMS hinzu. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für insgesamt mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Bahntechnik:

Während Siemens mit Auslieferungsproblemen seiner ICE-Flotte an die Deutsche Bahn hadert, erweitert der Konzern sein Geschäft mit Signal- und Leittechnik durch die Übernahme der Bahntechniksparte der britischen Invensys und gibt dafür 2,2 Milliarden Euro aus.

Altlasten und Führungsquerelen:

Neben den aktuellen Sorgenkindern verfügt Siemens noch über einige Altlasten. Die Problemtochter Nokia Siemens Networks besserte sich zuletzt. Nach verlustreichen Jahren verzeichnete der Netzwerkbauer zwei Quartale mit stabilen Umsätzen und Gewinn.

Die beiden Mütter Siemens und Nokia wollen auf absehbare Zeit allerdings noch an ihren Anteilen festhalten, bis sich der jüngste Erfolg von NSN verstetigt hat.

In den vergangenen Monaten wuchs zudem die Kritik am Führungsduo Peter Löscher und Gerhard Cromme.

Einige Aktionäre sind des Aufsichtsratschefs überdrüssig, Analysten gehen Vorstandschef Löscher wegen einer Serie von teuren Schnitzern an. Doch die Schicksalsgemeinschaft bietet bislang den Kritikern die Stirn. (rtr)

Der ICE 3

Der ICE 3 ist als jüngster Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn seit dem Jahr 2001 im Einsatz.

Er hat je nach Baureihe 413 bis 432 Sitzplätze und schafft ein Spitzentempo von 330 km/h.

Bis zu 300 km/h fährt er auf den Abschnitten Köln-Frankfurt und Nürnberg-Ingolstadt.

50 ICE 3 der Baureihe 403 sind vom Ruhrgebiet über die Rhein-Main-Region bis nach Stuttgart und München unterwegs.

14 Züge der Baureihe 406 fahren über die Grenze bis nach Amsterdam, Brüssel oder Paris.

Die Fahrmotoren des ICE 3 sind unter dem Zug verteilt, jede zweite Achse wird angetrieben.

Dies ermöglicht eine hohe Beschleunigung. Im Juli 2008 entgleiste ein ICE 3 in Köln wegen eines Achsbruchs.

Seitdem werden die Achsen häufiger per Ultraschall kontrolliert. Als Konsortialführer ist Siemens der verantwortliche ICE-Hersteller. (dpa)

Gewinneinbruch: Siemens-Erben verdienen weniger

Die Nachfahren des Konzerngründers Werner von Siemens verdienen weniger:

Mit dem Gewinneinbruch bei dem Elektrokonzern sinkt auch die Ausschüttung an die Familie auf rund 130 Millionen Euro für das abgelaufene Geschäftsjahr 2012.

Die Familie ist mit einem Aktienanteil von 5,6 Prozent größter Anteilseigener.

Der US-Finanzinvestor Blackrock, der wegen seiner iShares-Indexfonds an den meisten Dax-Unternehmen beteiligt ist, hält 3,9 Prozent und bekommt rund 90 Millionen.

Die Siemens-Stiftung mit 3,0 Prozent erhält etwa 70 Millionen Euro.

Europas größter Elektrokonzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr statt 6,3 Milliarden nur noch 4,590 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern erwirtschaftet, seine Ausschüttungsquote aber von 41 auf 51 Prozent erhöht.  (dpa)

(dpa/rtr/dapd/abendblatt.de)
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