Zwangsadoptionen in der DDR

"Deine Mama kommt bestimmt nicht mehr"

Foto: Christian Kielmann

Kinder von "Staatsverrätern" wie Katrin Behr wurden in der DDR zwangsadoptiert. Heute führt sie die Entrissenen wieder zusammen.

Dieses Versprechen, hastig gegeben von der Mutter: "Wir sehen uns heute Abend wieder, versprochen." Katrin Behr hat es geglaubt. Aber die Mutter kam nicht. Daran wäre die Tochter später fast zerbrochen.

Der 6. Februar 1972, ein grauer Montagmorgen in Gera. Die dreiköpfige Familie - Mutter, Sohn, Tochter - wird durch lautes Krachen an der Wohnungstür aus dem Schlaf gerissen. "Machen Sie sofort auf!" Männer in dunklen Wintermänteln zerren die Mutter und ihre Kinder raus auf die Straße. Dort steht ein Auto. "So, jetzt verabschiedet euch mal von eurer Mutter", sagt einer der Männer. Katrin, die vierjährige Tochter, weint, klammert sich an ihre Mutter. Ihr fallen die seltsamen Metallringe auf, die ihre Mutter auf einmal um die Hände trägt. "Bleib doch bei uns!", schreit Katrin. "Ich werde auch immer artig sein!" Die Mutter versucht, nicht panisch zu wirken. "Du musst jetzt tapfer sein und bitte loslassen. Ich verspreche dir auch, dass ich heute Abend wieder zu Hause bin", sagt sie. Das Auto rumpelt über das Kopfsteinpflaster, die Mutter winkt ihren Kindern aus dem Fond mit ihren gefesselten Händen zu. Dann ist sie weg. Und bleibt weg, Monate, Jahre, Jahrzehnte.

Ein Berliner Sommernachmittag im Jahr 2011. Katrin Behr ist jetzt 44 Jahre alt. Ihr Büro befindet sich in dem Plattenbau-Komplex, in dem einst Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit residierte. Dort zu arbeiten, wo früher das System entschied, ihr an jenem grauen Februarmorgen die Mutter zu nehmen, sei "irgendwie eine Ironie der Geschichte", sagt sie.

+++Im Internet suchen Opfer der Zwangsadoption nach ihren Verwandten+++

Katrin Behr arbeitet jetzt für die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. Sie hat hier eine Stelle bekommen, damit sie sich hauptamtlich um ihr Lebensthema kümmern kann: Zwangsadoption. Die Zwangsadoptierten waren die jüngsten Opfer der DDR-Diktatur. "Es braucht Zeit, bis unsere Schicksale bekannt werden und bis die Betroffenen dazu bereit sind, darüber zu reden", sagt Behr. Wie viele Fälle es gibt, ist umstritten: Behr spricht von Tausenden, andere von weniger als hundert.

Da sind Mütter, denen in der Klinik vorgelogen wurde, ihr Kind sei tot geboren worden. Da sind Kinder, die nach ihren leiblichen Eltern suchen und wissen wollen, ob sie Geschwister haben.

"Eigentlich bin ich ja gut aufgewachsen" - das ist so ein Satz, den man von Zwangsadoptierten oft höre, sagt Behr. "Auch ich habe versucht, mir das einzureden. Aus falscher Dankbarkeit."

Zwangsadoptierte fühlen sich entwurzelt. Aber dem Bedürfnis, ihre leibliche Familie zu finden, steht oft Unbehagen im Weg: Sie haben Angst, auf Belastendes zu stoßen. Und sie wollen ihre Adoptiveltern nicht "verraten".

Katrin Behr ist durch dieses Entwurzeltsein krank geworden, sie wäre daran fast gestorben. Bis heute hat sie große Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen. Liebe annehmen - sie möchte es so gerne. Aber sie kann es einfach nicht. Seit neun Jahren hat sie keine feste Beziehung mehr gehabt. "Ich habe immer einen gewissen Selbstschutz in mir drinnen", sagt sie. Sie wolle immer alles unter Kontrolle haben. Als sie klein war, ist alles um sie herum außer Kontrolle geraten.

Nachdem ihre Mutter 1972 weg ist - der Vater hatte die Familie schon früh verlassen -, kommen Katrin und ihr Bruder in verschiedene Kinderheime. Die anderen Kinder hänseln sie. "Deine Mama kommt nicht mehr." Katrin antwortet: "Ihr lügt! Sie hat gesagt, sie kommt wieder." Sie weint oft, zieht sich zurück, spielt nicht mit den anderen Kindern. Wenn Katrin weint, müssen die anderen sie auslachen. "Deine Mutter kommt bestimmt nicht mehr. Sie ist eine Staatsverräterin, und das hat sie jetzt davon", zischt die Erzieherin dem Kind zu. Katrin weiß nicht, was eine Staatsverräterin ist. Aber sie lernt, ihre Gefühle zu unterdrücken, nicht mehr zu weinen. Zwei Versuche des Jugendheims, sie in eine Pflegefamilie zu geben, scheitern. Dann, 1973, wird sie von einer Lehrerin und einem Maurermeister aufgenommen. Die Pflegemutter ist Parteisekretärin. Sie verpflichtet sich, Katrin zu erziehen, "wie es unser Staat von uns erwartet".

