08.11.12

Mutmaßliche Terroristin

Beate Zschäpe: Die Frau mit zwei Gesichtern

Sie wird als kinderlieb und kontaktfreudig beschrieben, aber auch als radikal rechts und gewalttätig: Beate Zschäpe soll sich jetzt als mutmaßliche Rechtsterroristin und Mörderin verantworten.

Von Simone Rothe
Foto: DAPD
Mutmassliche Rechtsterroristin Zschaepe bleibt in Untersuchungshaft
Das Foto vom Bundeskriminalamt (BKA) zeigt das mutmaßliche Mitglied der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), Beate Zschaepe, bei einem Urlaub im Jahr 2004

Jena/Karlsruhe. Auf Jugendbildern wirkt Beate Zschäpe niedlich, ja harmlos. Auf anderen Fotos ist die heute 37-jährige mutmaßliche Terroristin mit wilder Mähne zwischen Rechtsradikalen zu sehen oder mit verbissenem Gesicht und Brille auf einem Fahndungsfoto. Sie ist die Überlebende der rechtsextremen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Zschäpe gibt dem Neonazi-Terror ein Gesicht, seit vor einem Jahr ihre mordenden Kumpane Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aufflogen und sich in einem Wohnmobil in Eisenach selbst töteten.

Die Frau in dem Trio sprengte die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in die Luft – zuvor brachte sie ihre beiden Katzen in Sicherheit. Vieles von dem, was inzwischen über Zschäpe in der Öffentlichkeit kursiert, zeichnet eine Frau mit zwei Gesichtern: Die kontaktfreudige junge Frau, die sich Plätzchenrezepte geben lässt, nett zu Kindern ist und ihre Katzen verwöhnt – und die "Killer-Braut", die nicht nur von der Mordserie ihrer beiden Uwes gewusst haben soll. Die Bundesanwaltschaft hat sie als Mittäterin wegen Mordes angeklagt. Zschäpe sei nicht nur Mitglied der terroristischen NSU gewesen, sondern für die Morde mitverantwortlich, sagte Generalbundesanwalt Harald Range.

Geboren wurde Zschäpe am 2. Januar 1975 in Jena. Dem Hauptschulabschluss folgte eine Ausbildung als Gärtnerin. Von Mitte 1992 bis Herbst 1997 ging sie einer Arbeit nach, zweimal unterbrochen von Arbeitslosigkeit. So steht es in einem Bericht des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer für die Thüringer Landesregierung. "Ihre Hauptbezugsperson in der Familie war die Großmutter", heißt es weiter.

Zschäpe selbst soll gesagt haben, im Gegensatz zu ihr stammten Mundlos und Böhnhardt aus intakten Familien. Zschäpes Verhältnis zur Mutter soll schwierig gewesen sein. Das wird in dem Buch "Die Zelle" veranschaulicht, das die Autoren Christian Fuchs und John Goetz jetzt vorgelegt haben. Danach war Zschäpes Mutter Studentin der Zahnmedizin in Rumänien. Wer ihr Vater war, möglicherweise ein rumänischer Studienfreund der Mutter, soll nie ganz klar geworden sein. Später habe die Mutter einen Jugendfreund aus der Jenaer Nachbarschaft geheiratet.

Aufgefallen ist Zschäpe erstmals als 17-Jährige. Der Schäfer-Bericht vermerkt 1992 mehrere Ladendiebstähle. 1995 wurde sie vom Amtsgericht Jena wegen "Diebstahls geringwertiger Sachen" zu einer Geldstrafe verurteilt. In dieser Zeit war Zschäpe im Jenaer Plattenbaugebiet Winzerla häufiger Gast im Jugendclub, bald an der Seite des Rechtsextremen Mundlos. Später, berichteten die Eltern von Böhnhardt in einem Fernsehinterview, sei sie die Freundin ihres Sohnes gewesen. Über das ungewöhnliche Dreiecksverhältnis ist viel spekuliert worden.

Im Alter von 23 Jahren verschwand die junge Frau mit den beiden Männern aus Jena von der Bildfläche. Sie ging mit Mundlos und Böhnhardt in den Untergrund. Zuvor hatte die Polizei ihre Bombenbauerwerkstatt in der Thüringer Universitätsstadt entdeckt. Danach agierte sie mit einer Handvoll Aliasnamen: Sie war mal Silvia und mal Lisa Pohl, nannte sich Mandy S. oder Susann D. Zeugen sollen sie als freundlich, kontaktfreudig und kinderlieb geschildert haben. Bei Diskussionen in der Szene soll sie jedoch die radikaleren Positionen ihrer beiden Kumpane unterstützt haben.

