Do, 17.01.13, 15.22

Boeing-Desaster "Dreamliner"-Pannen: Airline LOT erwägt Schadenersatz

Boeing 787 Dreamliner - Start eines LOT-Langstreckenflugzeugs

Foto: dpa

Boeing 787 Dreamliner - Start eines LOT-Langstreckenflugzeugs

Die polnische Fluglinie prüft, ob sie wegen des Flugverbots Entschädigung verlangen kann. "Dreamliner" aus Japan in Frankfurt gestrandet.

Warschau/Frankfurt. Die einzige europäische Airline mit dem "Dreamliner" in ihrer Flotte, die polnische LOT, prüft möglichen Schadenersatz wegen des Flugverbots für den Langstreckenjet. "Wir zählen jetzt die Kosten für den Flugausfall und die Ersatzmaschinen und erwägen, von Boeing eine Entschädigung zu verlangen", sagte Unternehmenssprecher Marek Klucinski am Donnerstag. "Wie lange die technische Überprüfung dauert und wann die Dreamliner wieder fliegen können, steht noch nicht fest."

LOT hatte als erste europäische Fluggesellschaft bisher zwei "Dreamliner" in ihre Flotte aufgenommen und umfangreich für die neuen Maschinen geworben. Erst in der Nacht zu Donnerstag war ein LOT-"Dreamliner" zum ersten Langstreckenflug nach Chicago, dem Zentrum der polnischen Diaspora in den USA gestartet. Nach der Landung erfuhren Pilot und Passagiere, dass die Maschine nach den Bestimmungen der US-Luftfahrtsbehörde FAA vorerst am Boden bleiben muss. "Für uns kam das überraschend", sagte Flugkapitän Krzysztof Lenartowicz im polnischen Nachrichtensender TVN 24. Die Maschine konnte nicht wie geplant nach Europa zurückfliegen.

Auf der Facebook-Seite der Fluggesellschaft wurden Passagiere darüber informiert, dass Ersatzflugzeuge vom Typ Boeing 767 nun die "Dreamliner"-Verbindungen übernehmen, bis weitere Sicherheitsüberprüfungen abgeschlossen sind. Gleichzeitig zeigte sich LOT von der Sicherheit ihrer Maschinen überzeugt.

In Deutschland hat bislang keine einzige Fluggesellschaft den "Dreamliner" in der Flotte. Air Berlin hat aber 15 Stück bestellt. Auch am Donnerstag wollte sich Deutschlands zweitgrößte Airline nicht zu den Problemen des Boeing-Vorzeigefliegers äußern.

TuiTravel will 13 Maschinen abnehmen und hält nach Angaben vom Donnerstag an dem Ziel fest, im Mai den Flugbetrieb aufzunehmen. "Derzeit arbeiten wir weiter mit unseren ursprünglichen Lieferterminen", erklärte ein Sprecher am Firmensitz im britischen Crawley. Boeing habe zugesichert, eng mit der britischen Flugaufsichtsbehörde zusammenzuarbeiten, um die Sicherheit der Maschinen zu garantieren.

"Dreamliner" muss in Frankfurt "Zwangsparken"

Unterdessen musste aus Sicherheitsgründen ein aus dem Verkehr gezogener "Dreamliner" am größten deutschen Flughafen in Frankfurt "parken". Der Flughafenbetreiber Fraport bestätigte am Donnerstag, die Boeing 787 stehe seit Mittwochabend in Frankfurt. Der Langstreckenjet gehöre der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA). Die japanische Luftfahrtbehörde hatte den Betrieb der "Dreamliner" vorerst untersagt, nachdem an Bord einer ANA-Maschine eine Batterie geschmort hatte. Die Passagiere seien mit einer anderen Boeing-Maschine weitergeflogen.

Für ihren gestrandeten "Dreamliner" muss die Fluggesellschaft nun Parkgebühren zahlen, rund 1000 Euro pro Tag. Laut Fraport fliegen nur drei Airlines regelmäßig den Frankfurter Flughafen mit einer Boeing 787 an: Neben ANA sind das Air India und Ethiopian Airlines. Sie haben zusammen 20 Starts und Landungen pro Woche in Frankfurt.