Das Verhältnis zum Pflegevater ist herzlich und warm. Das Verhältnis zur Pflegemutter ist distanziert und kalt, eine Umarmung gibt es selten.

Die Pflegemutter will der Öffentlichkeit zeigen, was für einen ordentlichen Menschen sie aus Katrin formt - Katrin fügt sich, weil sie nicht zurück ins Heim will. An der Schule ist sie Außenseiterin, sie gilt wegen ihrer linientreuen Mutter als "rote Socke". Heimkind, Tochter einer Staatsverräterin - diesen Makel will sie wettmachen durch Engagement. Bei den Jungpionieren, Pionieren und der FDJ fühlt sie sich zum ersten Mal gleichwertig.

+++Auch Hamburger von Zwangsadoptionen betroffen+++

Ihre Pflegeeltern bekommen noch ein eigenes Kind, einen Sohn. Katrin muss sich um ihn kümmern, im Haushalt so viel mitarbeiten, dass ihre schulischen Leistungen darunter leiden. Sie erfüllt ihre Aufgabe, um nicht zu enttäuschen. Sie fühlt sich immer mehr wie in einem Gefängnis. Heute sagt sie: "So schlimm es auch war: Die Dankbarkeit, dass ich nicht im Heim aufwachsen musste, ist trotzdem größer."

Sie denkt in dieser Zeit viel an ihre Mama. Sie denkt: "Meine Mama würde mich verstehen." Nach sechs Jahren in der Pflegefamilie fragt sie nach ihr. Ihre Pflegemutter ist unangenehm berührt. "Na ja, deine Mutter ist eben lieber feiern und tanzen gegangen, als sich um euch zu kümmern. Und sie hatte öfter mal Männerbesuch." Eine Lüge.

Eigentlich will Katrin Behr Erzieherin werden, aber ihre Pflegemutter wünscht, dass sie eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnt. Wieder fügt sie sich. Sie möchte eigenständiger werden. Katrin heiratet einen NVA-Soldaten, zieht nach Rügen, bekommt zwei Kinder, arbeitet. Doch die Ehe ist nicht glücklich. Katrin fügt sich in das Bild, das von ihr erwartet wird: Mutter, Arbeiterin, Bürgerin der DDR.

Dann fällt die Mauer. Katrin Behr hat Verlustängste; sie hatte Vertrauen in den Staat der DDR gefasst, jetzt sieht sie sich von Neuem getäuscht.

Und dann hat sie doch den Mut, zu Hause erneut nach ihrer leiblichen Mutter zu fragen. Die Pflegemutter besorgt beim Jugendamt deren Adresse. Im April 1991 dann das erste Wiedersehen, in einem Dorf irgendwo in Thüringen. "Ach mein Kind, meine Katrin", sagt die Mutter, dann liegen sie sich in den Armen.

Für Katrin Behr ist damals alles zu viel: Da ist ihre Adoptivfamilie, und da ist ihre richtige Mutter, die zum zweiten Mal geheiratet und zwei weitere Kinder bekommen hat. Bei einem Treffen der beiden Familien kommt es zum Eklat. "Ihr habt mir ja keine Chance gelassen zu beweisen, dass ich eine gute Mutter bin. Ihr roten Socken! Ihr habt mir ja meine Kinder weggenommen!", schreit Katrins Mutter.

Katrin weiß nicht, wohin sie gehört. Tochter und Mutter schaffen es damals nicht, ein funktionierendes Verhältnis zu entwickeln. Zum Bruch kommt es, als die Mutter behauptet, Katrins Vater sei tot. Dabei lebt er heute noch.

Katrin Behr fühlt sich schon wieder verraten und bricht den Kontakt ab. Dann stirbt auch noch ihr geliebter Pflegevater. Ihre Pflegemutter sagt ihr nach seinem Tod: "Von mir aus wärst du damals ins Kinderheim zurückgekommen. Dass wir dich gehalten haben, hast du nur Vati zu verdanken, weil er es nicht zugelassen hat."

Katrin Behr ist zu dieser Zeit bereits depressiv. Ihre Ehe wird geschieden, mit ihrem Mann liefert sie sich einen hässlichen Scheidungskrieg. 1996 erträgt ihr Herz den Stress nicht mehr, nur knapp überlebt sie einen Herzkollaps. Ende der 90er-Jahre denkt sie häufig an Selbstmord. Sie wird spielsüchtig, macht selbst einen Entzug. Eine Psychotherapeutin rät ihr, nach ihren Wurzeln zu suchen.

