15.01.13

Statistik

Deutschland wächst - ein bisschen

Zuwanderer bringen ein Einwohnerplus. Bis 2030 nehmen nur Städte wie Hamburg zu. Das birgt Chancen und Risiken.

Von Christian Unger
Foto: dpa
Deutschland wuchs in der Größe einer Stadt wie Rostock - und das, obwohl mehr Menschen sterben als geboren werden
Deutschland

Hamburg. Hamburg war im Jahr 2012 nicht die Ausnahme - sondern die Regel. Die Zahl der Menschen, die in der Hansestadt lebten, lag Mitte des vergangenen Jahres bei 1.804.728. Allein im zweiten Quartal 2012 stieg die Einwohnerzahl um etwa 1500 Menschen an. Bisher hatten Metropolen wie Hamburg eine Sonderstellung in einem schrumpfenden Deutschland. Nach acht Jahren Rückgang hat die Bevölkerung nun aber zum zweiten Mal hintereinander zugenommen. Mit 82 Millionen Menschen lebten in der Bundesrepublik knapp 200.000 Menschen mehr als im Vorjahr. Gestern veröffentlichte das Statistische Bundesamt Zahlen. Das Land wuchs in der Größenordnung einer Stadt wie Rostock oder Mainz - und das, obwohl mehr Menschen sterben als geboren werden.

Vor allem Zuwanderer aus Europa sind Ursache für den Einwohnerzuwachs. Die meisten Menschen kamen aus Osteuropa und aus den von der Finanzkrise besonders gebeutelten südeuropäischen Ländern. Nach der Schätzung, die auf den Zahlen der ersten acht Monate in 2012 basiert, haben mindestens 340.000 mehr Menschen ihren Wohnsitz vom Ausland nach Deutschland verlegt als umgekehrt. Einen Wanderungsgewinn von mehr als 300.000 Personen gab es zuletzt 1995. Die meisten Menschen stammten aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Eine Folge der europäischen Freizügigkeit.

Auch für Hamburg veröffentlichten die Statistiker vom Bundesamt in Wiesbaden aktuelle Zahlen. In den ersten sieben Monaten zogen 10.197 Menschen aus dem Ausland in den Norden. Nur 9152 gingen aus Hamburg in ein anderes Land: ein Zuwachs von Januar bis Juli von 1045.

Langfristig aber schrumpft die Zahl der Einwohner in Deutschland - trotz der Zuwanderung. Auch das stellte das Bundesamt fest. Die Statistiker bleiben bei ihrer Prognose, nach der 2060, also in 50 Jahren, noch etwa 65 Millionen, maximal 70 oder 75 Millionen, Menschen hier leben werden. "Die Geburtenrate in Deutschland liegt seit 1972 bei etwa 1,3 Kindern pro Frau. Die Fertilität müsste aber bei 2,1 liegen, um den Bevölkerungsrückgang aufzuhalten", sagte Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock dem Hamburger Abendblatt. Und das trotz steigender und notwendiger Zuwanderung aus dem Ausland in die Bundesrepublik.

In Hamburg aber wird die Zahl der Einwohner entgegen den langfristigen Trends weiter zunehmen. Für die Hansestadt prognostiziert das Statistikamt Nord einen Zuwachs von etwa 100.000 Menschen bis 2030. Die Schätzung ist aus dem Jahr 2009. Damals wurde für 2012 eine Einwohnerzahl von 1.796.900 vorhergesagt - also noch unter dem aktuellen Wert. Das ist ein Signal dafür, dass Hamburg noch stärker wachsen könnte, als von den Statistikern bisher prognostiziert. Klarheit bringt aber erst der Mikrozensus 2013, der gerade mit Fragebögen erhoben wird.

Die Menschen vor allem auf dem Land im Osten Deutschland werden dagegen immer weniger. Für Hamburg birgt das nach Einschätzungen der Demografie-Forscher vor allem Chancen. Aber auch einige Risiken. "Der deutsche Arbeitsmarkt benötigt Zuwanderung. Metropolen wie Hamburg werden weiter boomen und eine Sogwirkung für Arbeit und Dienstleistungen entwickeln", sagte Tilman Mayer, Politikwissenschaftler an der Universität in Bonn, dem Abendblatt. Rembrandt Scholz sieht das ähnlich. "Junge Menschen aus Ostdeutschland ziehen nach Hamburg und bekommen dort auch Kinder. Die Stadt profitiert also doppelt."

Und doch seien Metropolen wie Hamburg mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Die steigende Bevölkerungszahl forciere die Wohnungsknappheit, so Wissenschaftler Mayer. Aber wer Fachkräfte ins Land holen wolle, müsse auch ein entsprechendes Wohnungsangebot entwickeln. Hier hätten Städte wie Hamburg Nachholbedarf. "Es werden zunehmend kleine Wohnungen benötigt, denn die Zuwanderer kommen meist zunächst ohne ihre Familien nach Deutschland." Mehr Single-Haushalte, mehr Wanderarbeiter - für sie seien große Wohnungen mit etwa 160 Quadratmetern unattraktiv. Zudem müsse Hamburg eine Aufteilung der Stadtteile verhindern - in deutsche Viertel und Zuwandererviertel. Dies berge ein hohes soziales Konfliktpotenzial, hob Mayer hervor.

Auch die Auswirkungen der Demografie auf das Bildungssystem sind zu spüren. Während in Nordrhein-Westfalen die Schülerzahlen langfristig zurückgehen, steigen sie in Hamburg von etwa 181.000 im Jahr 2018 auf 192.000 im Jahr 2025. Um auf die benötigte Zuwanderung zu reagieren, müssten die Schulen die Sprachförderung verbessern und auch die Integration von deutschen Schülern mit Kindern aus ausländischen Familien noch stärker voranbringen. "Dabei hat Hamburg aber Vorteile. Anders als Metropolen wie Köln oder München ist es ein eigenständiges Bundesland und kann seine Bildungspolitik selbst bestimmen", sagte Mayer.

Forscher Scholz warnt zudem vor Lohndumping durch Zuwanderung auf den deutschen Arbeitsmarkt. Wissenschaftler, Ingenieure oder Ärzte gehen in die USA oder nach Skandinavien, da dort die Gehälter höher sind. "Deutschland bedient sich am Weltmarkt und kauft Fachleute ein, zahlt dann aber niedrigere Löhne oder vergibt nur befristete Verträge für Arbeitskräfte aus Osteuropa oder Südeuropa. Das drückt Gehälter und Qualität." Zudem würden nicht nur Ingenieure gebraucht, sondern auch Erzieher, Hotelangestellte und Krankenpfleger.

Scholz und Mayer heben beide hervor, wie wichtig für Deutschland und für Städte wie Hamburg eine ausgeprägte Willkommenskultur ist - vor allem in den Bereichen Wohnung, Schule und sozialer Versorgung. "Noch profitiert Deutschland von der Krise in vielen europäischen Ländern." Doch sobald die Krise überwunden ist, müsse sich das Land viel stärker um qualifizierte Zuwanderer bemühen.

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