Gastbeitrag: Ilse Aigner im Abendblatt Fünf Gedanken zur Grünen Gentechnik

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Fortschritt ist für eine moderne Gesellschaft unabdingbar. Doch jeder, so auch ich, muss sich fragen: Fortschritt um welchen Preis?

Chancen und Risiken sind abzuwägen. Das gilt auch für die Grüne Gentechnik. Dieser Prozess setzt Kenntnis und Urteilsvermögen voraus. Für mich sind dazu fünf Punkte entscheidend:

Erstens: Förderung des Rohstoffs Wissen. Deutschlands Wohlstand beruht immer mehr auf der Umsetzung von wissenschaftlicher Erkenntnis in moderne Technologie und Produkte. Mit Spitzenpositionen werden die Arbeitsplätze der Zukunft gesichert. Die Förderung wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung ist deswegen ein Grundanliegen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Zweitens: Forschung mit Verantwortung. Wissenschaft braucht Forschungsfreiheit. Die Anwendung von Erkenntnissen muss allerdings verantwortlich geschehen. Jede neue Technologie - wie die Grüne Gentechnik - muss kritisch auf ihre Fähigkeit geprüft werden, inwieweit sie die Gesellschaft voranbringt und aktuelle wie künftige Probleme lösen kann. Es geht nicht um kritiklose Zustimmung oder kategorische Ablehnung, sondern um die nüchterne Prüfung dieser Technologie. Neben Kriterien wie Nutzen und Mehrwert, Effizienz und Produktivität gehören auch ethische Maßstäbe dazu. Der Schutz von Mensch, Tier und Umwelt hat Vorrang vor Gewinn und Markt. Eine Ethik der Zukunft muss die Chancen für künftige Generationen abwägen mit Folgewirkungen und möglichem Schaden. Neben der Grundlagen- und Anwendungsforschung spielt bei der Grünen Gentechnik insbesondere die Sicherheitsforschung eine große Rolle. Nicht hinnehmbar ist gerade deshalb die mutwillige Zerstörung von Forschungsfeldern.

Drittens: Offenheit der Zukunft. Die Landwirtschaft mitsamt ihren vor- und nachgelagerten Bereichen ist heute weltweit vernetzt. Die moderne Biotechnologie kann einen Beitrag leisten, Energie und Ressourcen zu sparen, gesünderes Tierfutter zu erzeugen oder die Entwicklung von besser an die Umweltbedingungen angepassten Pflanzen zu fördern. Dazu gehört auch die Gentechnik. Unser Land kann es sich nicht leisten, diese Möglichkeiten zu ignorieren. Dann müssten wir in wenigen Jahren aus dem Ausland importieren, was wir bei uns nicht entwickeln konnten. Wir dürfen uns nicht künstlich dumm halten. Wir brauchen mehr Wissen, allerdings auch über tatsächliche oder denkbare Risiken. Gerade angesichts der Nicht-Rückholbarkeit muss man besonders vorsichtig mit Grüner Gentechnik umgehen.

Viertens: Prüfaufgabe der Politik. Ihrer Verantwortung wird die Politik nur gerecht, wenn sie prüft, was Wissenschaft und Wirtschaft als Lösung anbieten. Politik muss deshalb steuernd tätig werden. Es ist ihre Aufgabe, einzugreifen, wenn es Hinweise auf Fehlentwicklungen oder Beeinträchtigungen für Mensch und Umwelt gibt. Jeder Fall muss - so sehen es das europäische und deutsche Gentechnikrecht - sorgfältig für sich geprüft werden. Vor diesem Hintergrund habe ich meine Entscheidung zum Anbauverbot des MON810-Maises getroffen, ebenso die zur Freisetzung der Amflora-Industriekartoffel.

Fünftens: Mehr Teilhabe der Menschen. Forschung und deren Umsetzung braucht die Akzeptanz der Menschen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass Menschen vor Ort ein größeres Mitspracherecht hinsichtlich des Anbaus bekommen. Mehr Mitsprache und Teilhabe eröffnet auch die Möglichkeit größerer Klarheit im Urteil. Ich möchte deshalb die gesellschaftliche Diskussion zur Grünen Gentechnik aufgreifen, um zu klären, wohin die Reise gehen soll. Gemeinsam mit meiner Kollegin, Bundesforschungsministerin Annette Schavan, werden wir heute am Runden Tisch Forschungsfragen zur Grünen Gentechnik erörtern. Argumente der Pro- und Kontra-Seite werden wir sachlich prüfen, ebenso Positionen dazwischen. Das wird der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern, Verbänden und Initiativen, Beteiligten und Betroffenen sein. Ich setze auf den Dialog.

Gemeinsam einen verantwortbaren Fortschritt mit Maß und Mitte zu erreichen - dafür stehe ich ein.

Ilse Aigner (44, CSU) ist seit 2008 Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz.