14.11.12

Winnenden-Prozess

Vater des Amokschützen Tim K. schweigt wieder vor Gericht

Der Amoklauf von Winnenden mit 15 Toten schockte ganz Deutschland. Jetzt muss sich der Vater des Täters erneut vor Gericht verantworten.

Von Wenke Böhm und Söhnke Callsen
Foto: dpa
Prozess gegen Vater des Amokläufers
Die Anwälte des beklagten Vaters des Amokläufers von Winnenden, Hubert Gorka, Hans Steffan und Elisabeth Unger-Schnell (li-re) im Gerichtssaal

Stuttgart. Der Vater des Amokschützen Tim K. hat sich zu Beginn des zweiten Winnenden-Prozesses vor dem Landgericht Stuttgart wieder in Schweigen gehüllt. Dem 53 Jahre alten Sportschützen droht eine erneute Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Er hatte die Waffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt, mit der sein Sohn am 11. März 2009 in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und Wendlingen (Kreis Esslingen) 15 Menschen und sich selbst erschoss. Zwar lautet die Anklage nur auf Verstoß gegen das Waffengesetz, doch der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski hatte gleich zu Beginn angekündigt, dass auch diesmal eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in Betracht komme. (Az.: 7 KLs 112 Js 21916/09)

Im Februar 2011 hatte die 18. Strafkammer des Gerichts den Unternehmer unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Weil er die Waffe nicht ordnungsgemäß weggeschlossen habe, sei die Tat erst möglich geworden, hieß es damals. Doch der Bundesgerichtshof kassierte das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers. Grund: Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, eine wichtige Zeugin zu befragen.

Der Vorsitzende Richter betonte, dass das Urteil gegen den Angeklagten im zweiten Verfahren nicht höher ausfallen dürfe als im ersten, weil nur die Verteidigung Revision beantragt hat. "Ein Jahr und neun Monate ist sozusagen das Maximum", sagte Polachowski.

Entscheidend seien nun etwa die Fragen, ob Tim K. den Code für den Waffentresor kannte und ob der Angeklagte die Tat seines Sohnes vorhersehen konnte. Nach der BGH-Entscheidung neige die Kammer momentan dazu, Untersuchungsergebnisse einer psychiatrischen Klinik über Tim K. zu verwerten. Ausgespart werden im neuen Verfahren allerdings die Details der Tat. Diese Fakten gelten als unzweifelhaft.

Der Angeklagte, der sich selbst nicht zu den Vorwürfen äußerte, verfolgte den Prozess mit starrer Miene. Er ließ aber durch seine Verteidiger Erklärungen verlesen, in denen diese sich gegen eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung aussprachen. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass Tim K. ohne Wissen des Angeklagten Zugang zum Waffentresor hatte", sagte Strafverteidiger Hubert Gorka. Zudem zeige der Abschlussbericht der Psychiatrie, dass selbst die Fachärzte keine Gefahr sahen, dass Tim K. sich selbst oder andere gefährden könnte.

Die Staatsanwaltschaft warf der Verteidigung vor, aus dem ersten Verfahren nichts gelernt zu haben. Jens Rabe, Anwalt mehrerer Nebenkläger, sprach angesichts der Verteidigungsstrategie von "Schnee von gestern."

Etwa 15 Angehörige der Opfer verfolgten als Nebenkläger den Prozessauftakt und reagierten zum Teil hörbar empört auf die Argumente der Verteidiger. Was viele von ihnen bewegte, fasste Tatjana Hahn in Worte: "Wir wollten Antworten auf unsere Fragen bekommen", sagte die Schwester einer getöteten Schülerin unter Tränen. Derjenige, der am Besten dabei hätte helfen können, habe nichts dazu beigetragen, auch weil er dem ersten Prozess monatelang ferngeblieben sei. "Noch immer kann ich nicht wirklich begreifen, was damals geschehen ist."

Vom Amoklauf in Winnenden zum zweiten Prozess

Zum zweiten Mal steht der Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen vor Gericht. Mit seiner Waffe, die er unverschlossen im Schlafzimmerschrank aufbewahrte, soll er die Bluttat seines Sohnes erst möglich gemacht haben. Eine Chronologie:

12. März 2009: Bereits einen Tag nach dem Amoklauf beginnen Ermittlungen gegen den Vater von Tim K. wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht.

