17.01.13

Umfrage

Jede dritte Klinik rutscht in rote Zahlen

Auch die Hamburger Krankenhäuser beklagen steigende Kosten und politische Kampagne der Krankenkassen. Kassen übernehmen nicht alle Kosten.

Von Christoph Rybarczyk
Foto: dpa
Jede dritte Klinik in den roten Zahlen
Ein Krankenpfleger geht über einen Flur in einem deutschen Krankenhaus. Eine von drei Kliniken in Deutschland hat zuletzt rote Zahlen geschrieben. Verluste gab es nach den jüngsten Zahlen im Jahr 2011 bei genau 31 Prozent der Häuser

Hamburg/Berlin. Es ist ein Drama und ging bereits in den 80er-Jahren in Serie: "Das Krankenhaus am Rande der Stadt" lief als eine der wenigen Fernsehstaffeln erfolgreich in der DDR und der Bundesrepublik. Dabei war die Serie in der damals sozialistischen Tschechoslowakei produziert worden und musste synchronisiert werden. Die Planwirtschaft im Gesundheitswesen und das Gesundheitswesen in der Planwirtschaft liegen auch heute nicht so weit auseinander, wie man meinen könnte. Das hat dazu geführt, dass in Deutschland Jahr für Jahr Krankenhäuser schließen.

Jede dritte Klinik arbeitet derzeit in der Verlustzone. Vier von zehn Häusern erwarten im laufenden Jahr eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Das ergab eine Umfrage des Krankenhausinstituts. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beklagt, dass die Länder nicht mehr für alle Investitionen und Bauten und die Krankenkassen nicht mehr für alle Behandlungskosten aufkommen. Doch die Gesellschaft altert, und der Anteil der Patienten über 80 Jahre in den Klinikbetten steigt weiter an.

Außerdem drückten Tarifsteigerungen bei Ärzten und Pflegekräften sowie erheblich gestiegene Energie- und Sachkosten auf die Finanzen. Die Zahl von 2045 Krankenhäusern in Deutschland geht weiter zurück.

Im Wahljahr 2013 hat das dramatische Auswirkungen auch auf die Politik. Die CSU hat auf der Klausurtagung in Wildbad Kreuth gerade beschlossen, mit einem Fünf-Punkte-Programm die Krankenhäuser zwischen Aschaffenburg und Garmisch zu unterstützen. Auch am Rande der großen Städte soll eine umfassende Versorgung für die Patienten sichergestellt werden. Eine Milliarde Euro will die Staatspartei von Horst Seehofer in die Hand nehmen, um im Herbst 2013 die politische Ernte bei der Landtagswahl einzufahren. In Niedersachsen, wo an diesem Sonntag gewählt wird, rechnete die dortige Krankenhausgesellschaft vor, dass fast 70 Prozent aller Krankenhäuser im Land in diesem Jahr hohe Verluste erwarten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft forderte die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Berlin auf, den angeschlagenen Häusern finanziell unter die Arme zu greifen.

Hamburg als Medizinmetropole schien bislang vom Trend auf dem platten Land ausgenommen. Doch die Planwirtschaft bedroht auch die 35 Häuser der Stadt. Kurz gefasst, leiden Hamburgs Kliniken sogar unter dem eigenen Erfolg. "Unsere Häuser sind doppelt gebeutelt", sagte die Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, Dr. Claudia Brase, dem Abendblatt. "Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass alle Hamburger Krankenhäuser große Sorgen haben, wie sie finanziell über die Jahre 2013 und 2014 kommen." Die Kliniken müssen eine Planung vorlegen, und für jede Operation, die sie im neuen Jahr mehr machen wollen als im alten, müssen sie einen Rabatt einräumen, bekommen also weniger Geld als regulär. Und wenn die Ärzte dann wiederum mehr operieren müssen, weil die Patienten aus dem Umland, wo Kliniken geschlossen werden, noch stärker nach Hamburg strömen - dann bekommen die Hamburger Häuser noch einmal Geld abgezogen. Fast jeder dritte Patient in Hamburg kommt aus Schleswig-Holstein oder Niedersachsen.

Außerdem stehen in diesem Jahr Tarifverhandlungen an. Mit einem Gehaltssprung von mindestens drei Prozent ist zu rechnen. Auch das geht zulasten der Budgets. Die Ärztin und Verbandsmanagerin Brase hat dabei Verständnis für die Mitarbeiter: "Wie sollen sich denn beispielsweise Pflegemitarbeiter bei den hohen Lebenshaltungskosten in Hamburg überhaupt eine Wohnung leisten?" Der Chef des Albertinen, Prof. Fokko ter Haseborg, hatte den gesetzlichen Krankenkassen zuletzt vorgeworfen, die Krankenhäuser "an den Rand der Verleumdung" zu bringen. Sie hielten den Ärzten vor, allein aus wirtschaftlichen Interessen zu viel und unnötig zu operieren. Dagegen verwahrte sich auch Brase energisch: "Die Krankenkassen bringen sich politisch in Stellung, damit sie die Mehrausgaben in den Kliniken nicht zu bezahlen brauchen."

Brase sagte, in Hamburg würden leichte Fälle ohnehin von den vielen Fachärzten der Stadt ambulant behandelt. Im Übrigen sei die Krankenhausverweildauer in Hamburg vergleichsweise niedrig. Im sogenannten Case-Mix-Index lasse sich ablesen, dass die Hamburger Kliniken besonders viele schwere Fälle behandeln, dafür aber nicht ausreichend honoriert würden.

Bundesweit beklagen die Krankenhäuser, dass die Krankenkassen nur mit Verzögerung zahlen oder sich sogar weigern, für Kosten aufzukommen. Zwei Drittel aller Kliniken seien davon regelmäßig betroffen. Dem widersprachen die Kassen. Die Klinikfinanzierung sei völlig aus dem Gleichgewicht geraten, sagte AOK-Vorstand Uwe Deh der Nachrichtenagentur dpa. "Es fehlen in Deutschland eine bedarfsorientierte Krankenhausplanung und ein wettbewerbliches Vertragssystem zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen."

Doch mit den Verträgen ist das so eine Sache. Die Krankenkassen bevorzugen ein System, in dem sie ihre Versicherten in die Kliniken steuern, mit denen sie Verträge haben und die nach ihrer Meinung die besten medizinischen Ergebnisse lihefern. Das mag für einen statistischen Durchschnittskranken vernünftig klingen. Die freie Arzt- und Krankenhauswahl ist dabei jedoch eingeschränkt.

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