Zum Wendepunkt in ihrem Leben wird aber ausgerechnet ein Besuch beim Grundbuchamt. Sie sieht, dass ihre Pflegemutter sie enterbt hat. "In diesem Moment fühlte ich keine Loyalität mehr zu meiner Adoptivfamilie", sagt sie. Jetzt will sie wissen, wer sie ist. Es ist das Jahr 2007. Im Archiv der Geraer Adoptionsvermittlungsstelle findet Behr zwei Ordner über ihre Mutter. Nachdem die Beamten ihr den Inhalt vorgelesen haben, kann Katrin Behr sie erstmals als Opfer anerkennen. Und sie rekonstruiert ihr Schicksal.

Katrins Mutter hat keinen Beruf erlernt, bekam früh Kinder. Katrins Vater, ein NVA-Soldat, verließ die Familie. Die Mutter war mit ihrer Mutterrolle überfordert, vernachlässigte ihre Arbeit und wurde beim Ladendiebstahl erwischt. Zwei ältere Schwestern hatten die DDR vor dem Mauerbau verlassen. Die Mutter umgab sich mit Oppositionellen. Nicht zu Unrecht vermutete die Stasi, dass sie flüchten wollte.

1972, nachdem man ihr die Kinder weggenommen hatte, wurde sie mehrfach inhaftiert und zu Arbeitseinsätzen abkommandiert. Sie wurde verurteilt, weil sie die öffentliche Ordnung "durch asoziales Verhalten" gefährdet habe. Nach der Haft durfte sie nicht nach ihrer Tochter suchen und sich auch nicht in Gera niederlassen. Eine Sache ist für Katrin Behr wichtig: Nicht ihre Mutter hatte sie zur Adoption freigegeben, sondern die Jugendhilfe hatte die Vormundschaft beantragt. "Meine Mutter hat es also tatsächlich ernst gemeint mit dem Versprechen, mich abzuholen", sagt sie.

Sie nimmt nach elf Jahren Funkstille wieder Kontakt auf. Ihre Mutter versteht sie. "Ich habe gesehen, wie zerrüttet du damals warst. Du wusstest ja gar nicht mehr, wem du was glauben sollst", sagt sie. In diesen Tagen nennt Katrin Behr sie erstmals wieder "Mama".

Und sie erfährt, dass sie nicht die einzige Zwangsadoptierte der DDR ist. Sie lässt eine Internetseite erstellen, auf der Entrissene nach ihren Verwandten suchen können. Hunderte Anfragen gehen ein. Bislang konnte Behr in mehr als 200 Fällen vermisste Angehörige ausfindig machen. Sie fordert Therapien für Eltern und Kinder, Entschädigungszahlungen. "Das Wichtigste ist aber, dass die Betroffenen als Opfer dieses Systems anerkannt werden."

Zu ihrer Adoptivmutter hat Katrin Behr keinen Kontakt mehr.

Es ist die große Tragödie von Katrin Behr und ihrer Mama, dass sie ihre verlorene gemeinsame Zeit nicht wieder aufholen konnten. Denn kurz nachdem sie sich zum zweiten Mal gefunden hatten, erlitt die Mutter schweres Hirnbluten. Seitdem ist sie halbseitig gelähmt, wird künstlich beatmet, kann nicht mehr sprechen. Dass die DDR ihr die Kinder genommen hat, hat sie nicht verkraftet. Sie möchte als politisches Opfer anerkannt werden. Aber die Gerichtsverhandlung in Gera stockt, weil wichtige Papiere über den Fall fehlen - sie wurden vor der Wende vernichtet.

Katrin Behrs Kontakt zu ihrem leiblichen Bruder, der seine Jugend im Heim verbrachte, war zwischendurch abgerissen. Erst vor Kurzem, beim 64. Geburtstag ihrer Mutter, näherten sich die beiden wieder an. Mit dem Sohn ihrer Adoptiveltern hat sie nichts mehr zu tun. Er könne ihre Probleme nicht verstehen, sagt sie.

Sie sagt, sie habe mittlerweile akzeptiert, dass sie die fehlende Zeit mit ihrer Mutter einfach nicht haben durfte. Verwandte finden, dass sie sich ähnlich sehen, dass sie beide ähnlich herzlich vom Charakter seien.

Katrin Behr hat über ihr Leben und ihre beiden Mütter ein Buch geschrieben, Titel: "Entrissen". Sie hält die Namen und die Bilder ihrer Mütter aus der Sache heraus. Behr hat das Buch vor allem für sich geschrieben. Und für alle anderen Zwangsadoptierten.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.