Norderstedt
13.11.12

Schuldenfalle

Jeder Zehnte im Kreis Segeberg ist überschuldet

Im Kreis Segeberg leben mehr Schuldner als in Pinneberg und Stormarn. Immer mehr Ältere geraten in die Schuldenfalle.

Von Michael Schick
Foto: pa/dpa/dpaweb
Wenn die Schulden über den Kopf wachsen, helfen die Mitarbeiter der Schuldnerberatungsstellen aus der Schuldenfalle
Wenn die Schulden über den Kopf wachsen, helfen die Mitarbeiter der Schuldnerberatungsstellen aus der Schuldenfalle

Kreis Segeberg. Jeder Zehnte im Kreis Segeberg ist überschuldet. Die Schuldnerquote von 10,13 Prozent ist Negativrekord unter den nördlichen Hamburger Randkreisen, in Stormarn (8,05 Prozent) und Pinneberg (9,44 Prozent) liegt der Wert niedriger, können weniger Menschen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Das ergibt sich aus dem Schuldneratlas 2012, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform veröffentlicht hat.

Obwohl die Konjunktur stabil blieb und die Zahl der Arbeitslosen zurückgeht, drücken hohe Schulden mehr Segeberger als im Vorjahr, als die Quote noch bei 9,84 Prozent lag. Wolfgang Stein von der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kaltenkirchen sieht die Randlage zu Hamburg als eine wesentliche Ursache für die vergleichsweise hohe Zahl überschuldeter Menschen: "Sie sind schnell in der Stadt und können die reichlich vorhandenen Konsumangebote eher nutzen als die Bewohner auf dem platten Land." Hinzu komme, dass viele Hamburger in den Kreis ziehen, aber weiterhin die bekannten Einkaufsmöglichkeiten am ehemaligen Wohnort nutzten. Außerdem sei im Kreis Segeberg die Arbeitslosigkeit höher als im Nachbarkreis Stormarn.

Die spiele nach wie vor eine große Rolle, wenn sich Schulden auftürmen, die die Betroffenen irgendwann nicht mehr ausgleichen können. Scheidung und Trennung bleiben weiterhin eine wesentliche Ursache von Überschuldung, Krankheit gehört ebenfalls dazu. "Arbeitsunfähigkeit durch Burn-out nimmt zu. Und die Folgen bekommen wir zunehmend zu spüren,", sagt Stein, der einen Schuldentreiber beobachtet, der sich immer stärker breitmache: fehlendes wirtschaftliches Wissen und mangelndes Zahlenverständnis.

Das Zahlen mit Karte gaukelt ständige Verfügbarkeit des Geldes vor

Welchen Gegenwert bedeuten 1000 Euro? Was bekomme ich dafür? Welche Zinsbelastung kommt auf mich zu, wenn ich einen Kredit aufnehme? Das seien Fragen, die sich Konsumenten immer seltener stellten und oft auch nicht mehr beantworten könnten. Das Bewusstsein für den Geldwert nehme ab, da immer häufiger mit Karte bezahlt wird. Und wer dann beim Einkaufen zufällig noch den Pullover sieht, den er immer schon haben wollte, oder den Wunsch-TV zum vermeintlichen Schnäppchenpreis, der zücke die EC-Karte und zahle. "Das gaukelt den Verbrauchern vor, dass Geld ständig verfügbar ist und verleitet zum Konsum. Früher hat man gespart, bis man sich das neue Sofa oder andere Anschaffungen leisten konnte", sagt Stein. Er plädiert für Aufklärung, das Thema müsse in den Schulen stärker in den Vordergrund rücken.

Die Nachfrage steige kontinuierlich, doch mehr Hilfe könne das Team nicht leisten. Mit rund 1000 Beratungen pro Jahr, davon 250 bis 300 langfristige mit je drei bis zwölf Terminen, sei die Kapazitätsgrenze erreicht. Das gilt auch für die Schuldnerberatungsstelle des Diakonischen Werkes in Norderstedt, in der Leiterin Maria Bergs und ihre Mitarbeiter jährlich rund 700 Klienten betreuen, oft über mehrere Jahre. Die Zahl der Älteren, die Rat brauchen, steigt. "Zu uns kommen jetzt auch Menschen, die 70 und älter sind. Das hatten wir früher nicht", sagt Maria Bergs. Da schlage die Altersarmut schon durch. Meist seien die Schulden nicht hoch, doch gerade Senioren litten besonders darunter.

Die Ursachen seien vielfältig. Gerade für Singles im Rentenalter gehöre Fernsehen zum Alltag. Und so gönnten sie sich beim örtlichen Fachhändler ein Neu-Gerät, das fachgerecht angeschlossen und aufgestellt wird. Da kämen schnell mal 800 Euro zusammen. Oder das Ehepaar hat den Lebensstandard jahrelang auf Pump finanziert. Der Mann hat das Geld verwaltet, und wenn er stirbt, sitzt die Witwe plötzlich auf einem fünfstelligen Schuldenberg. Nach dem Tod des Partners ist die Wohnung zu groß und zu teuer, doch gerade in Norderstedt fehlten günstige kleine Wohnungen. Mieten und Versicherungsprämien könnten nicht mehr bezahlt werden, Selbstständige haben Lücken in der Krankenversicherung, müssen die kostspielige Operation selbst bezahlen. "Auch da kommen schnell hohe Beträge zusammen", sagt die Leiterin der Beratungsstelle. Zu ihr kommen aber auch immer mehr Menschen, die mehrere Jobs haben, finanziell trotzdem nicht klarkommen und keine Zeit und Kraft haben, um ihr Leben und ihre Finanzen zu ordnen. "Da ist Lebenshilfe gefragt", sagt Maria Bergs.

Hier gibt es Hilfe: Sozial- und Schuldnerberatung, Diakonisches Werk des Kirchenkreises Niendorf, Ochsenzoller Straße 85 in Norderstedt, Telefon 040/82 31 57 20, E-Mail schuldnerberatung@dwniendorf.de, Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein e.V., Kieler Straße 7 in Kaltenkirchen, Telefon 04191/72 27 40, E-Mail sbr-kaki@verbraucherzentrale-sh.de, und in Bad Segeberg, Kirchplatz 1, Telefon 04551/90 84 40, E-Mail segeberg@vzsh.de.

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