Nach der Explosion in Zwickau am 4. November 2011 war Zschäpe mit der Bahn tagelang kreuz und quer durch Deutschland unterwegs. Sie verschickte auch die NSU-Videos mit dem menschenverachtenden Paulchen-Panther-Bildern. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Wer Zschäpe wirklich ist und warum das scheinbar "nette Mädchen von nebenan" zur mutmaßlichen rechtsterroristischen Mörderin wurde, müssen nun die Richter in München ergründen

Pannen bei der Neonazi-Fahnung
Pannen bei der Neonazi-Fahndung
Thüringen: 1998 findet die Polizei in Jena in einer Garage des Trios des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Rohrbomben und Sprengstoff. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe können trotz eines Haftbefehls und der Beobachtung durch den Verfassungsschutz untertauchen. Im Mai 2012 kommt eine unabhängige Kommission zu dem Ergebnis, dass Fehler der Thüringer Behörden das Untertauchen des Neonazi-Trios begünstigt haben. Innenminister Jörg Geibert (CDU) versetzt Verfassungsschutzpräsident Thomas Sippel Anfang Juli in den Ruhestand. Er wird zuletzt wegen seiner Informationspolitik zur "Operation Rennsteig" kritisiert. Bei der geheimen Aktion ging es um den Einsatz von V-Leuten im Umfeld des Thüringer Heimatschutzes, dem früher auch das Neonazi-Trio angehörte.
Sachsen: Die Parlamentarische Kontrollkommission des sächsischen Landtags bescheinigt dem Verfassungsschutz des Freistaates im Juni erhebliche Defizite bei der Fahndung nach dem Neonazi-Trio, das nach dem Untertauchen unerkannt in Zwickau lebte. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Thüringer Verfassungsschutz sei mangelhaft gewesen. Im Juli tauchen im Landesamt für Verfassungsschutz Dokumente zu Ermittlungen im Zusammenhang mit dem NSU auf. Sachsens Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos räumt seinen Posten.
Bayern: Im Juli wird in München ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu möglichen Versäumnissen der Ermittler eingesetzt. In Bayern hatte das Terrortrio fünf seiner zehn Morde verübt. Der frühere Innenminister Günther Beckstein (CSU) weist im Mai vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss Vorwürfe gegen ihn und die Landesbehörden im Umgang mit der Neonazi-Mordserie zurück. Es habe keine heiße Spur gegeben, die den Anfangsverdacht eines fremdenfeindlichen Verbrechens bestätigt habe. Er räumt ein, die Übergabe der Ermittlungsführung von der bayerischen Sonderkommission Bosporus an das Bundeskriminalamt im Jahr 2006 abgelehnt zu haben.
Niedersachsen: Der Thüringer Verfassungsschutz informiert 1999 die Kollegen in Niedersachsen über Holger G., es gehe um Rechtsterrorismus. Die Fahnder beobachten den 37-Jährigen zwar und erstatten Thüringen Bericht – die Informationen legen sie aber zu den Akten. Drei Jahre später werden sie gelöscht. G. wird nach dem Auffliegen der Zelle im November 2011 als erster mutmaßlicher Unterstützer festgenommen. Er gibt zu, dem Trio eine Waffe sowie Papiere besorgt zu haben. Der Bundesgerichtshof hebt den Haftbefehl im Mai 2012 auf. Es gebe keinen dringenden Tatverdacht, dass G. das Trio unterstützt oder Beihilfe zu den Morden geleistet habe.
Nordrhein-Westfalen: Die Phantombilder der Verdächtigen eines Nagelbomben-Anschlags in Köln 2004 weisen offenbar große Ähnlichkeit mit den Bildern der mutmaßlichen Mörder eines türkischstämmigen Mannes in Nürnberg auf. Eine Verbindung wird aber nicht gezogen. Auch ein Sprengstoffanschlag auf eine iranische Familie 2001 in Köln wird dem NSU zugeordnet. Der Unionsobmann im Untersuchungsausschuss des Bundestags, Clemens Binninger (CDU), sagt nach einer Sitzung Anfang Juli, beide Anschläge hätten das Potenzial gehabt für eine heiße Spur zu den Rechtsterroristen.
Hessen: Am Tag des Mordes an einem Internetcafé-Betreiber 2006 in Kassel ist ein V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes am Tatort. Ermittlungen können den Verdacht einer Verwicklung in die Tat nicht erhärten. Der Verfassungsschutz lehnt es ab, dass die Behörden den Mann persönlich befragen. Später wird er vom Verfassungsschutz selbst mit den Fragen der Polizei konfrontiert.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Video Alle Videos

Gute Laune bei der AfD: Ihr Chef Bernd Lucke lacht bei seiner Wahlparty anlässlich der Landtagswahl in Sachsen. 
Brightcove Videos
Nach den Landtagswah…
Die AfD im Rausch

Nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Thüringen protzt die AfD mit selbstbewussten Sprüchen. Die übrigen Parteien sind verunsichert. Die CDU will sich mit der neuen Partei auseinandersetzen.mehr »

Top Bildergalerien mehr
Marine

Fregatte läuft zu Anti-Piraten-Einsatz aus

Wiesn

Promis beim Oktoberfest 2014

Ende einer Ära

Postschiffer Fiede Nissen sagt Tschüs

Hamburg

Auf diese Toiletten sollten Sie gehen!

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr