Passivhaustage
Die Gersters brauchen keine Heizung
Im Rahmen der bundesweiten Passivhaustage an diesem Wochenende erlaubt die Familie in Schnelsen Einblicke in ihren Wohnalltag.
Familie Gerster sitzt im Warmen - und das ohne Heizung. Geheizt
wird mit Aquarium, Wasserbett, kleinem Ethanol-Kamin und Besuch. Wie das
geht? Ein Passivhaus macht's möglich.
"Weihnachten ist es hier richtig bullig. Ein Weihnachtsbaum mit echten
Kerzen, dann kommt noch Familie, da muss man schon für Abkühlung sorgen
und die Haustür aufmachen", erzählt Yvonne Gerster. Auch an Silvester
2009, den ersten Jahreswechsel im neuen Haus, erinnern sich die Gersters
noch gut. "Damals", ergänzt Yvonnes Mann Nisse, "waren draußen minus
zehn Grad. Wir hatten rund 20 Gäste hier, die ausprobieren wollten, ob
man in einem Passivhaus frieren muss. Im Raum stieg das Thermometer bis
auf 24 Grad, obwohl es ein ständiges Rein und Raus an diesem Abend war."
Nisse Gerster ist als Architekt spezialisiert auf Passivhäuser und hat
das eigene Doppelhaus selbst entworfen. "Es ist zwar zweigeschossig, das
Dachgeschoss wirkt aber sehr groß und ist ausgebaut. Insgesamt sind es
rund 300 Quadratmeter Wohnfläche. Davon gehören drei Fünftel zur
vorderen und zwei Fünftel, etwa 125 Quadratmeter, zur hinteren Wohnung,
die vermietet ist", sagt der 36-Jährige
Ein Passivhaus ist ein Gebäude, das aufgrund seiner guten Wärmedämmung
in der Regel keine klassische Heizung benötigt. Schon die Bauphase
unterscheidet sich deshalb deutlich vom konventionellen Bau. Gersters
entschieden sich für ein Holzständerhaus. "Als Erstes kamen 24
Zentimeter Dämmung in den Boden. Darin wurde dann die Betonsohle
eingegossen", erinnert sich der Bauherr. Anschließend wurde das
Ständerwerk aufgebaut, es folgten hoch gedämmte Bauteile wie Fenster,
Dach und Fassade. "Den Trockenausbau habe ich mit der Familie selbst
gemacht. Das dauerte gut ein Jahr. Als junger Architekt habe ich einen
guten Eindruck bekommen, wie lange was wirklich dauert. Gebäudetechnik,
Elektrik, Lüftung haben wir dagegen ausführen lassen", sagt der
Architekt. Seit 2009 ist es fertig, das purpurrote Zuhause der Gersters
im Hamburger Stadtteil Schnelsen.
Auch Nele und Merle, die beiden Kinder, fühlen sich pudelwohl. Innen
gehen im Erdgeschoss Flur, Küche und Wohnbereich ineinander über. Eine
Lüftungsanlage sorgt ständig für frische Luft, die Wärme verlässt das
Haus aber nicht. Das stellt ein Wärmetauscher sicher, über den die
Abluft ihre Energie auf die kalte, frische Zuluft überträgt. Von diesem
durchdachten Kreislauf profitiert auch die offene Küche. "Im Passivhaus
ist es so, dass sich nach spätestens drei Stunden der komplette
Luftinhalt ausgetauscht hat. Es gibt keine Gerüche, die zurückbleiben.
Knoblauch, Soßen, Fisch, alles wird kontinuierlich herausgelüftet",
freut sich Yvonne Gerster. "Wir haben deshalb auch nur eine Umlufthaube
über dem Herd, die der Kochluft den Fettanteil entzieht. Mehr benötigt
man nicht."
Trotz der kontinuierlichen Lüftung zieht es im Haus nicht. Dafür sorgen
nicht zuletzt die dreifach verglasten Holz-Alu-Fenster. Innen auf der
Oberseite des Glases sind selbst bei winterlichen Minusgraden noch
angenehme 18°C. Es gibt also keine kalten Flächen im Haus und damit
keine Luftzirkulation. Das Ergebnis: Behaglichkeit.
Im Sommer muss man darauf achten, dass die Räume nicht überhitzen. Da
macht es Sinn, die Türen und Fenster geschlossen zu halten, damit keine
Wärme hineinkommt. Gerade im Sommer ein kleines Manko, denn auch das
Vogelgezwitscher und die anderen sommerlichen Geräusche bleiben so
draußen. "Dank Merle und Nele verpassen wir trotzdem nichts, die rennen
eh immer rein und raus", sagt Yvonne Gerster. "Dann muss man eben abends
mal unten und oben die Fenster öffnen, damit die warme Luft wieder
entweicht."
Ganz ohne Wärmezufuhr können jedoch auch die Gersters nicht leben,
nämlich dann, wenn es um warmes Wasser geht. Dafür sorgen Sonne und
Erde. "Wir haben Solarthermie auf dem Dach und eine Erdwärmepumpe
installiert. Beides sorgt für heißes Wasser für beide Haushälften. Im
ersten Stock steht ein Wasserspeicher, der 40 Grad im Winter oder auch
90 Grad im Sommer hat und über einen Wärmetauscher Frischwasser
erwärmt."
Rund 800 000 Euro hat das Zuhause der Gersters ohne Eigenleistung
gekostet. "Wenn man bedenkt, dass Häuser mit etwa 160 Quadratmeter
Wohnfläche etwa 400 000 bis 500 000 Euro kosten, dann ist diese
Doppelhaus-Variante günstig, denn so kann ich die nächsten 50 Jahre eine
Hälfte vermieten", sagt Bauherr Nisse Gerster.
Erfahrungen zeigen, dass Passivhäuser etwa 15 Prozent teurer sind als
konventionell gebaute Gebäude, die dem derzeit gültigen
Niedrigenergiestandard nach EnEV folgen. Die kostspieligsten Posten
bilden dabei die Isolierverglasung und die Lüftungsanlage mit
Wärmerückgewinnung.
Um den finanziellen Mehraufwand in Grenzen zu halten, können Bauherren
entsprechende Förderprogramme in Anspruch nehmen, etwa von der
Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sie fördert den Bau oder den
Ersterwerb von Passivhäusern durch zinsgünstige Darlehen. Der
Finanzierungsumfang beträgt dabei 50 000 Euro je Wohneinheit, maximal
100 Prozent der förderfähigen Kosten, bei einer Laufzeit von bis zu 30
Jahren.
Gibt es da etwas, was die Gersters im Nachhinein anders machen würden?
Kaum, doch ein kleiner Aspekt fällt Yvonne Gerster dann doch noch ein:
"Ich bin ein Barfußmensch. Das ist im Winter nicht so angenehm. Früher
hatten wir eine Fußbodenheizung; die vermisse ich." Ein Aufwand, der in
einem Passivhaus wegen der kleinen benötigten Wärmemenge kaum lohnt.
Wenn es den Gersters an eisigen Tagen wirklich mal zu kalt wird, dann
helfen der Ethanol-Kamin und manchmal auch ein Heizlüfter. "Kein
Problem", so Nisse Gerster. "Die Stromkosten liegen dann bei 40 Cent pro
Tag. Das ist wirklich keine Dimension für eine Heizung."
Wer sich über diese innovative Bautechnik informieren möchte, kann das
im Rahmen der bundesweiten Passivhaustage von heute an bis 11. November
tun. Neben vielen anderen Projekten in und um Hamburg öffnen auch die
Gersters ihr Haus für Besichtigungen, um ihre Wohnerfahrungen
weiterzugeben.