16. März 2009: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet gegen den Vater des 17-jährigen Täters ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ein. Die Eltern sollen Kenntnis von den psychischen Problemen ihres Sohnes gehabt haben.

12. November 2009: Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger weist die Staatsanwaltschaft an, gegen den Vater Anklage zu erheben und sich nicht wie bis dahin geplant mit einem Strafbefehl zu begnügen.

27. November: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Sie lautet auf fahrlässige Tötung in 15 Fällen, fahrlässige Körperverletzung in 13 Fällen und Verstoß gegen das Waffengesetz. Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung liegt bei fünf Jahren Haft.

6. Mai 2010: Das Landgericht Stuttgart lässt die Anklage der Staatsanwaltschaft zu. Der Vater muss sich aber zunächst nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten.

16. September 2010: Zu Prozessbeginn kündigt der Vorsitzende Richter an, der Angeklagte könne auch wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden.

28. September 2010: Ein Freund des Täters sagt aus, der 17-Jährige habe die Schule schleifen lassen, kaum Freunde gehabt und sei süchtig nach Computer-Ballerspielen gewesen.

30. September 2010: Die Polizei rekonstruiert den Verlauf der Tat in einer 3-D-Animation. Laut Erkenntnissen der Ermittler kannte der Amokläufer den Code zum Waffenschrank seines Vaters nicht.

19. und 21. Oktober 2010: Der Angeklagte meldet sich krank. Es wird bekannt, dass es Morddrohungen gegen ihn gibt.

26. Oktober 2010: Der Angeklagte erscheint nicht mehr vor Gericht. Die Kammer hält seine Anwesenheit für verzichtbar.

11. November 2010: Der Amokläufer soll Ärzten einer psychiatrischen Klinik knapp ein Jahr vor der Tat gesagt gehaben, dass er "einen Hass auf die ganze Welt hat und Leute umbringen will". Dies berichtet eine Betreuerin der Familie.

23. November 2010: Die Betreuerin nimmt ihre Aussage zurück, dass die Eltern über Tötungsfantasien des Sohnes informiert gewesen seien.

16. Dezember 2010: Die Familienbetreuerin widerruft den Widerruf.

11. Januar 2011: Die Staatsanwaltschaft plädiert auf zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz.

27. Januar 2011: Die meisten Anwälte der Nebenkläger fordern in ihren Plädoyers, den Unternehmer nicht mit einer Bewährungsstrafe davonkommen zu lassen.

01. Februar 2011: Der Angeklagte erscheint wieder vor Gericht und zeigt Reue. Enttäuscht sind die Angehörigen dennoch, denn er wartete damit, bis seine Verteidiger Freispruch fordern.

10. Februar 2011: Das Gericht verurteilt den 52-Jährigen wegen 15-facher fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen sowie wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten.

Juni 2011: Die Verteidiger des Vaters legen Revision ein.

22. März 2012: Wegen eines Verfahrensfehlers kassiert der Bundesgerichtshof Karlsruhe das Urteil. Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, die Familientherapeutin als wichtige Zeugin zu befragen, heißt es.

14. November 2012: Das zweite Verfahren gegen den Vater beginnt. Fast alles muss neu aufgerollt werden, mit Ausnahme des Tatablaufs in der Realschule.

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Video Alle Videos
Eine Bordkamera filmt den dreisten Betrugsversuch Aus aller Welt
Versuchter Betrug
Frau wirft sich extra vor Auto

So viel Dreistigkeit lädt zum Schmunzeln ein: Eine Bordkamera filmt, wie sich eine Frau in China mit Absicht vor ein Fahrzeug wirft. Offenbar wollte sie so Geld von der Versicherung erschleichen.mehr »

Top Bildergalerien mehr
Bayern München und Co.

2. Spieltag in der Champions League

Tierpark Hagenbeck

Ina Müller tauft Walrossbaby Thor

Unfall

Harburg: Wagen prallt gegen Hauswand

Wiesn

Promis beim Oktoberfest 2014

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr