Mutmaßlicher NS-Verbrecher

Demjanjuk-Prozess - Überlebende geben Holocaust-Opfern eine Stimme

München. Der Sobibor-Überlebende Jules Schelvis hat im Mordprozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk seine Deportation in das Vernichtungslager geschildert. Er habe seinen Rucksack und seine Gitarre mitgenommen, weil die Deutschen gesagt hätten: "Ihr geht zur Arbeit in den Osten", sagte der 88-Jährige vor dem Münchner Schwurgericht aus. Seine 20-jährige Frau Rachel und weitere 17 Familienmitglieder wurden in Sobibor vergast.

Demjanjuk ist angeklagt, von März bis September 1943 als Wachmann in Sobibor beim Mord an 27 900 Juden geholfen zu haben. Schelvis sagte, mehr als 3000 Bewohner des Amsterdamer Judenviertels seien am 26. Mai 1943 ins Zwischenlager Westerbork abtransportiert worden. Am 1. Juni seien sie in einen Zug mit 50 Güterwaggons gepfercht worden. Sie hätten sich auf der viertägigen Reise nach Ostpolen zusammengedrängt, damit die Alten und Kranken liegen konnten. Aber er habe geglaubt, "dass wir zur Arbeit deportiert werden". An seine Druckerei habe er im letzten Moment noch eine Karte geschrieben: "Alles o.k. Rachel und Jules Schelvis."

Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch beantragte erneut die sofortige Aussetzung des Verfahrens und warf den drei Berufsrichtern Befangenheit und Willkür vor. Der Nebenkläger-Anwalt Cornelius Nestler sagte, Buschs Anträge erinnerten an alte Tonbandaufnahmen. Die Vernehmung von Kindern der Ermordeten sei notwendig, "weil die Opfer durch ihre Kinder eine Stimme bekommen haben".

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