22.01.13

Siemens

Führung steht unruhige Hauptversammlung bevor

Ob ICE-Züge, Flop-Käufe, Osram-Tochter – der Dax-Konzern hat mehrere Baustellen. Anleger stimmen über Osram-Abspaltung ab

Von Sebastian Heise
Foto: dapd
Peter Löschser
Siemens-Chef Peter Löscher muss auf der Hauptversammlung mit Gegenwind rechnen

München. Auf dem "absteigenden Ast" sieht Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt Siemens-Chef Peter Löscher zwar noch nicht. Bei der Hauptversammlung am Mittwoch (23. Januar) will sie jedoch einige Probleme innerhalb des Münchner Konzerns offen ansprechen.

"Wir zeigen ihm unsere Gewehre und Pistolen, aber wir schießen noch nicht", kündigte die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Anspielung auf den neuen Quentin-Tarantino-Western "Django Unchained" an.

Bergdolt und andere Kritiker werfen dem Vorstandsvorsitzenden vor, im Frühjahr 2011 das plakative Ziel von 100 Milliarden Euro Jahresumsatz als Ziel ausgegeben, dabei aber die Profitabilität aus den Augen verloren zu haben. Siemens steigerte seitdem zwar die Umsätze, gleichzeitig aber auch die Kosten.

Der Gewinn sank: Nach 7,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2010/2011 verdiente Siemens von Oktober 2011 bis September 2012 mit seinen fortgeführten Aktivitäten noch knapp 5,2 Milliarden Euro. Das ursprüngliche Ziel verfehlte der Konzern damit um 800 Millionen Euro. Löscher steuerte gegen und kündigte bei der Bilanzvorlage im November an, bis 2014 sechs Milliarden Euro Kosten einzusparen.

Für Bergdolt ist das zwar der richtige Weg, der Vorstandsvorsitzende damit aber noch längst nicht über den Berg. "Wir werden Löscher künftig daran messen", sagte sie.

Das rückläufige Ergebnis ist aber nur einer von mehreren Kritikpunkten am 55-jährigen Siemens-Chef. So konnte der Konzern der Deutschen Bahn die versprochenen neuen ICE-Züge nicht wie geplant zum laufenden Winterfahrplan ausliefern. Als Grund führte Siemens Softwareprobleme an. Zwar belasten die Verzögerungen die Bilanz vergleichsweise wenig. Dafür leidet das Image des Konzerns.

Auch bei grünen Energien, einem Prestigeprojekt Löschers, hakte es in der jüngsten Vergangenheit mehrfach. Der Kauf der israelischen Solarthermie-Firma Solel entwickelte sich als Flop. Nach dreistelligen Millionenverlusten bot Löscher Ende vergangenen Jahres das Solarengagement zum Verkauf an. Und beim Bau der Windparks in der Nordsee übernahm sich Siemens. Die Anbindung ans Stromnetz verzögerte sich immer mehr. Rund eine halbe Milliarde Euro musste Siemens deswegen abschreiben.

Die Problemtochter Osram will der Konzern schon seit längerer Zeit abspalten. Doch nachdem der ursprünglich geplante Börsengang im vergangenen Jahr abgeblasen wurde, will Siemens den Leuchtmittelhersteller nun an seine Aktionäre abtreten. Für je zehn Siemens-Aktien sollen sie eine Osram-Aktie erhalten. Siemens will künftig so nur noch 19,5 Prozent an Osram halten.

Es wird zwar damit gerechnet, dass auf der Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle die notwendige Drei-Viertel-Mehrheit erreicht wird. Trotz der Abspaltung kommen auf Siemens aber noch weitere massive Verluste zu. Allein im vergangenen Geschäftsjahr verbuchte Osram einen Nachsteuerverlust von 378,3 Millionen Euro.

Nach der heftigen Kritik auf der Hauptversammlung von ThyssenKrupp wird Aufsichtsratschef Gerhard Cromme auch bei der Aktionärsversammlung von Siemens sicher nicht verschont. Das "Manager Magazin" schreibt, Cromme sei angezählt. Das Wirtschaftsblatt nennt Aufsichtsratsmitglied Josef Ackermann als möglichen Nachfolger.

Aktionärsschützerin Bergdolt will den Aufsichtsrat zwar ebenso wie den Vorstand entlasten. Allerdings beklagt sie, dass die Chance vertan worden sei, im Kontrollgremium einen Neuanfang zu machen. Der Aufsichtsrat sei zu alt und zu männlich, sagt sie.

Mit den Zahlen des ersten Geschäftsquartals (zum 31. Dezember 2012), die unmittelbar vor der Hauptversammlung veröffentlicht werden, kann die Siemens-Führung die Aktionäre offenbar etwas beruhigen. Der Gewinn im fortgeführten Geschäft liegt laut "Handelsblatt" mit 1,3 Milliarden Euro auf Vorjahresniveau. Der Umsatz sei mit etwa 17,9 Milliarden Euro auch stabil geblieben, und der Auftragseingang habe sich sogar verbessert.

Die Geschäftsfelder von Siemens

Siemens baut sich einmal mehr um. Mit einem Sparplan will Vorstandschef Peter Löscher innerhalb von zwei Jahren die Kosten seines Hauses um sechs Milliarden Euro drücken.

Neben Tausenden Arbeitsplätzen fallen dem Vorhaben auch ganze Geschäftsbereiche zum Opfer. Die operative Rendite soll so bis 2014 auf mehr als zwölf Prozent von zuletzt knapp zehn steigen. Die größten Baustellen des Konzerns:

Osram:

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds.

Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben.

Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung ist für den weiteren Jahresverlauf geplant.

Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Energietechnik:

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl im vergangenen Jahr den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen.

Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen:

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung:

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik:

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen.

Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wird ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware:

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut.

Im Frühjahr kommt für 680 Millionen Euro die belgische LMS hinzu. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für insgesamt mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Bahntechnik:

Während Siemens mit Auslieferungsproblemen seiner ICE-Flotte an die Deutsche Bahn hadert, erweitert der Konzern sein Geschäft mit Signal- und Leittechnik durch die Übernahme der Bahntechniksparte der britischen Invensys und gibt dafür 2,2 Milliarden Euro aus.

Altlasten und Führungsquerelen:

Neben den aktuellen Sorgenkindern verfügt Siemens noch über einige Altlasten. Die Problemtochter Nokia Siemens Networks besserte sich zuletzt. Nach verlustreichen Jahren verzeichnete der Netzwerkbauer zwei Quartale mit stabilen Umsätzen und Gewinn.

Die beiden Mütter Siemens und Nokia wollen auf absehbare Zeit allerdings noch an ihren Anteilen festhalten, bis sich der jüngste Erfolg von NSN verstetigt hat.

In den vergangenen Monaten wuchs zudem die Kritik am Führungsduo Peter Löscher und Gerhard Cromme.

Einige Aktionäre sind des Aufsichtsratschefs überdrüssig, Analysten gehen Vorstandschef Löscher wegen einer Serie von teuren Schnitzern an. Doch die Schicksalsgemeinschaft bietet bislang den Kritikern die Stirn. (rtr)

Der ICE 3

Der ICE 3 ist als jüngster Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn seit dem Jahr 2001 im Einsatz.

Er hat je nach Baureihe 413 bis 432 Sitzplätze und schafft ein Spitzentempo von 330 km/h.

Bis zu 300 km/h fährt er auf den Abschnitten Köln-Frankfurt und Nürnberg-Ingolstadt.

50 ICE 3 der Baureihe 403 sind vom Ruhrgebiet über die Rhein-Main-Region bis nach Stuttgart und München unterwegs.

14 Züge der Baureihe 406 fahren über die Grenze bis nach Amsterdam, Brüssel oder Paris.

Die Fahrmotoren des ICE 3 sind unter dem Zug verteilt, jede zweite Achse wird angetrieben.

Dies ermöglicht eine hohe Beschleunigung. Im Juli 2008 entgleiste ein ICE 3 in Köln wegen eines Achsbruchs.

Seitdem werden die Achsen häufiger per Ultraschall kontrolliert. Als Konsortialführer ist Siemens der verantwortliche ICE-Hersteller. (dpa)

Gewinneinbruch: Siemens-Erben verdienen weniger

Die Nachfahren des Konzerngründers Werner von Siemens verdienen weniger:

Mit dem Gewinneinbruch bei dem Elektrokonzern sinkt auch die Ausschüttung an die Familie auf rund 130 Millionen Euro für das abgelaufene Geschäftsjahr 2012.

Die Familie ist mit einem Aktienanteil von 5,6 Prozent größter Anteilseigener.

Der US-Finanzinvestor Blackrock, der wegen seiner iShares-Indexfonds an den meisten Dax-Unternehmen beteiligt ist, hält 3,9 Prozent und bekommt rund 90 Millionen.

Die Siemens-Stiftung mit 3,0 Prozent erhält etwa 70 Millionen Euro.

Europas größter Elektrokonzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr statt 6,3 Milliarden nur noch 4,590 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern erwirtschaftet, seine Ausschüttungsquote aber von 41 auf 51 Prozent erhöht.  (dpa)

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