07.02.12

Erderwärmung

Sind die Klima-Warnungen völlig übertrieben?

Eine schwache Sonnenaktivität bremse die Erderwärmung, behauptet Fritz Vahrenholt. Wissenschaftler widersprechen vehement.

Foto: picture-alliance/ dpa/dpa
RWE-Kraftwerk Niederaußem
Die Sonne und der Ausstoß von Co2 tragen etwa geich stark zur Klimaentwicklung bei, behauptet Vahrenholt. Viele Klimaforscher halten den solaren Einfluss dagegen für gering

Hamburg. Der Zeitpunkt hätte nicht passender sein können. Heute erscheint im Verlag Hoffmann und Campe das Buch "Die kalte Sonne - Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet". Es hält die Warnungen vor einer starken Erderwärmung für falsch. Vielmehr prognostiziert es - während Europa vor Kälte zittert - einen leichten Trend zur Abkühlung. Einer der beiden Autoren ist Prof. Fritz Vahrenholt. Der promovierte Chemiker machte sich einen Namen als engagierter Kämpfer gegen Umweltverschmutzung, war 1991 bis 1997 Hamburger Umweltsenator.

Seit 1998 treibt Fritz Vahrenholt die Nutzung der erneuerbaren Energien mit Schwerpunkt Windkraft voran, derzeit als Vorsitzender der Geschäftsführung von RWE Innogy, der Tochter für Erneuerbare Energien des Stromkonzern RWE. "Seit einigen Jahren musste ich dem Vorstand von kalten, windschwachen Wintern berichten. Zunächst nahm ich einen Zusammenhang mit dem CO2-Ausstoß an. Doch dann las ich von Forschungsergebnissen, nach denen die kalten Winter Zeichen einer verminderten Sonnenaktivität sind. Und ich stellte fest, dass die globalen Temperaturen seit gut zehn Jahren nicht mehr ansteigen." Ihn treibe die Sorge um, dass den erneuerbaren Energien in Deutschland irgendwann dasselbe unrühmliche Schicksal drohe wie der Atomindustrie, so Vahrenholt. "Wenn die Leute merken, dass die Warnungen vor dem Klimawandel stark überzogen sind und der Treibhausgasausstoß nicht die ihm zugeschriebene überragende Rolle spielt, könnten sie sich von den erneuerbaren Energien abwenden."

Vahrenholts Warnung, den Treibhauseffekt nicht zu überschätzen, stößt erwartungsgemäß auf harsche Kritik von Klimaforschern. "Das ist eines von vielen Büchern, die bereits zum Einfluss der Sonne veröffentlicht wurden. Es liefert keine neuen Argumente", urteilt Prof. Jochem Marotzke, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und Sprecher des Deutschen Klima-Konsortiums, das 19 Institute und Institutionen der Klima- und Wetterforschung repräsentiert. "Die meisten Aussagen des Buches sind längst widerlegt." Marotzke hat es vor der Veröffentlichung gelesen und hält es für wenig stichhaltig.

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Eine Hauptaussage ist zweifelsfrei richtig: Das Klima erwärmt sich seit gut einem Jahrzehnt kaum noch. Doch die Schlussfolgerung der Autoren, dass damit die Warnungen vor einer Klimakatastrophe hinfällig seien, teilt Jochem Marotzke nicht: "In der Temperaturkurve der Erde haben wir ein Plateau erreicht, auf sehr hohem Niveau, die Erwärmung ist praktisch nicht weitergegangen. Aber solche Plateaus tauchen auch in unseren Modellen auf. In solchen Perioden wird die Wärme stärker vom tiefen Ozean aufgenommen. Wir suchen fieberhaft nach einer Antwort, warum dies so ist."

Den Widerspruch zwischen den Warnungen etwa des Weltklimarates IPCC vor stark ansteigenden Temperaturen und der tatsächlichen Stagnation sieht auch Marotzke, einer der Hauptautoren des IPCC: "Wir haben in der Kommunikation der komplizierten Zusammenhänge sicherlich Fehler gemacht. So haben wir in der vereinfachten öffentlichen Darstellung kaum über natürliche Klimaschwankungen, etwa durch Sonnenzyklen oder Meeresströmungen, gesprochen. Das heißt aber nicht, dass wir diese Einflüsse nicht beachtet hätten, wie Herr Vahrenholt behauptet. Sie stecken auch in den Klimamodellen. Doch diese bügeln die natürlichen Schwankungen weg, indem sie dieses sogenannte Rauschen mitteln."

Die kalte Sonne, die dem Buch seinen Titel gab, habe wenig Effekt auf das Klima, sagt Marotzke. Gemeint ist eine geringe Sonnenaktivität, die abkühlend wirkt. So sah es vor einem Jahr auch Prof. Sami Solanki, Direktor des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung. Damals ging es um einen möglichen Zusammenhang einer schwächelnden Sonne und dem Kaltstart des Jahres 2011. Solanki: "Satellitenmessungen zur Variation der Sonnenhelligkeit zeigen, dass diese innerhalb eines Zyklus nur um ein Promille variiert. Das ist ziemlich wenig, um Einfluss auf das Klima zu nehmen. Zudem erklärt die Sonnenaktivität den deutlichen Temperaturanstieg der letzten 30 Jahre nicht." Nach dem IPCC-Bericht von 2007 trug die Sonne im Zeitraum von 1750 bis 2005 mit einer Leistung von 0,12 Watt pro Quadratmeter (W/m²) zur Erderwärmung bei, das CO2 jedoch mit 1,5 bis zwei W/m².

Den IPCC kritisiert Vahrenholt als ein eher politisches denn wissenschaftliches Gremium - er habe sich genauer mit dem IPCC-Bericht befasst. "Der IPCC ist eine Ansammlung von sehr vielen hochrangigen Wissenschaftlern. Wir ringen darum, aus einer Vielzahl von Studien das Wissen zum Klimawandel zusammenzufassen", entgegnet Marotzke. Wenn Vahrenholt den Bericht studiert habe, dann habe er "viel gelesen und wenig verstanden", sagt der Klimaforscher Marotzke mit Blick auf den Chemiker Vahrenholt.

Zu dessen Aussage, Solaranlagen sollten nicht in Deutschland, sondern in den sonnenreichen Ländern Südeuropas und Afrikas gebaut werden, will sich Marotzke dagegen nicht äußern: "Bei den Solaranlagen ist Herr Vahrenholt der Experte, da will ich ihm nicht widersprechen."

Fragen und Antworten
Warum will die EU Glühbirnen abschaffen? Die Abschaffung von Glühbirnen dient dem Klimaschutz: Nach Berechnungen der EU-Kommission lassen sich dadurch rund 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen. Der Grund: Ein Großteil des von Glühbirnen verbrauchten Stroms verpufft in Form von Wärme, nur fünf Prozent werden in Licht umgesetzt – bei Energiesparlampen sind es bis zu 25 Prozent. Nach Angaben der EU-Kommission verbrauchen sie deshalb zwischen 65 und 80 Prozent weniger Strom als herkömmliche Glühbirnen. Mit Halogenlampen, die ebenfalls erlaubt bleiben, lasse sich immerhin eine Einsparung von rund 25 Prozent erzielen.
Müssen wir jetzt alle unsere Glühbirnen wegwerfen? Nein. Der Ausstiegsbeschluss vom Dezember sieht eine allmähliche Abschaffung vor: Ab 1. September 2009 sollen 100-Watt-Birnen aus den Geschäften verschwinden, ein Jahr später alle Glühbirnen mit einer Leistung zwischen 75 und 100 Watt. Am 1. September 2011 sind Birnen mit einer Leistung von mindestens 60 bis 74 Watt an der Reihe, ab dem 1. September 2012 soll es in der EU gar keine herkömmlichen Glühbirnen mehr zu kaufen geben. Halogenlampen bleiben erlaubt.
Energiesparlampen kosten mehr als Glühbirnen – eine Belastung der Verbraucher? In der Anschaffung sind Energiesparlampen teurer als Glühbirnen, dafür senken sie aber die Stromkosten. Nach Berechnung der Stiftung Warentest gleicht dies die hohen Anschaffungskosten bereits nach einem Jahr aus. Ökotest kritisiert zwar die gemessen an den Herstellerangaben geringe Haltbarkeit vieler Energiesparlampen, kommt aber trotzdem auf ein Einsparpotenzial von 6,50 Euro pro Stück und Jahr gegenüber herkömmlichen Glühbirnen.
Entspricht die Lichtqualität von Energiesparlampen der von Glühbirnen? Nicht ganz. Selbst die Hersteller räumen laut einer Ökotest-Studie vom Oktober ein, dass das Licht von Energiesparlampen wegen ihrer Röhrenstruktur nicht so gleichmäßig streut wie das von Glühbirnen. Die Stiftung Warentest beklagte außerdem "Watt-Schummelei": Nicht alle Energiesparlampen leisteten, was sie versprächen. Im Zweifel sei es daher besser, eine Energiesparlampe mit etwas höherer Wattzahl zu kaufen.
Sind Energiesparlampen dimmbar, und kann ich sie auch in alten Lampen einsetzen? Es gibt mittlerweile Energiesparlampen, die sich dimmen lassen, sie sind allerdings vergleichsweise teuer. Bei den Formen gibt es inzwischen dagegen eine große Auswahl, die unschöne Röhrenstruktur wird oft in einer Birne verborgen. Solche Energiesparlampen verbrauchen allerdings etwas mehr Strom.
Stimmt es, dass das Licht von Energiesparlampen wach macht? Es gibt mittlerweile sowohl Energiesparlampen mit "warmem" Licht als auch mit sogenanntem Tageslicht, das kalt-weiß leuchtet. Letztere werden für Arbeitsplätze empfohlen, nicht aber für das Schlafzimmer – denn Tageslicht kann tatsächlich wach machen.
Wie sieht es mit Gesundheitsrisiken aus? Gesundheitsschäden durch Energiesparlampen sind bislang nicht wissenschaftlich belegt. Einige Gesundheitsexperten halten die von Energiesparlampen ausgehende elektromagnetische Strahlung für bedenklich; sie ist aber geringer als die vieler Haushaltsgeräte. Die EU-Kommission räumt allerdings ein, Menschen mit Krankheiten, die mit einer besonderen Lichtempfindlichkeit einhergehen – ein Beispiel ist Migräne – könne die ultraviolette Strahlung von Energiesparlampen Probleme bereiten. Unter anderem deshalb sollen Halogenleuchten erlaubt bleiben. Ein weiterer Knackpunkt: Energiesparlampen enthalten giftiges Quecksilber, das allerdings normalerweise nicht nach außen gelangt. Laut EU-Kommission gleicht der geringere Energieverbrauch diesen Nachteil aus, weil bei der Stromproduktion Quecksilber freigesetzt wird.
Energiesparlampen sind Sondermüll und aufwendig in der Herstellung. Ist ihre Energiebilanz trotzdem positiv? Richtig ist, dass Energiesparlampen als Sondermüll entsorgt werden müssen. Sollte eine Energiesparlampe zerbrechen, so muss der Raum - wegen des dann entweichenden Quecksilbers – gelüftet werden. Der Gesamtenergieverbrauch ist trotz des Aufwands bei Herstellung und Entsorgung geringer als bei einer herkömmlichen Glühbirne, wie auch Ökotest in einer ansonsten sehr kritischen Studie schreibt.
Quelle: AP
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