Nach Thilo-Sarrazin-Thesen

Was darf man heute sagen, was nicht? Was meinen Sie?

In seinem Buch setzt sich Sarrazin mit muslimischen Einwanderern auseinander. Die unbequemen Wahrheiten werden heiß diskutiert.

Jeder darf seine Meinung in Wort und Bild frei äußern, so steht es im Grundgesetz. Zu Recht halten wir uns viel darauf zugute, dass in unserer Demokratie alles gesagt und geschrieben werden darf, was die Würde anderer Menschen nicht verletzt. Denn in den wenigsten Ländern der Welt gelten diese Werte. Glücklich darüber, in Deutschland zu leben, sind wir deshalb trotzdem nur, wenn gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, Sommermärchen inklusive.

Viele Menschen in unserem Land teilen still die Übereinkunft, dass man, anders als beispielsweise Amerikaner, Franzosen oder Dänen, positive Heimatgefühle zu verleugnen hat. Weil Hitler "Doitschland" schrie und 60 Millionen Menschen dafür sterben mussten, tun wir heute bei jeder Auslandsreise so, als kämen wir aus Schweden, Irland oder Holland. Stolz aufs Deutschsein sind wir lieber nicht. Wir verteidigen unsere Werte nicht gerne. Und dass unsere Kultur eine Leitkultur sein könnte, das weisen wir laut entrüstet weit von uns. Wieso eigentlich? Lebt es sich hier so schlecht? Haben wir keine Werte zu verteidigen? Wäre es nicht wünschenswert, Gesetze, wie wir sie über Menschenrechte und Staatsgewalt kennen, würden auch in Syrien, Iran oder Somalia gelten? Warum bleiben wir kalt beim Anblick eines Fotos, das eine Frau, die alles verloren hat, nach der Flut in Pakistan zeigt? Sie hat ein Baby im Arm und eine Burka über dem Kopf. Alles verloren, nur die Burka nicht? Wer das mit einem Satz wie "Die haben eben eine andere Kultur" abtut, der scheint gehirngewaschen. Nein, man darf sich schon wundern über diese Kultur.

Thilo Sarrazin hat ein Buch zum Thema Deutschland und seine (muslimischen) Einwanderer veröffentlicht, hat Statistiken interpretiert und Thesen entwickelt, die diskutiert werden sollten und müssten. Und hat damit einen heftigen öffentlichen Diskurs ausgelöst. Empörung, so haben wir gerade erneut gelernt, tritt immer dann ein, wenn Tabus gebrochen werden. Wenn Themen angesprochen werden, die besser ein untergründiges Dasein führen sollten oder über die man nur in genau festgelegten Worten reden darf. Wenn Fakten auf den Tisch kommen, die zwar lange bekannt sind, die Gutmenschen oder Erregungsdemokraten - wie sie gestern die "Süddeutsche Zeitung" nannte - jedenfalls Menschen, die von der Warte moralischer Überlegenheit aus die Welt beurteilen, sofort als Stammtisch einordnen und die deshalb nicht ausgesprochen werden dürfen. Es sei denn, man wolle in die rechte Ecke gestellt werden. Was für ein Totschlagargument! Zudem, wenn Stephan Kramer, der dem Zentralrat der Juden in Deutschland angehört, sekundiert und dem Urheber und Provokateur Sarrazin rät, er möge "in die NPD" eintreten. Schlimmer geht's nicht. Der "gute Zentralrat" fällt ein böses Urteil. Mehr öffentlicher Aufruhr ist kaum möglich. Dass Stephan Kramer vielleicht ein Rad abhat, weil er sich über ein Buch äußert, das er wohl kaum vor Erscheinen gelesen haben kann, spielt dabei schon gar keine Rolle mehr.

Thilo Sarrazin ist mit seinen Thesen über muslimische Migranten, die in der Mehrzahl, salopp ausgedrückt, fickrig, faul und fromm seien und den deutschen Staat mehr gekostet hätten, als sie ihm einbringen, an die Öffentlichkeit getreten. Nicht unbedingt neu war das, denn schon im vergangenen Herbst entfachte Sarrazin mit einem Interview und Stichwörtern wie "Kopftuchmädchen" und fehlender Integrationsbereitschaft junger Türken und Araber eine Diskussion zu eben diesen Thesen. Und dennoch entbrannte eine Woge öffentlicher Empörung, wie man sie selten erlebt hat.

Sie richtete sich gegen ein Buch, das noch keiner kannte. Die Empörung war deshalb so groß, weil Sarrazin es gewagt hatte, unliebsame Äußerungen gegen muslimische Ausländer zu machen. So etwas darf man nicht in Deutschland. Denn das, was man sagen und nicht sagen darf, ist fest in der Hand der Diskurswächter, darüber gibt es bei uns inoffizielle Regeln. Als Frau beispielsweise darf man etwas gegen Männer sagen. Ganze Shows, Partys und Abendunterhaltungen leben davon. Umgekehrt geht das nicht. Es gibt andere Bevölkerungsgruppen, die man nur im Zusammenhang mit Beiwörtern wie ausgegrenzt, bildungsfern oder chancenlos anwenden darf: Hartz-IV-Empfänger etwa, Homosexuelle oder Ausländer, die stets Migranten heißen sollen. Es herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, was, wann und wie gesagt werden darf. Das jedenfalls wird man wohl noch sagen dürfen.

Zu den Fragen, die Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" aufgeworfen hat, zählt auch jene, ob die moralischen, politischen oder sozialen Überzeugungen, die öffentlich werden, nicht ein weichgespültes, intellektualisiertes, relativiertes Bild der Gesellschaft zeichnen und kaum je das treffen, was mit der Alltagserfahrung der Menschen übereinstimmt. Die Tatsache, dass 600 Journalisten zur ersten Vorstellung von Thilo Sarrazins Buch kamen, dass diese Präsentation live im Fernsehen übertragen wurde - beides ist noch nie einem Autor in Deutschland gelungen, nicht einmal einem Nobelpreisträger - macht klar, dass es Sprechverbote bei uns gibt. Aber das gehört möglicherweise auch schon zu den Sprechverboten, auszusprechen, dass es sie gibt. Woran man Sprechverbote erkennen kann? In leicht abgewandelter Form könnte man da die Aussage eines Richters am Obersten Gerichtshof der USA hinzuziehen, der einmal sagte, Pornografie sei sehr leicht auszumachen: "Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe." Man hat es irgendwie im Bauch.

Dass Ausländerfeindlichkeit oder die Spaltung allein durch Benennung geschürt werden, ist auch so ein Allgemeingut und trotzdem falsch. Ausländerfeindlichkeit entsteht dadurch, dass man einander nicht kennt, nicht kennenlernt, dass man nicht die gleiche Sprache spricht, dass es ungerechte Entlohnungen, scheußliche Wohnverhältnisse gibt und Menschen, die nicht wissen, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist.

Ungerüffelt sagen darf man hingegen etwas über "die Amerikaner", "die Israelis" und "die Banker". "Die Franzosen" darf man beschimpfen, wenn sie Roma (früher Zigeuner) rauswerfen. Und "die Industrie" und "die Energiewirtschaft" sind von vornherein ganz schlecht. "Die Bahn" ist auf dem besten Weg dorthin. Ansonsten, und das ist vielleicht der größte Fehler, den Thilo Sarrazin gemacht hat, darf man niemals pauschalisieren. Kollektive Zuschreibungen sind Tabu. Man darf nicht sagen, um mal beim Harmloseren anzufangen, Dicke sind hässlich, Chinesen geschäftstüchtig und Araber aggressiv. Seit die Amerikaner vor zwei Jahrzehnten Umschreibungen erfanden, nach denen beispielsweise hässliche Menschen "ästhetisch herausfordernd" aussehen und dumme dementsprechend "geistig herausfordernd" seien, nach denen Indianer "eingeborene Amerikaner" heißen, gilt es schönzufärben. "Generation 60 plus" statt Rentner zu sagen, ausgrenzen statt ausschließen, "anderweitig begabt" statt behindert, das gehört heute zum Umgangston.

Kein Wunder, das diejenigen, die zu den neu benannten Minderheiten gehören, also schwarze Sänger in den USA oder Musiker aus dem arabischen Raum wie der Berliner Bushido bei uns, lieber klare Worte benutzen und ganz deutlich singen: "Ich ficke deine Mutter". Vielleicht kann man so noch provozieren. Nichts anderes hat Sarrazin gemacht.

Das Volk redet genauso Wischiwaschi wie die Politiker, allerdings nur, wenn es offiziell wird. Hinter vorgehaltener Hand hört man anderes. Dass "die Schwulen unsere Kultur dominieren und man sich als Hetero daneben schon ganz unkultiviert vorkommt". Oder: "Die Frauen mit den Kopftüchern demonstrieren ja öffentlich, dass sie nicht zu uns gehören wollen. Ich soll mir neben ihnen wohl wie eine Schlampe vorkommen." Oder auch: "Mein Kind kommt in keine Klasse, in der 80 Prozent Ausländer sind" und "ich bin es leid, dass mein Kind als 'Kartoffel' beschimpft wird."

Mal abgesehen von Sarrazin scheint seit ein paar Jahren allein das Konstatieren von Zuständen, die man mit den Werkzeugen der Political Correctness nicht mehr erklären kann, bereits ein Sakrileg zu sein. Einiges darf man hierzulande weniger aussprechen als anderes. Schönsprech ist gefragt. Wer unliebsame Wahrheiten benennt, wird behandelt, als hätte er gefordert, jeder, der kein guter Deutscher ist, wird bestraft, muss mehr Steuern zahlen, bekommt weniger ärztliche Versorgung oder soll wegziehen. An Minderheiten trägt die deutsche Gesellschaft ihre Identitätsdebatte aus.

Warum haben wir diese unsägliche Debatte, in der Klischees und Vorurteile ausgebreitet werden, überhaupt? Vielleicht, weil wir, anders als Franzosen oder Amerikaner gar nicht genau definieren können, wie einer zu sein hat, der zu uns gehören will. Was ist deutsch? Was muss man tun, um deutsch zu werden? Bei Amerikanern, die viel lässiger mit ihren Einwandern umgehen, ist das klar: Echte Amerikaner - und das ist nicht nur ein Klischee - haben ein großes Auto, einen Rasen, den sie mähen. Sie schicken ihre Kinder zum Baseball, Basketball oder lassen sie Cheerleader werden. Sie grillen hinterm Haus und treffen sich auf dem Sportplatz der Schule. Wer da mitmacht, wird als Amerikaner akzeptiert, egal, ob er Aisha oder Alfred heißt.

Wir hingegen können unsere eigene kulturelle Identität kaum benennen. Wie wollen wir leben, was sind unsere Tugenden? Sollte man Fußball spielen, in die Eckkneipe gehen, in die Kirche, wenn man hier dazugehören will? Im Sommer nach Bayern oder an die See fahren, Roulade essen, viel nachdenken, unzufrieden sein, übers Wetter schimpfen, bei Rot an der Ampel stehen bleiben, auch wenn kein Auto kommt, meckern, putzen, motzen? Wird man so ein guter Deutscher? Wir gehören zu jenen schrecklich modernen Menschen, die alles tolerieren, bei denen alles möglich ist. So fühlen wir uns am besten. Aufgeklärt, tolerant und emanzipiert. Und daran, dass die Deutschen sich nur Kinder wünschen, aber nicht bekommen, sind die Moslems nun wirklich nicht schuld. Selber Schuld kann man da nur sagen, dass ihr euch das Beste entgehen lasst. Aber vielleicht ist es typisch deutsch, auf den Ego-Trip zu gehen. Einsam und unverstanden ist der moderne Deutsche. Anpassungsfähig und konfliktscheu bis zur Selbstaufgabe. Und am liebsten heult er mit den Wölfen.