Luftfahrtbehörden: Weltweites Flugverbot für Prestigeflieger

Die Pannenserie entwickelt sich derweil zu einem Debakel für das Image des US-Flugzeugherstellers. Nach den USA haben auch die Luftfahrtbehörden in Europa, Indien, Chile und Japan ein Startverbot für das neueste Flugzeug von Boeing ausgesprochen. Damit sind fast alle der bislang 50 ausgelieferten Dreamliner seit Donnerstag vorerst aus dem Verkehr gezogen.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA machte am Mittwoch den Anfang und ordnete an, sämtliche Maschinen in den USA müssten wegen der zuletzt mehrfach aufgetretenen Probleme mit den Bordbatterien systematisch überprüft werden. Die Agentur warnte vor möglichen Bränden durch Batteriedefekte. Das Startverbot soll demnach gelten, bis alle Risiken ausgeräumt sind.

Damit löste die FAA eine Kettenreaktion aus. Als erste reagierten die indische und die chilenische Luftfahrtbehörde. Die Fluggesellschaft Air India, die sechs 787 Dreamliner betreibt, strich am Donnerstag alle Flüge mit Maschinen des neuen Boeing-Typs. Nach einem Bericht der britischen BBC kündigte auch die chilenische Fluggesellschaft LAN an, alle Dreamliner-Flüge nach Absprache mit der nationalen Luftverkehrsbehörde zu streichen.

Die Europäische Agentur für Luftsicherheit EASA in Köln folgte am Donnerstagmorgen ebenfalls der Direktive der FAA.

Boeing-Chef: "Dreamliner" ist sicher

Die meisten der 50 ausgelieferten Maschinen werden von japanischen Fluggesellschaften betrieben. All Nippon Airways (ANA, 17 Flugzeuge) und Japan Airlines (sieben Flugzeuge) stoppten noch am Mittwoch freiwillig ihre Flüge mit dem Dreamliner. Die nationale Luftfahrtbehörde sprach wenig später auch ein Startverbot aus. Insgesamt hat Boeing für seinen neuesten und technisch anspruchsvollen Flieger fast 800 Aufträge von Airlines aus aller Welt erhalten. Nun drohen möglicherweise Produktionsverzögerungen.

Wegen Batterieproblemen musste ein Dreamliner von All Nippon Airways in Takamatsu notlanden, weil eine schmorende Batterie zu Brandgeruch an Bord geführt hatte. Das japanische Verkehrsministerium bewertete die Notlandung als "schwerwiegenden Vorfall", der zu einem Unglück hätte führen können. Bei einer näheren Untersuchung stellten die Behörden fest, dass entflammbare Flüssigkeit aus der Lithium-Ionen-Hauptbatterie unter dem Cockpit ausgetreten war. Sachverständige fanden zudem Brandspuren. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo News berichtete unter Berufung auf das Verkehrsministerium, dass die Flüssigkeit durch die Bodenabdeckung hindurch bis an die Außenseite des Fliegers gelangt sei.

Der Präsident des US-Flugzeugbauers Boeing erklärte in einer Stellungnahme, sein Unternehmen arbeite rund um die Uhr mit den zuständigen Behörden zusammen: "Wir sind überzeugt, dass die 787 sicher ist", sagte Jim McNerney. Der Chefingenieur des Dreamliners, Mike Sinnett, hatte vergangene Woche noch betont, dass die Flugzeugbatterien über 1,3 Millionen Stunden hinweg getestet worden seien und niemals Schwierigkeiten gemacht hätten. Zudem gebe es gleich mehrere Sicherheitsmechanismen, damit "Batterieversagen nicht das ganze Flugzeug in Gefahr bringt".

Der erst 2011 in Dienst gestellte Dreamliner ist das prestigeträchtigste Projekt des Airbus-Konkurrenten aus den USA. Die Maschine ist zu großen Teilen aus leichten Karbonfasern gebaut und gilt daher als sparsam im Spritverbrauch – ein Hauptgrund für die große Nachfrage. Allerdings kam es schon vor dem Jungfernflug immer wieder zu technischen Problemen. Schon 2012 waren mehrmals Probleme gemeldet worden, zuletzt sorgten dann binnen kürzester Zeit Treibstofflecks, eine gesprungene Cockpit-Scheibe und ein weiterer Batteriebrand für Aufsehen. Betroffen war in allen Fällen die Fluggesellschaft All Nippon Airways.

Auch der japanische Hersteller der Batterien des Dreamliners, GS Yuasa, muss sich nun Fragen zu seinem Produkt stellen. Der Konzern teilte mit, er arbeite eng mit den Ermittlern zusammen, um die Ursache des Defekts herauszufinden.